Verwunderung beim 1. FC Köln

„Ich kannte diese Regel bislang noch nicht“

Von Tobias Rabe
04.02.2021
, 14:26
Der 1. FC Köln schießt im DFB-Pokal ein Tor, das nicht zählt, und scheidet später aus. Ärger und Verwunderung sind groß. Nach dem Spiel klären der Schiedsrichter und der DFB über die offenbar recht unbekannte Regel auf.

Die DFB-Pokalspiele in dieser Woche haben nicht nur acht Sieger hervorgebracht, die in vier Wochen um den Halbfinaleinzug spielen, sondern auch erstaunliche neue Erkenntnisse über die Regeln des Fußballs, selbst für Spieler und Trainer, die sich eigentlich aus beruflichen Gründen gut auskennen müssten. Nach der Aufregung in Dortmund, wo Paderborns Trainer Steffen Baumgart den Respekt des Schiedsrichters vermisste und über die Entscheidung beim BVB-Siegtor schimpfte, gab es auch bei der Kölner Niederlage bei Jahn Regensburg am Mittwochabend Redebedarf um ein Tor des FC, das aber nicht zählte.

DFB-Pokal

Was war passiert? Nach einer Kölner Ecke wehrte Regensburg den Ball ab. Doch der FC brachte ihn aus dem Rückraum schnell wieder Richtung Tor des Jahn. Um einen Treffer zu verhindern, hielt Scott Kennedy seinen Fuß in die Flugbahn und wehrte den Ball noch ab. Aus dem Strafraum erreichte das Spielgerät wieder den Kölner Eckenschützen Ondrej Duda, dessen Flanke Benno Schmitz mit einem Kopfball per Bogenlampe im Regensburger Tor unterbrachte. Die Kölner jubelten über das vermeintliche 3:1 (39. Minute). Doch Schiedsrichter Robert Hartmann erkannte das Tor zur Verwunderung vieler nicht an.

Die Kölner haderten nach dem bitteren Aus im Elfmeterschießen vor allem mit dieser Szene. „Die Entscheidung nach unserem vermeintlichen dritten Tor haben wir alle nicht verstanden. Niemand auf der Ersatzbank“, behauptete Trainer Markus Gisdol. „Ich kannte die Regel bislang noch nicht so, wie sie jetzt nach Abpfiff erklärt wurde. Ich glaube, die meisten Zuschauer kannten die Regel auch nicht.“ Das mag sein, doch das dicke Regelwerk des International Football Association Board (Ifab) erklärt unter Regel 11 „Abseits“ genau, wann eine Abseitsposition strafbar ist – wie in diesem Kölner Fall.

Schiedsrichter Hartmann, der das Tor nach Rücksprache mit seinem Video-Assistenten aberkannte, stellte sich nach der Partie den Fragen der Regelunkundigen. Hartmann hatte die Abseitsposition im Spiel zunächst nicht wahrgenommen, wurde dann aber per Videohilfe informiert. „In der Entstehung des Tores kommt es zu einem Schuss auf das Tor, den ein Regensburger ablenkt“, schilderte Hartmann nochmal die Szene. Durch diesen Kontakt entstehe jedoch keine neue Spielsituation, „die vorherige Abseitsposition (vom Kölner Duda, Anmerkung der Redaktion) bleibt bestehen. Deswegen mussten wir das Tor annullieren.“

Was sagt Regel 11 im Wortlaut? „Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus einer Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt (mit Ausnahme einer absichtlichen Abwehraktion eines Gegners). Eine Abwehraktion liegt dann vor, wenn ein Spieler einen Ball, der ins oder sehr nah ans Tor geht, mit irgendeinem Körperteil außer mit den Händen/Armen (ausgenommen der Torhüter im eigenen Strafraum) abwehrt oder abzuwehren versucht.“ Genau solch eine „absichtliche Abwehraktion“ hatte Hartmann erkannt. Daher: strafbares Abseits und Aberkennung des Tores!

Der DFB erläuterte auf dem Twitter-Kanal der Schiedsrichter die Entscheidung in eigenen Worten und mit ein wenig Hintergrund: „Die Berührung des Balles durch einen Spieler der verteidigenden Mannschaft hebt eine Abseitsstellung nur dann auf, wenn es sich dabei um ein absichtliches Spielen des Balles handelt, das nicht einer Abwehraktion entspringt.“ Die Abseitsstellung sei „jedoch dann strafbar, wenn ein Spieler den Ball aus einer Torabwehraktion eines Abwehrspielers erhält.“ Eine Torabwehraktion werde gleich bewertet wie die Abwehraktion eines Torwartes. Der Fachbegriff sei deliberate save, also absichtliche Abwehr.

Kölns Trainer Gisdol machte aus seinem Missfallen dieser Regel und seiner Auslegung keinen Hehl. „Klar war das 3:1, das nicht gegeben wurde, auch so ein Knackpunkt, weil es alle eigentlich nicht verstanden haben“, sagte Gisdol nach dem 5:6 nach Elfmeterschießen. „Es ist eigenartig und fremd, dass der Gegner den Ball aus dem Sechzehner 'rausschießt, und dann heißt es, das Abseits wäre trotzdem gültig.“ Gisdol zufolge hat der Regensburger „mit einer aktiven Bewegung den Ball aus dem Sechzehner“ geschossen, „natürlich unsauber, und dadurch schießen wir das Tor. Das ist schon schwierig.“

Die beiden Szenen, in Dortmund und nun in Regensburg, zeigen, wie knifflig die Fußball-Regeln geworden sind. Vom Grundsatz ähnelten sich die Szenen. Beide Male ging es um eine Abseitsposition und die Frage, ob oder wie ein Abwehrspieler den Ball zu einem Gegner gespielt hatte. Regeltechnisch lassen sich beide Entscheidungen als korrekt einordnen, doch ob sie auch im Sinne des Sports waren, bleibt fraglich. Dazu fehlte vielen, im Stadion oder vor den TV-Bildschirmen, die deutliche und unmittelbare Erklärung der Entscheidung. So blieben Frust, Unverständnis und Regelwut.

Letztlich sah aber auch Gisdol, dass die Niederlage nicht alleine am Regelwerk lag: „Wir hätten es gar nicht so weit kommen lassen dürfen“, sagte er mit Blick auf die Lotterie Elfmeterschießen. „Zu passiv und zu leichtfertig“ sei sein Team nach der Führung durch Ismail Jakobs (4.) und Emmanuel Dennis (22.) gewesen. Kennedy (35.) und Jann George (44.) glichen aus. Kölns Neuzugang Dennis vergab im Spiel einen Strafstoß (78.), im Elfmeterschießen trafen Jorge Meré und Jannes Horn nicht. „Ein Elfmeterschießen ist immer Glückssache“, sagte Gisdol, der seinen Schützen keinen selbstredend Vorwurf machen wollte: „Sie haben sich freiwillig gemeldet und getraut, anzutreten.“

Kölns Sportchef Horst Heldt hofft, dass die Abseits-Diskussion nicht zum Dauer-Thema werden. „Es wäre traurig, wenn sich nun auch noch ständige Diskussionen über Abseits entwickeln würden“, sagte Heldt: „Es reicht, wenn wir ständig über Handspiele diskutieren müssen.“ Bisher habe er „normalerweise das Empfinden gehabt, dass Abseits klar geregelt ist und wir nicht diskutieren müssen. Die Schiedsrichter haben es mir in der Halbzeit auf dem Weg in die Kabine versucht zu erklären. Sie haben es nach der Halbzeit versucht und nach dem Spiel noch mal. Man kann ihnen nicht nachsagen, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten“, sagte Heldt: „Und ich habe mir auch Mühe gegeben, es zu verstehen. Aber ich verstehe es bis heute nicht. Und ich werde es auch morgen nicht verstehen. Es leuchtet mir einfach nicht ein. Beim Gegner gab es auch gar keine Proteste, von daher war das für alle ziemlich verwunderlich.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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