Aus für die Super League

Ein Sieg – keine Vision

EIN KOMMENTAR Von Michael Horeni
21.04.2021
, 14:56
Die Super League ist tot, es lebe die Champions League! So jubelt die Uefa. Aber nur sie. Denn der Fußball steckt auch ohne das spektakulär gescheiterte Projekt weiter in einer Sackgasse.

Die große Freude von Millionen Fans und des Fußball-Establishments, den Milliarden-Angriff vornehmlich aus Amerika auf das europäische Fußballsystem und seine Traditionen kraftvoll abgewehrt zu haben, ist verständlich.

Ein Sturm der Entrüstung und große Entschlossenheit der englischen Politik und des europäischen Verbandes haben diesem armselig vorbereiteten Plan ein verdientes Ende gemacht. Ein Wettbewerb, der als weitgehend geschlossene Gesellschaft sämtliche Strukturen beschädigt hätte, die den Fußball mit seinen nationalen und internationalen Klubwettbewerben tragen und legitimieren, konnte keine Lösung für den größten Sport in Europa sein.

Fußball in der Sackgasse

Die Super League ist tot, es lebe die Champions League! So jubelt nun die Europäische Fußball-Union. Aber nur sie. Denn die gerade reformierte Champions League ist keine gute Lösung für den Fußball, im Gegenteil. Diese Reform ist nur die Fortsetzung einer Entwicklung, die seit mehr als einem Jahrzehnt den europäischen Profifußball in eine Sackgasse geführt hat.

Wenigen Gewinnern – zu denen ausgerechnet diejenigen Klubs gehören, die dieses System gerade in Richtung Super League verlassen wollten – stehen viel zu viele Verlierer gegenüber: nationale Ligen, die seit vielen Jahren nur noch einen Meister kennen. Aufgeblähte internationale Wettbewerbe, die viele mittelmäßige Spiele sowie erschöpfte und verletzte Stars produzieren. Millionen Zuschauer, die Topfußball erst nach monatelangen, ermüdenden Qualifikationen zu sehen bekommen.

Um es kurz zu machen: Das aktuelle europäische Fußballsystem funktioniert nicht. Es produziert nicht den Topfußball, den es produzieren könnte. Es produziert vor allem Geld für wenige. Die Europäische Fußball-Union hat weder mit der Reform der Champions League noch mit einer immer weiter aufgeblasenen Europameisterschaft ein Format entwickelt, das in die Zukunft weist.

Bei ihrer Einführung in den frühen neunziger Jahren konnte die Champions League dies noch von sich behaupten. Doch den veränderten Wünschen und Ansprüchen in völlig veränderten Medienzeiten wird dieser Wettbewerb gerade für jüngere Zuschauer vor ihren Endgeräten (aber auch älteren auf dem Sofa) immer weniger gerecht. Wer heute einschaltet und dafür Geld ausgibt, wünscht sich das ganze Jahr über Fußball von höchster Qualität. Und nicht, dass sich ein Massenprodukt nur im Frühjahr mit dem Beginn der Viertelfinals in ein Topprodukt verwandelt.

Das atemraubend dilettantisch organisierte und kommunizierte Projekt Super League hat mit seinem krachenden Scheitern auch allen Bestrebungen, die Qualität von Fußball-Wettbewerben zu erhöhen und ein Eliteprojekt im besten Sinne zu etablieren, enormen Schaden zugefügt. In den kommenden Jahren, so steht zu befürchten, wird niemand mehr die Kraft und den Mut haben, einen Spitzenwettbewerb zu gründen, der eine europäische Topliga im offenen Wettstreit ermöglicht. Der Sieg über die Super League, die zumindest dieses Problem erkannt hatte, ist auch ein Eigentor für die Zukunft des europäischen Klubfußballs.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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