Équipe Tricolore

Braucht Frankreich Ribéry überhaupt noch?

Von Charlotte Schneider, Paris
04.09.2014
, 18:37
Die Équipe Tricolore startet ohne Franck Ribéry in die Mission EM-Titel 2016. Ein Rücktritt vom Rücktritt ist unwahrscheinlich. Und viele Franzosen meinen, der Bayern-Star sei schlichtweg beleidigt.

Am Abend, bevor der Kader für den ersten Auftritt der Équipe de France seit der Weltmeisterschaft bekanntgegeben wurde, hielt es Michael Platini in seiner Funktion als der Spiritus Rector der französischen Fußballgemeinde für geboten, ein Wort in nationaler Sache zu sprechen. „Es ist nicht der Spieler, der entscheidet, ob er für die Nationalmannschaft spielt oder nicht, sondern der Trainer.“

Die Rücktrittserklärungen von Samir Nasri, Franck Ribéry und Eric Abidal hatten den Präsidenten des europäischen Fußballverbandes (Uefa) offensichtlich dazu bewogen, diesen Passus der Regularien öffentlich in Erinnerung zu rufen. Sollte Didier Deschamps vor der EM 2016 im eigenen Land also zur Ansicht gelangen, auf Ribéry nicht verzichten zu wollen, kann er ihn - Rücktritt hin oder her - aus dem Ruhestand holen.

Dass dies durchaus im Rahmen des Möglichen liegt, hat der Baske bereits durchscheinen lassen: „Ich kann radikal sein, wenn es der Mannschaft dient. Faktisch habe ich dazu das Recht.“ Vor dem Testspiel gegen ein verjüngtes Spanien am Donnerstag (21.00 Uhr) im Stade de France ist der Eventualfall allerdings noch weit davon entfernt, Wirklichkeit zu werden.

Ob der 5. März 2014 tatsächlich der letzte Auftritt Ribérys im blauen Nationaltrikot bleibt, dürfte wesentlich von den Ergebnissen der Testspiele abhängen, die der automatisch qualifizierte Gastgeber in den kommenden 18 Monaten innerhalb der Qualifikationsgruppe I außer Konkurrenz austrägt. Zweifel an der Endgültigkeit der Entscheidung bestehen ohnehin.

Ist Ribéry einfach nur beleidigt?

In der Republik hat sich die Ansicht breitgemacht, Ribéry, dessen Rücken nicht mehr der jüngste ist, wolle sich nur die Doppelbelastung aus belanglosen Testspielen und Ligaalltag bei den Bayern ersparen. Dass er die Nachricht zudem über eine deutsche Publikation verbreiten ließ und nicht über ein französisches Medium, ist nicht nur bezeichnend für das Verhältnis des 31-Jährigen zu seinem Heimatland, sondern wird auch als deutliches Symbol für den eigentlichen Rücktrittsgrund gedeutet.

Ribéry, so meinen die Franzosen, sei schlichtweg beleidigt. Beleidigt, weil Antoine Griezmann und Karim Benzema bei der WM auf der linken Offensivseite bewiesen haben, dass der Münchner nicht unersetzlich ist. Beleidigt, weil die Erkenntnis, nicht mehr benötigt zu werden, Ribéry zu Hause vor dem Fernseher mehr geschmerzt haben muss als sein lädiertes Kreuz.

Zu vielversprechend war der Auftritt der jungen Équipe in Brasilien. Spieler wie Griezmann, Paul Pogba, Raphaël Varane und Mamadou Sakho haben dem Nationalteam eine neue Identität verliehen. Das Erreichen des Viertelfinales hinterließ den Eindruck, dass hier ein großes Kollektiv heranwächst, das Erwartungen rechtfertigt. In Brasilien waren neun Spieler jünger als 25, einige von ihnen werden es 2016 immer noch sein. Die Mehrheit von ihnen dürfte dann im Zenit ihrer Schaffenskraft stehen.

Auch deshalb hat Deschamps bereits angekündigt, kaum Neues ausprobieren zu wollen. Nicht ohne Grund werden in Paris bis auf den verletzten Olivier Giroud und Ersatztorwart Mikaël Landreau alle WM-Akteure dabei sein. Sollten die Franzosen vor der EM also nicht bedrohlich schlingern, scheint anders als bei Zinédine Zidane vor der WM 2006 eine Rückkehr eher unwahrscheinlich. Der Himmel über Frankreich könnte bald wieder blau sein.

Quelle: F.A.Z.
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