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Afghanistan

Fußball-Casting für die erste Liga

Von Solveig Floerke
 - 13:34

Es ist ein Anfang mit Unsicherheiten: in der Afghan Premier League, der ersten afghanischen Fußballliga, spielen immerhin definitiv acht Mannschaften - deren Spieler durch eine Casting-Sendung zu ihrem Stammplatz gekommen sind. Am vergangenen Dienstag wurde die letzte Folge von „Der grüne Rasen“ abgedreht. So lautet der Titel der Sendung, die der afghanische Fußballverband gemeinsam mit einem afghanischen Fernsehsender konzipiert hat.

Die Idee erinnert an typische Formate dieses Genres: Es gab insgesamt 10.000 Bewerber, die Zuschauer konnten per SMS-Abstimmung drei Spieler pro Mannschaft festlegen. Es ist ein Auswahlprinzip, das nicht jedem gefällt. Nicht die besten Talente des Landes würden am Ende spielen, heißt es, sondern vor allem die Söhne einflussreicher Familienclans. Terror und Korruption beherrschten nämlich nicht nur das Land, sondern auch den Fußball.

Nationalteam spielt nur auswärts

Haschmatullah Barekzai ist so etwas wie ein Star in Afghanistan. Zwar kann er seinen Arm nicht mehr richtig strecken, seit eine Mine neben ihm explodiert ist, aber bis in die afghanische Fußballnationalmannschaft hat er es trotzdem geschafft. Wenn auch nicht bei einem Heimspiel. Das wäre zu gefährlich. Seit über acht Jahren hat das Team, die Nummer 165 der Weltrangliste, nicht mehr auf heimischem Boden gespielt. Für den 45 Jahre alten Naim Sahebdel eine traurige Realität.

Als der Afghane vor über 20 Jahren als junger Mann nach Deutschland kam, hatte er schon viel gesehen: Soldaten, Kriege, Tote, viele Grenzen, viele Länder, viele Formulare. Sein Vater starb im Krieg, und als die Sowjets 1988 Afghanistan verließen und die Taliban zurückkamen, begann Sahebdel Deutsch zu lernen. Später machte er in Kassel eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Nach fünf Jahren in Deutschland wurde er Schiedsrichter und zog nach Niederbayern.

Seine Freizeit widmet Naim Sahebdel dem 1. FC Passau - und dem afghanischen Fußball. Als Physiotherapeut des Nationalteams, Jugendtrainer, Betreuer: Sahebdel half, wo es ging, organisierte Hilfslieferungen mit Stutzen, Hosen, Trikots, Bällen und Medikamenten. „Mit vielen Spielern habe ich im Bus zum ersten Mal Mentaltraining gemacht, sie nach dem Spiel massiert, das kannten sie überhaupt nicht“, sagt er.

Begeisterungsfähige Anhänger

Auch der deutsche Fußballtrainer Klaus Stärk kennt die Umstände, unter denen in dem von Kriegen gebeutelten Land Fußball gespielt wird. „Meines Wissens soll in den nächsten fünf Jahren eine Profi-Liga in Afghanistan aufgebaut werden“, sagt er. Stärk, der in der Jugend des VfB Stuttgart gespielt hat und später Amateurmannschaften in Deutschland trainierte, ging 2004 als Nationaltrainer nach Afghanistan, mittlerweile arbeitet er beim Langzeitprojekt Fußball des Deutschen Olympischen Sportbundes in Namibia. „In Afghanistan blieb Klaus Stärk bis nach dem Aus in der Südasien-Meisterschaft 2008“, sagt Sahebdel wehmütig.

Die zwei Männer haben gut zusammengearbeitet. „Klaus hat geschätzt, dass ich beide Sprachen spreche.“ Geholfen hat es auf den hinteren Rängen der Weltrangliste kaum, das letzte Länderspiel gegen Indien ging 0:4 verloren. Doch trotz ausbleibender Erfolge ist Fußball für viele der fast 29 Millionen Afghanen die beliebteste Sportart. „Die Menschen sind verrückt nach Fußball. Sie vergessen sogar zu beten, wenn ein Spiel übertragen wird, und sie reisen über Tausende Kilometer, um ihre Mannschaft live zu sehen“, erzählt Sahebdel. Meistens spielt die afghanische Nationalmannschaft in Indien, zuletzt in Neu Delhi. Die Mehrheit der Afghanen sitzt dann vor dem Radio und hört gebannt zu, ob diesmal ein Tor für ihre Elf fällt.

Bis vor zehn Jahren war Sport unter den Taliban verboten. „Auch Musik war strikt untersagt. Und wer seinen Bart rasierte, bekam 70 Peitschenhiebe“, sagt Sahebdel. Das erklärt den Mangel an potentiellen Spielern für die geplante erste afghanische Liga - und den Erfolg der Casting-Show „Der grüne Rasen“. Dem offiziellen Aufruf folgten Tausende, darunter auch Haschmatullah Barekzai. Der Nationalspieler schaffte den Sprung in einen neuen Liga-Klub jedoch nicht. In der Casting-Show setzten sich andere durch. „Er war nicht fit“, erklärt Ali Askar Lali das Ausscheiden Barekzais. Drei Tests gehörten zum Casting-Verfahren: Kondition, Spielvermögen und Psyche.

Trainerlizenzen in Deutschland

Lali ist in Afghanistan eine Art Franz Beckenbauer und gestaltet den Ligaaufbau mit. Gerade ist er aus Kabul zurückgekommen, wo alle Spiele ausgetragen werden sollen. Normalerweise lebt Lali mit seiner Familie in Essen. „Das Projekt hat Zukunft, weil es vertraglich mit den Sponsoren abgesichert ist“, sagt er. Die Sponsoren, das sind das Telekommunikationsunternehmen Roshan und die Afghanische Bank AIB. „Zukünftig werden die Spiele im Fernsehen und im Radio übertragen, und zwar bei zwei Sendern. Tolo TV überträgt auf Persisch, Lemar auf Pashtu.“

Lali war in den siebziger Jahren eine der zentralen Figuren der Nationalmannschaft. Ihm hat der Fußball das Leben gerettet. „Als die Russen in Afghanistan einmarschiert sind, bin ich zweimal festgenommen worden. Man musste damals Glück haben, dass man nicht sofort getötet wurde. Nur weil ich Nationalspieler war, bin ich immer wieder freigekommen.“

Nach dem Einmarsch der Sowjettruppen Anfang der achtziger Jahre floh Lali 1981 über Iran nach Deutschland und lebte viele Jahre in Paderborn. Dort machte er alle wichtigen Lizenzen, um selbst Trainer ausbilden zu können. 2003 begann er gemeinsam mit Klaus Stärk, den Fußball in seinem zerstörten Heimatland wieder aufzubauen. Viele Mittel stehen dem afghanischen Verband dafür nicht zur Verfügung. Er finanziert sich fast ausschließlich aus dem „Financial Assistence Programme“ der Fifa. Afghanistan erhält daraus jährlich 250.000 Dollar. „Zusammen mit Spenden und Sponsorengeldern kommen wir im Jahr auf knapp 350.000 Dollar“, sagt Ali Askar Lali. „Wenn man allerdings bedenkt, dass ein Spiel der Nationalmannschaft im Ausland 40.000 Dollar verschlingt, ist das nicht viel. Dazu kommen die Jugend- und Frauenmannschaften. Für die kleinen Vereine bleibt am Ende nichts übrig.“

Problem Sicherheit

Ein Problem ist zudem der Zustand der Fußballplätze - wenn überhaupt welche vorhanden sind. In der Hauptstadt Kabul gibt es drei: das Nationalstadion Ghazi, einen von der Fifa geförderten Kunstrasenplatz für Jugendmannschaften und einen Platz im Westen der Stadt. Das Ghazi-Stadion fasst 25.000 Zuschauer. In Zeiten des Taliban-Regimes wurden hier vor allem öffentliche Exekutionen und Verstümmelungen vorgenommen. Im März 2002 wurde das 1927 erbaute Stadion einer Renovierung unterzogen, aber bei dem Wort zieht Naim Sahebdel seine dunklen Augenbrauen hoch. Länderspiele sind im Ghazi-Stadion weiterhin undenkbar.

Wie alle anderen Sportplätze des Landes erfüllt auch diese Arena nicht die Anforderungen für internationale Partien. Doch es sind nicht nur die fehlenden Notausgänge, die kaputten Toiletten und verrotteten Tribünen, die ein Spiel der Nationalmannschaft in Afghanistan unmöglich machen. Es ist vor allem die fehlende Sicherheit. „Wir können einer Gastmannschaft nicht garantieren, dass das Hotel, in dem sie übernachtet, nicht Ziel eines Anschlags wird“, sagt Lali. Daran dürfte auch die neu angekündigte Liga nichts ändern.

Quelle: F.A.Z.
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