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Letzter der Bundesliga

Nürnberger Zwickmühle führt zu Doppel-Entlassung

Von Hans Böller, Nürnberg
 - 16:23

Michael Köllner wusste, wie alles ausgehen kann. Er kokettierte nach dem Aufstieg des 1. FC Nürnberg in die Fußball-Bundesliga mit seinem Rücktritt, um nicht eines Tages „vom Hof gejagt“ zu werden, wie der Trainer im Mai 2018, mitten im gemeinsamen Glücksrausch, sagte. Jetzt ist es passiert, aber Köllner kann nach insgesamt 23 Monaten im Amt aufrecht gehen. Dieser Aufstieg der Unterschätzten, der überraschende Erfolg einer von ihrem Teamspirit getragenen Mannschaft, war eine romantische Geschichte für den finanziell darbenden Verein und das ganze Frankenland. Nur das Ende ist branchenüblich banal. 15 Spiele ohne Sieg überstehen Bundesliga-Trainer sehr selten, auch nicht in diesem gallischen Dorf, das der von überlegener Konkurrenz umstellte 1. FC Nürnberg sein wollte.

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Der Klub blieb jener „ganz kleine Erstligist“, den Sportvorstand Andreas Bornemann mit diesen Worten in die große Mission Erstklassigkeit führte. Die sportliche Weiterentwicklung stagnierte seit Anfang November, die Mannschaft wirkte zuletzt wiederholt verunsichert. Bornemann hätte trotzdem Sportvorstand bleiben können, erklärte sich aber vor dem Aufsichtsrat solidarisch mit Trainer Köllner, der vor dem Kontrollgremium in der Nacht zum Dienstag noch ein Plädoyer in eigener Sache halten durfte. Bornemann wollte mit Köllner den eingeschlagenen Weg weitergehen. Der Aufsichtsrat nicht, also ging auch Bornemann. Das Gremium verabschiedete den Vorstand mit Respekt für diese Loyalität.

Das komplizierte Procedere machte diese Doppel-Entlassung zu einer besonderen unter vielen verwirrenden Episoden beim „Club“, denn zuständig für die Personalie des Cheftrainers ist nicht der Aufsichtsrat, sondern das Vorstands-Duo. Erst bei einem Patt auf dieser Ebene kommt der Aufsichtsrat ins Spiel, der damit nur die Wahl hatte, Bornemann bloßzustellen oder zu beurlauben. So war der Trainerwechsel nur um den Preis eines kompletten Kahlschlags auf Sportlicher Führungsebene möglich, den der „Club“ lieber vermieden hätte – erst im Herbst löste Nils Rossow auf dem Posten des Finanzvorstands den zum VfL Wolfsburg gewechselten Michael Meeske ab.

Bornemann, dessen beim Anhang naturgemäß wenig populäre Transferpolitik dem Verein überlebensnotwendige Einnahmen bescherte, hatte seinen Dienst in Nürnberg im Herbst 2015 angetreten, als der „Club“ am Rande des Konkurses stand. „Kaum ein Sportvorstand hätte unter diesen Prämissen gearbeitet“, sagte nach der langen Nacht der Entscheidungen Thomas Grethlein, der Vorsitzende des Aufsichtsrates. „Ohne Bornemann wäre der Verein heute tot“, sagt ein anderes Mitglied des Gremiums, das durchaus auch ein Anflug schlechten Gewissen beschlichen zu haben schien.

Man habe es „auf einem langfristigen Weg des Wandels“, so Grethlein, wohl versäumt, die Lage insgesamt besser zu kommunizieren. Während der gelungenen wirtschaftlichen Konsolidierung habe man immer „sportliche Substanz verloren“, der Aufstieg in die Bundesliga sei „vielleicht ein bisschen zu früh“ gekommen. Aber auch bei einer realistisch gedämpften Erwartungshaltung bereiteten die verzagten Auftritte der Mannschaft Sorgen, mit konträr zu den Resultaten stehenden Analysen entfremdete sich die Sportliche Leitung von größeren Teilen des Publikums. Insbesondere die leblose Vorstellung beim 0:1 im DFB-Pokal-Achtelfinale vor einer Woche beim Hamburger SV war ein Alarmsignal. Tatsächlich sah die angestrebte Ruhe manchmal wie Resignation oder Lethargie aus. „Ein Weiter so“, erklärte Grethlein, sei keine Option mehr gewesen.

Jetzt muss sich der Verein mitten im Abstiegskampf neu sortieren. Um einen handlungsfähigen Vorstand aufzustellen, berief man Marketing-Leiter Marcus Rößler zum Interims-Sportchef. Der durfte Köllner dann auch formal beurlauben, soll aber nur im Amt bleiben, bis Bornemanns Nachfolger gefunden ist, dieser wiederum bestellt den künftigen Trainer. „Mit Hochdruck“ (Grethlein) habe die Suche begonnen. Vorerst ist Boris Schommers, bisher Köllners Assistent, der nominelle Cheftrainer, assistiert von der vereinseigenen Torjägerlegende Marek Mintal, bisher beschäftigt im Nachwuchsleistungszentrum.

Dass diese Nachfolge nach einer allenfalls halbherzigen Lösung klingt – Köllner selbst holte Schommers im Sommer 2017 nach Nürnberg –, räumt Grethlein ein, nennt Schommers aber „vom Typ her anders“ und erklärt, dem Aufsichtsrat stehe die Trainerfahndung satzungsgemäß gar nicht zu. Dass man sich nun trotzdem gezwungen sah, als Ultima Ratio einen Trainer zu entlassen, unterstreicht die verzwickte Lage. Immerhin: Sollte es in die zweite Liga gehen, „würden wir dorthin stärker zurückgehen, als wir sie verlassen haben“, versichert Grethlein, sagt aber auch: „Noch sind wir nicht abgestiegen“, es brauche „einen Impuls“. Was man eben so sagt in solchen Situationen. Nach Fußball-Romantik klingt nichts mehr beim 1. FC Nürnberg.

Quelle: F.A.Z.
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