Leipzig-Trainer Ralf Rangnick

„Wir spielen nicht Monopoly, wenn wir aufsteigen“

Von Michael Horeni
Aktualisiert am 12.02.2016
 - 13:31
„Ich sehe im Moment keine Gefahr“: Ralf Rangnick.zur Bildergalerie
RB Leipzig ist auf dem Sprung in die Fußball-Bundesliga – und heftig umstritten: Im FAZ.NET-Interview spricht Coach und Sportdirektor Ralf Rangnick über sein Konzept mit jungen Spielern, Gehälter und die Leipziger Pläne.

Herrscht in Leipzig schon das Gefühl, endlich wieder in der Bundesliga angekommen zu sein?

Mich interessiert ehrlich gesagt nur, wie die Mannschaft die Situation sieht. Und da gibt es keinerlei Anzeichen, dass irgendjemand glaubt, dass wir schon etwas erreicht hätten. Die Ausgangsposition mit acht Punkten Vorsprung auf Platz drei ist gut. Und wir haben von den letzten elf Spielen zehn gewonnen.

Wo lauert die größte Gefahr?

Ich sehe im Moment keine Gefahr. Das Team ist noch längst nicht an seinem Limit, dafür ist es auch die jüngste Mannschaft der zweiten Liga. Ich sehe, welche Fortschritte die Jungs in den letzten Monaten gemacht haben. Aber trotzdem waren die Spiele eng, wir haben oft nur mit einem Tor Differenz gewonnen. Da können wir uns noch verbessern

In welchen Bereichen hat RB schon Erstliga-Qualität?

Wir haben eine extreme Einheit. Das habe ich in meiner Karriere in dieser Ausprägung nicht oft erlebt. Dieser Zusammenhalt ist so stark, dass man ihn fast greifen kann. Wenn wir uns das in den verbleibenden Spielen und dann auch in der Bundesliga bewahren, dann haben wir wirklich viel erreicht.

Wie intensiv planen Sie schon für die Bundesliga?

Wir müssen sehr darauf achten, dass unser Teamspirit weitestgehend erhalten bleibt. Deswegen haben wir in der Winterpause auch keine neuen Spieler geholt. Die Gefahr, diesen Spirit durch zwei Neuzugänge zu gefährden, war für mich größer als der mögliche sportliche Gewinn. Auch im Sommer werden wir, wenn wir den Aufstieg tatsächlich schaffen, unser derzeitiges Gehaltsgefüge im Auge behalten.

Ein neues Konzept – RB Leipzig spart sich an die Spitze?

Wir spielen nicht Monopoly, wenn wir aufsteigen. Wenn wir jedoch einen begabten jungen Spieler finden, dessen Marktwert sich noch erhöhen lässt, sind wir auch bereit, eine entsprechende Ablöse zu zahlen. Aber nicht für ältere Spieler. Wir brauchen ein organisches Wachstum.

Was soll das heißen im Profifußball, wo es doch nur ums Geld geht?

Wir werden, was unser Gehaltsgefüge angeht, in der Bundesliga nicht an die ersten zehn Klubs heranreichen. Ich rede aber nicht davon, was wir theoretisch an Ablösesumme zahlen könnten. Bei der Ablöse steht immer auch ein entsprechendes Gehalt dahinter. Der Transfer von Davie Selke war daher auch ein Sonderfall. Er kam schon als junger Spieler zu Bremen und konnte durch den Wechsel zu uns sein Gehalt noch etwas erhöhen - ohne unseren Gehaltsrahmen zu gefährden. Wenn es jetzt um einen Spieler wie Leroy Sané geht, der sportlich durchaus zu uns passen würde, bewegt man sich in Sphären, die nicht zu unserer Entwicklung und zu unserem Weg passen würden.

Warum funktioniert das RB-Konzept nur mit jungen Spielern?

Schauen wir doch mal zum Handball. Obwohl der Kapitän des Nationalteams, Uwe Gensheimer, mehrere Stammkräfte und mit Steffen Weinhold und Christian Dissinger noch zwei der besten Spieler während des Turniers ausfielen, hat dieses Team innerhalb der EM eine großartige Entwicklung genommen und ist bis ins Finale gestürmt – und hat dann den Titel mit einer überragenden Leistung gewonnen. Das ging vor allem über Spirit, Erfolgshunger, Professionalität und Entschlossenheit. Es war das jüngste Team von allen, mit 16 EM-Debütanten. Ein großer Vorteil dieser ganz jungen Mannschaft war eben auch, dass sie sich schnell erholt hat von den hohen Belastungen. Und über die Sportarten hinweg erkennt man: Die Regenerationszeiten bei jungen Spielern sind einfach kürzer, ebenso ihre Lernfortschritte. Und das Spiel, das wir spielen wollen und wohin sich der europäische Spitzenfußball immer stärker entwickelt hat – das extreme Umschaltspiel mit einem ganz hohen Anteil von Sprints –, setzt eine ganz andere Laufbelastung voraus als früher. Zwölf Kilometer pro Spiel für jeden Spieler sind heute fast Normalität. Und zwei bis zweieinhalb Kilometer davon sind Sprints in höchstem Tempo. Das schaffst du nur mit einer optimalen körperlichen Grundlage, der entsprechenden Mentalität, aber eben auch mit der Erholungsfähigkeit.

Ältere Spieler, sagen wir mal mit 27 oder 28, haben auf Dauer in Ihrem System keine Chance?

Selbstverständlich können ältere Spieler auch in unserem System spielen. Das bedingt neben der fußballerischen Qualität aber auch die uneingeschränkte Lernbereitschaft und die richtige Einstellung. Grundsätzlich sind junge Spieler bedingungsloser bereit, sich in das Team einzubringen, alles dafür zu investieren. Das muss nicht, kann aber tendenziell bei einem erfahreneren Spieler schon mal ein bisschen anders sein, vor allem wenn er diese Art von Fußball in seiner bisherigen Karriere noch nicht gespielt und gespürt hat.

Ältere Spieler, die schon andere Erfahrungen gemacht haben, sind komplizierter zu führen und schwerer zu überzeugen als junge Akademiespieler?

Das ist vor allem so, wenn man Spieler mit 28 zum ersten Mal zu so einem Verein wie uns kommt. Dann kann es zu Problemen kommen. Da kann ein älterer Spieler schon sagen: „Weshalb rennen beziehungsweise sprinten die denn hier so viel? Die sind ja völlig verrückt! Das geht doch auch mit weniger.“ Wir haben aber mit Marvin Compper, Dominik Kaiser oder Stefan Ilsanker auch erfahrene Spieler bei uns. Marvin habe ich auch schon in Hoffenheim trainiert, da haben wir ähnlich gespielt. Tatsache ist, dass unsere Mannschaft extrem homogen und in sich stimmig ist, auch von der Altersstruktur her.

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Welche Nachteile haben ältere Spieler noch?

Rein wirtschaftlich betrachtet, macht es nur Sinn, bei einer Ablöse richtig Geld in die Hand zu nehmen, wenn es die Chance gibt, diesen Wert irgendwann mal zu steigern. Wenn du für einen 28-Jährigen zehn Millionen Ablöse zahlst, werden daraus normalerweise keine zwanzig Millionen mehr. Dann investierst du das Geld ausschließlich in den Erfolg mit diesem Spieler in den nächsten zwei, drei Jahren.

Sie waren einer der ersten Trainer, die den sogenannten Konzeptfußball in Deutschland spielen ließen, der sich immer stärker durchgesetzt hat. Kritiker sagen: Damit kann man zwar weit kommen, aber die entscheidenden Spiele auf Topniveau entscheiden dann doch die Stars und Individualisten, deren Fähigkeiten, sich nur bedingt trainieren lassen.

Der Begriff Konzeptfußball ist doch eigentlich auch irreführend. Was wäre denn das Gegenteil von Konzeptfußball: Fußball ohne Konzept? Aber schauen wir erst mal auf Deutschland. Die aggressive Raumdeckung hat sich in den letzten zehn Jahren durchgesetzt. Ich kann mich immer noch an Franz Beckenbauers alten Spruch Ende der 90er erinnern: „Viererkette, Verliererkette!“. In Hoffenheim hatten wir ab 2008 einen gewissen Anteil an extremen Pressingspiel in der gegnerischen Hälfte. Dortmund hat das dann perfektioniert und gezeigt, mit Spielern auf diese Weise Erfolg zu haben, die schon einen Namen hatten. Und mit Thomas Tuchel ist der BVB jetzt schon wieder dabei, aus den bestehenden Möglichkeiten mehr zu machen als die Konkurrenz. Wenn man schon den Begriff Konzeptfußball strapazieren möchte, dann ist das Konzeptfußball par excellence.

Wie konnte es dazu kommen, dass Trainer zu den Stars im Fußball wurden?

Die Aufgabe eines modernen Coaches, ob im Fußball, Handball oder im Management, ist Führung, Corporate Identity, Corporate Behaviour. Vor drei Wochen war ich bei einem Konzert von Zubin Mehta und Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie. Ich bin weit davon entfernt, ein Kenner der klassischen Musik zu sein, aber mir war nach fünf Minuten klar, dass ich an etwas ganz Besonderem teilhabe. Ich konnte hören und spüren, wie eine Gruppe von 100 hochbegabten Solisten zusammenspielt – und dass sie von zwei Menschen geführt wurden, die deren Klasse noch einmal in eine andere Dimension gehoben haben. Das war absolut faszinierend. Und auch in der klassischen Musik könnte man ja durchaus meinen: Die spielen alle so gut, dass es doch ganz egal ist, wer da vorne steht. Aber spätestens seit meiner Berlin-Erfahrung gibt es für mich keinen Zweifel mehr, dass der wichtigste Mann im Konzerthaus der Dirigent ist. Und so ähnlich ist es mittlerweile auch im Fußball.

Sie halten die enorm gestiegene Bedeutung der Trainer, die neuen Helden des Fußballs, offenbar für gerechtfertigt?

Der moderne Coach, der eine Mannschaft im Griff hat, muss herausragende Führungsqualitäten besitzen. Das Ansehen des Trainers in Deutschland ist gestiegen, aber es ist immer noch nicht da, wo es sein sollte. Im Ausland ist das anders. Ich mache diesen Unterschied schon am Namen fest. In England sagt jeder zum Trainer: Boss. In Italien: Mister. In Deutschland bestenfalls: Coach. Aber manche nennen ihn auch immer noch: Übungsleiter. Immerhin hat man in Deutschland inzwischen erkannt, dass die Berufe Fußballspieler und Fußballtrainer außer der Sportart wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um im Bild zu bleiben: Niemand würde doch ernsthaft glauben, dass ein Solist, der herausragend Violine, Bratsche oder Posaune spielt, auch automatisch das Zeug zu einem Dirigenten hätte. Im Fußball war das leider zu lange so.

Welchen Namen wünschen Sie sich für Ihren Beruf?

Zumindest mal Fußball-Lehrer. Und nicht: temporäre Erscheinung.

Wie haben Sie sich denn nach Ihrer Pause als Trainer weiterentwickelt?

Ich sehe Trainer, aber auch Sportdirektoren, als Dienstleister. Wir müssen den Spielern jeden Tag die Chance geben, sich zu verbessern. Das ist mein Selbstverständnis. Und dann geht es um die Werkzeuge, die einem dafür zur Verfügung stehen. Für mich ist vollkommen klar, dass die Videoanalyse eines der wichtigsten Tools ist, um Spieler zu verbessern. Denn das funktioniert unabhängig von Sprache, Nationalität und Kultur. Die eigene Spielidee über Video zu verbessern – das ist eine entscheidende Komponente. Wir haben beim Training mittlerweile einen Monitor direkt neben dem Platz. Und ein moderner Coach braucht als Werkzeuge auch die passende, regelmäßige und authentische Kommunikation und Führungsstärke für eine junge, aufgeschlossene, intelligente Spielergeneration.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Nehmen wir das Thema Ernährung und, damit verbunden, die Belastungs- und Regenerationsfähigkeit. Thomas Tuchel hat das in Dortmund extrem entwickelt. Man muss sich nur Mats Hummels und Ilkay Gündogan anschauen – die sehen gar nicht mehr so aus, als ob sie noch dieselbenSpieler wie in der letzten Saison wären. Fußball ist ein Hochleistungssport geworden, der den Namen inzwischen auch verdient. Heute ist man ohne hochqualitatives Training, ohne die richtige Ernährung und ausreichend Schlaf nicht mehr wettbewerbsfähig. Das war vielleicht vor zehn Jahren noch nicht so.

Und wenn alles so professionell ist - woher kommen dann die vielen Muskelverletzungen bei Topklubs wie Bayern und Real Madrid?

Das ist aus der Ferne sehr schwer zu beurteilen. Aus fachlicher Distanz betrachtet, kann ich nur sagen: Spieler, die sich mit Haut und Haaren ihrem Beruf verschreiben, sind in aller Regel selten verletzt. Wir haben bei RB kaum Muskelverletzungen, obwohl unsere Spielweise hochintensiv ist. Entscheidend dabei ist aber auch das enge Zusammenspiel zwischen dem Trainer und seinem gesamten Stab.

Bei Ihren Ansprüchen: Viele Kandidaten für den Trainerjob bei RB werden Sie da kaum finden.

Ich bin überzeugt, dass wir im Sommer den Richtigen finden.

Und wenn nicht, machen Sie dann auch in der Bundesliga weiter?

Ein neuer Trainer wäre sehr wichtig für die Gesamtentwicklung des Vereins. Ich hatte ja auch im letzten Jahr nicht vor, wieder Trainer zu sein. Einige hatten mich auch vor der Doppelaufgabe gewarnt. Aber das war für mich eine Frage der Verantwortung. Dass dieser Fall im Sommer noch einmal eintritt, schließe ich aus. Für mich ist klar, dass ich dann wieder ausschließlich Sportdirektor sein werde.

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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