Zweite Bundesliga

Systemabsturz am Böllenfalltor

Von Alex Westhoff, Darmstadt
08.11.2020
, 15:33
Für die Heimmannschaften gibt es am Sonntag in der zweiten Bundesliga nichts zu holen. Die deutlichste Niederlage kassiert Darmstadt. Aber auch St. Pauli verliert deutlich. Und Regensburg verliert den Durchblick.

Solch eine Halbzeit kann sich tief in das kollektive Gedächtnis einer Mannschaft einbrennen – und beträchtlichen Schaden anrichten. Die erste Hälfte des Zweitligaheimspiels gegen den SC Paderborn gehörte zu den schwärzesten Momenten der jüngeren „Lilien“-Historie. Drei Gegentreffer, 2:10 Torschüsse, 50 Fehlpässe, vier Gelbe Karten und als Krönung noch eine Gelb-Rote: Diese Zahlen des fußballerischen Grauens illustrieren das desaströse Bild, das der SV Darmstadt 98 abgab. Mit dem 0:3 zur Pause waren die Südhessen noch gut bedient. Da sie sich im zweiten Durchgang zusammenrissen, kamen sie letztlich mit einer 0:4-Heimniederlage davon gegen zunehmend das Tempo reduzierende Paderborner. Am miserablen Gesamteindruck änderte dies freilich nichts.

2. Bundesliga

Die erste Heimniederlage seit Dezember 2019 geriet zu einer besonders bitteren. Markus Anfang hielt sich denn auch mit Kritik nicht zurück. „Das war das schlechteste Spiel, das ich als Zweitligatrainer von meiner Mannschaft gesehen habe“, sagte der SVD-Cheftrainer. „Wir hätten heute gegen jede Mannschaft verloren, wir waren nicht annähernd in der Lage, ein Konkurrent zu sein.“

Der Spieltag stand schon unter keinem guten Stern, als den „Lilien“ die Coronainfektion von Fabian Holland zugestellt wurde. Der Kapitän begab sich mit leichten Erkältungssymptomen in häusliche Isolation, das Match konnte nach Rücksprache mit den Behörden stattfinden. Für Holland gab auf der Linksverteidigerposition der 20-jährige Adrian Stanilewicz sein Startelfdebüt und erlebte den Darmstädter Untergang zwar nicht hauptschuldig, aber hautnah mit. Hatte der mit Abstand beste Darmstädter, Torhüter Marcel Schuhen, noch einen frühen Gegentreffer im Flug verhindert, so war er beim Kopfball nach einem Eckball durch Schallenberg machtlos (13.).

Matte und seltsam emotionslose Darmstädter machten es den agilen wie cleveren Ostwestfalen weiter leicht: Führich war so frei, auf 2:0 für den SCP zu erhöhen (23.) Und nur zwei Minuten später fühlte es sich wie eine Höchststrafe für den SVD an, als Srbeny den Ball aus drei Metern nur noch ins leere Tor zu schieben brauchte. Angriffswelle auf Angriffswelle rollte auf die hilf- und zahnlosen Südhessen zu. Den Darmstädter Systemabsturz verkörperten vor allem zwei Profis, die sonst Stabilitätsanker der „Lilien“ sind: Victor Palsson und Nicolai Rapp, der sich vor der Halbzeit im gegnerischen Strafraum Gelb-Rot einhandelte – eine äußerst fragliche Entscheidung.

In der Kabine hatten sich die Darmstädter dann auf eine Spielweise verständigt, die den Schaden begrenzen sollte. Eine Maßnahme, die schon vorher angebracht gewesen wäre. Immerhin verschwand in Unterzahl in den zweiten 45 Minuten das Vogelwilde aus dem Spiel der „Lilien“. Doch gut ging es nicht: Der Paderborner Srbeny stellte in der 61. Minute per Handelfmeter auf 4:0, das vermeintliche 5:0 durch Owusu wurde nach Eingriff des Videoschiedsrichters zurückgenommen (81.). Es habe keinerlei Gefahr für Paderborn bestanden, so Coach Anfang nach dem ersten richtig schwachen Saisonauftritt der „Lilien“, dass seine Mannschaft in dieser Verfassung das Spiel noch hätte drehen können. „Mir fällt es schwer, dafür Worte zu finden“, sagte Keeper Schuhen. „Wir wurden von der ersten Minute an abgekocht. Wir haben richtig auf die Fresse gekriegt.“ Lust auf einen Plausch mit dem beim SCP eingewechselten langjährigen „Lilien“-Profi Marcel Heller verspürte nach Schlusspfiff niemand.

KSC lässt St. Pauli keine Chance

Die Spieler des Karlsruher SC schossen den FC St. Pauli auf einen direkten Abstiegsplatz. Marco Thiede (4.), Jerôme Gondorf (50.) und Philipp Hofmann (76.) erzielten die Treffer zum 3:0 (1:0)-Auswärtserfolg in Hamburg. Durch den zweiten Saisonsieg verließen die Badener die Abstiegsränge und belegen jetzt Platz 15. Nach dem Remis im Hamburger Stadtderby gegen Tabellenführer HSV präsentierten sich die Gastgeber gegen einen taktisch klug agierenden Gegner konzept- und ideenlos.

Der KSC nutzte gleich die erste Gelegenheit. Abwehrspieler Thiede zog aus gut 25 Metern ab. Kurios: Obwohl der Ball die Torlinie überquert hatte, lief das Spiel zunächst weiter. Erst nach dem Eingreifen des Videoschiedsrichters wurde der Treffer gegeben. Auch das 2:0 durch Gondorf zählte erst nach einer Überprüfung der Bilder. Mit seinem Kopfball zum 3:0 sorgte Hofmann für die Entscheidung.

Der VfL Osnabrück sorgt dank eines überragenden Sebastian Kerk weiterhin für Furore. Das noch ungeschlagene Überraschungsteam von Trainer Marco Grote gewann bei Jahn Regensburg verdient mit 4:2 (2:1) und sprang vorerst hinter dem Hamburger SV überraschend auf Rang zwei. Der Jahn musste dagegen die zweite Niederlage in Folge hinnehmen. Kerk war beim dritten Saisonsieg des VfL mit drei Toren der Mann des Tages. Das 1:1 (22.) und 4:1 (72.) erzielte der 26-Jährige per Strafstoß. Beide Male war der Mittelfeldspieler selbst gefoult worden. Kurz vor der Halbzeit war Kerk zudem mit einem sehenswerten Freistoß aus knapp 30 Metern das 2:1 (41.) gelungen.

Etienne Amenyido (64.) erzielte den vierten Treffer für den VfL. Andreas Albers (12.) hatte Regensburg in Führung gebracht, Aaron Opoku (75.) verkürzte. Max Besuschkow hätte das Spiel noch einmal spannend machen, scheiterte jedoch mit einem Handelfmeter an VfL-Keeper Philipp Kühn (77.). Vom frühen Rückstand hatte sich der VfL nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Niedersachsen kämpften sich ins Spiel - und waren in der Folge extrem effizient. Die Oberbayern hatten zwar insgesamt mehr vom Spiel, waren aber nicht zwingend genug.

Quelle: F.A.Z./dpa/sid
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