Adidas und die Fußballskandale

Gute Freunde, schlechte Freunde

Von Michael Ashelm und Rüdiger Köhn
19.10.2015
, 14:52
Der heiße Herbst der Fußballskandale bringt Adidas immer wieder ins Spiel. Dort will man zwar die Transparenz fördern – doch alte Bekannte und Seilschaften werfen immer wieder ihre Schatten.

Der Skandal um den Internationalen Fußballverband (Fifa) entwickelt sich für Herbert Hainer zu einem Dilemma. Mit einem unguten Gefühl dürfte der Vorstandsvorsitzende von Adidas die fallenden Dominosteine beobachten – von der Fifa über den europäischen Fußballverband (Uefa) und nun zum Deutschen Fußballbund (DFB).

Er ist schließlich Chef des Hauptsponsors für alle drei Organisationen, die den populärsten Sport der Welt repräsentieren. Die lange schwelenden, jetzt hochgekommenen Vorwürfe über eine gekaufte „Sommermärchen-WM“ 2006 bringen schwer absehbare Folgen mit sich und könnten bereits Auswirkungen auf die Verhandlungen zwischen dem DFB und Adidas um einen neuen Sponsorenvertrag haben.

Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass die gegenwärtig auf Hochtouren laufenden Gespräche mit dem größten deutschen Sportverband ins Stocken geraten und sich der für spätestens Frühjahr 2016 erwartete Vertragsabschluss verzögert. Hainer selbst hatte die Hoffnung, in diesem Zeitraum ein Ergebnis für einen neuen Ausrüstervertrag der deutschen Nationalelf zu erreichen und den Wettbewerber Nike aus den Vereinigten Staaten ausbooten zu können.

Der Anschluss an den Ende 2018 auslaufenden Sponsorenvertrag würde deutlich teurer sein als die bisher im Jahr gezahlten 25 Millionen Euro. Doch jetzt, so die Befürchtungen, drohen die handelnden Personen abhandenzukommen. Alle Entscheidungsträger würden lahmgelegt, in der Fifa, in der Uefa, jetzt im DFB, heißt es.

Es geht um viel Geld

Dabei liegen die Vorwürfe über Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe 2006 vor Hainers Zeit, der erst 2001 Vorstandschef geworden war. Im Visier steht vielmehr sein im Jahr 2009 verstorbener Vorgänger Louis-Dreyfus, der angeblich aus der Privatschatulle Geld bereitgestellt hatte, um den Zuschlag für Deutschland im Jahr 2000 zu erwirken. Dennoch gerät die Drei-Streifen-Marke, wie in den vergangenen Monaten schon im Fifa-Skandal, zwangsläufig mit in den Sog. Der Sportausrüster muss Reputationsschäden fürchten.

Dementsprechend deutlich grenzte sich Adidas am Wochenende auf Anfrage in einer ungewohnt klaren Aussage ab: „Uns ist von einer derartigen Zahlung von Robert Louis-Dreyfus nichts bekannt“, heißt es in der Erklärung. „Wir können ausschließen, dass es sich um einen Geschäftsvorgang der Adidas AG (damals Adidas-Salomon AG) handelt.“

DFB-Präsident Niersbach
Es gab keine schwarzen Kassen
© AP, reuters

Mehr allerdings wurde nicht gesagt. Unter Sponsoren und Beobachtern wurden Stimmen laut, dass der Verband schnell klare Verhältnisse schaffen müsse, um nicht noch mehr in den Strudel zu geraten. Zu groß scheint die Angst, dass noch mehr Protagonisten mitgerissen werden und noch mehr Dominosteine fallen könnten. Es geht um viel Geld, für den Verband, für Vereine wie für die Geldgeber.

Für Adidas ist das nicht nur ein Dilemma, sondern für Hainer auch delikat. Denn die Zusammenarbeit zwischen Adidas und dem DFB war immer viel mehr als eine normale Sponsorenbeziehung. Im Jahr 1954, als die Nationalmannschaft unter Trainer Sepp Herberger in Bern Weltmeister wurde, schnürten die Spieler neuartige Stiefel – und zwar mit Schraubstollen. Die kamen vom findigen Unternehmensgründer Adi Dassler, der beim Turnier als Zeugwart mithalf. Über die folgenden Jahrzehnte wurde Adidas Teil der deutschen Fußballkultur – mit wachsendem Einfluss.

DFB ist vorsichtig beim neuen Vertrag

Als der amerikanische Konkurrent Nike im Jahr 2006 versuchte, Adidas – unter dem Vorstandsvorsitz von Hainer – beim DFB mit einem üppigen Angebot über 500 Millionen Euro auszustechen, und der damalige Verbandspräsident Theo Zwanziger öffentlich einen Ausrüsterwechsel nicht mehr ausschloss, mobilisierte der Konzern aus Herzogenaurach hinter den Kulissen seine Truppen. Die Verantwortlichen des FC Bayern drohten in dieser Zeit einige Male, keine Spieler mehr für die Nationalmannschaft abzustellen, falls der DFB auf Nike umschwenken sollte.

Langzeitpartner Adidas hatte sich im Jahr 2002 für 77 Millionen Euro in der AG des deutschen Rekordmeisters eingekauft. Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer sitzt bei den Bayern zudem im Aufsichtsrat. Statt für die 60 Millionen im Jahr von Nike legte sich der DFB nach einigem Wirbel doch wieder auf Adidas fest, obwohl der Vertrag mit 25 Millionen Euro im Jahr weniger lukrativ war. Ligapräsident Reinhard Rauball kritisierte damals die DFB-Entscheidung aus treuhänderischer Sicht für die Bundesliga-Vereine.

Umso vorsichtiger will der Verband vorgehen, wenn es um einen neuen Vertrag geht. Und just in dieser Zeit droht der DFB in Turbulenzen zu geraten. Für den Sportausrüster aus Herzogenaurach ist der Verkauf von Trikots, Fußballschuhen und Fußbällen mit einem Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und einem Anteil von 12 Prozent am Gesamtgeschäft ein wichtiges Standbein. Er ist Marktführer, weit vor dem Erzrivalen Nike, der den Deutschen auf deren Heimatmarkt das Leben schwermachen will und mit einem DFB-Ausrüstervertrag einen Supercoup landen würde.

Adidas ist indes mehr als nur ein großer Werbepartner gewesen. Manchmal erschienen Hilfeleistungen undurchsichtig. Als im Jahr 2001 die Bayern den peruanischen Stürmer Claudio Pizarro verpflichteten, sollen insgesamt unter finanzieller Beteiligung des Sportartikelherstellers fast 53 Millionen Euro zwischen München, Pizarros vorherigem Klub Werder Bremen und einer Gesellschaft in der Steueroase Panama geflossen sein. Das recherchierte der „Spiegel“ vor Jahren.

Mit einflussreichen Fußballgrößen verbunden

Bis 2001 war Robert Louis-Dreyfus Adidas-Chef. Er hatte Uli Hoeneß ein Jahr zuvor 20 Millionen Mark angeblich für dessen Finanzzockereien geliehen. 2002 wurde Adidas dann Teilhaber beim FC Bayern. Der Konzern bestreitet einen Zusammenhang der Geldflüsse. Hoeneß muss wegen schwerer Steuerhinterziehung noch eine Gefängnisstrafe absitzen. Der frühere DFB-Präsident Zwanziger hatte einmal von „langen Lohnlisten“ des Sportartikelkonzerns gesprochen und das Beziehungsgeflecht von Adidas mit dem Fußball gemeint. Allerdings wurde die Aussage nie konkretisiert.

Adidas ist über Jahrzehnte mit einflussreichen Fußballgrößen verbunden – wie Franz Beckenbauer oder Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge, der zugleich Chef der europäischen Klubvereinigung ist. Im Sommer noch schlug Hainer den ehemaligen Adidas-Vertragsspieler Michel Platini als neuen Fifa-Chef und Blatter-Nachfolger vor, obwohl da schon Fragen aufkamen zur Integrität des Franzosen. In der Person Platini kommt das „Man kennt sich gut“-System des Profifußballs und die Zusammenarbeit mit Sponsoren gut zum Ausdruck. Hainer und der Franzose haben seit Jahren miteinander zu tun. Als Chef des Hauptsponsors hat er enge Bande mit der Uefa geknüpft. Da fällt es offenbar schwer, einen so nahe Stehenden einfach fallenzulassen.

In der Diskussion um die Blatter-Nachfolge tut sich der Vorstandschef wegen der sich zuspitzenden Skandale jedenfalls schwer, Platini zu unterstützen, ohne gleichzeitig offiziell von ihm abrücken zu müssen. Gefragt nach den Problemen mit der Neubesetzung des skandalumwitterten Fifa-Präsidenten, verwies Hainer jüngst auf die Erkenntnisse des immer noch unter Verschluss gehaltenen internen Untersuchungsberichts der Fifa des früheren amerikanischen Staatsanwalts Michael Garcia, der etliche offene Fragen nach fragwürdigen Machenschaften möglicher Nachfolgekandidaten von Blatter beantworten könnte – eine elegante Antwort auf eine diffizile Frage.

Derweil empfahl der Adidas-Chef seinen Duzfreund Wolfgang Niersbach schon mal als neuen Präsidenten des europäischen Fußballverbands. Im heißen Herbst der Fußballskandale dürfte sich Hainer nun die Augen reiben: Platini steht aufgrund von ungeklärten Millionenzahlungen vor dem Karriereende als Funktionär. Und Niersbach muss sich gegen Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der WM 2006 wehren.

Adidas und die Hoffnung auf den Neuanfang

Ohnehin haben Anti-Korruptions-Kämpfer den Fifa-Hauptsponsor Adidas, dessen Zusammenarbeit noch bis 2030 fixiert ist, immer wieder die fehlende klare Distanzierung von Blatter und eine Zurückhaltung in der Fifa-Krise vorgeworfen. Sie weisen auf die Verantwortung des Konzerns hin – und belegen dies mit Vorgängen in der Vergangenheit. Der Sohn des Firmengründers Adi Dassler, Horst Dassler, baute in den siebziger und achtziger Jahren ein dubioses System auf, in dem es um Vermarktungsrechte im Sport ging. So entstand die Schweizer Rechteagentur ISL, die dann in den bis dahin größten Korruptionsskandal des Sports verwickelt war. Beteiligt waren auch Funktionäre der Fifa und des Internationalen Olympischen Komitees. Horst Dassler förderte einst auch den Aufstieg Joseph Blatters.

Die Vergangenheit, das ist Hainers Dilemma, sie holt das Unternehmen immer wieder ein. Natürlich verweist er auf die Reformbestrebungen in der Fifa, etwa mit mehr Transparenz, mit einem neuen Vergabeverfahren für Weltmeisterschaften, die allerdings erst für das Jahr 2026 greifen werden. Das macht die Wahl von Russland (2018) und Qatar (2022) nicht rückgängig. Aber es gibt die große Hoffnung eines Neuanfangs. Da, ist zu hören, wolle man natürlich dabei sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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