Kommentar zu Bayern München

Bayerischer Kunstfehler

EIN KOMMENTAR Von Daniel Meuren
17.04.2015
, 16:45
Guardiola hat kontinuierlich auf eine Trennung von Müller-Wohlfahrt hingearbeitet. Als Sieger des Machtkampfs darf der Trainer sich freilich nicht fühlen: Der Abschied des Arztes kommt im denkbar ungünstigsten Augenblick.

Vor gut einem Jahr hat Bayern München mit dem Abgang von Präsident Uli Hoeneß ins Gefängnis nach Landsberg seine Seele verloren, nun muss der Klub auch ohne den Vertrauensarzt des Großteils seiner Spieler auskommen. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war in seinen 38 Jahren bei den Bayern für einige Stars mehr als nur ein medizinischer Helfer. Diese standen im Zweifelsfall auch in Konflikten zu ihm wie beispielsweise Franck Ribéry. Der französische Dribbelkönig nahm den 72 Jahre alten Arzt im vergangenen Jahr in Schutz, als der französische Verband die Verantwortung für dessen WM-Aus auf den Arzt und eine angebliche Fehlbehandlung abwälzen wollte.

Trainer Pep Guardiola hat in seinen nun fast zwei Jahren in München indes mehr oder weniger kontinuierlich auf eine Trennung von Müller-Wohlfahrt hingearbeitet, weil er sich ähnlich wie bei seinem vorherigen Arbeitgeber FC Barcelona eine intensivere Betreuung auf dem Trainingsgelände wünschte. Die Verletzungsmisere der vergangenen Wochen brachte offenbar das Fass zum Überlaufen. Er betrachtete den Arzt als Schuldigen.

Als Sieger des Machtkampfs darf sich Guardiola nun freilich nicht fühlen: Müller-Wohlfahrts Abschied kommt im denkbar ungünstigsten Augenblick. Der Trainer muss am kommenden Dienstag mit seinem Team eine 1:3-Hinspielniederlage gegen den FC Porto wettmachen, wirkt aber ausgerechnet in diesen Tagen ungewohnt nervös. Schon vor der Demission Müller-Wohlfahrts sandte er Zeichen der Schwäche aus, als er vor dem Spiel in Porto den Gesundheitszustand als mögliches Alibi für eine Niederlage anführte. Bei der Mannschaft, die Müller-Wohlfahrt vermutlich nur aufgrund triftiger Beweggründe just vor einem Schicksalsspiel im Stich lässt, dürfte der Abschied des „Doc“ als Misstrauensvotum gegenüber Trainer und auch Klub wahrgenommen werden. Diese Atmosphäre ist sicher nicht leistungsfördernd vor der wichtigsten Woche in Guardiolas bisheriger Münchner Dienstzeit.

Sollte der Übertrainer mit seinem Team gegen Porto ausscheiden, werden sich die Münchner unweigerlich an die Saison 2008/09 erinnern: Damals packte Müller-Wohlfahrt schon einmal nach einem Zwist mit einem Trainer seinen Arztkoffer. Als Jürgen Klinsmann ein halbes Jahr später entlassen wurde, kehrte der ewige Bayern-Doc zurück.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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