Unter neuem Trainer Glasner

Die Eintracht erfindet sich wieder neu

Von Marc Heinrich
04.08.2021
, 16:55
Schüchtern? Von wegen! Eintracht Frankfurts Trainer Oliver Glasner während des Testspiels der Hessen gegen die AS Saint-Étienne
Trainer Adi Hütter weint kaum jemand eine Träne nach. Nachfolger Oliver Glasner trifft den richtigen Ton – und macht einen Kritiker Hütters zum Kapitän. Amin Younes macht sich derweil wenig Freunde bei der Eintracht.

Die Frage nach der Sprache, die manche zuvor beschäftigt hatte, erwies sich rasch als unnötig. Oliver Glasner, geboren in Salzburg, fußballerisch sozialisiert in Oberösterreich und zu einem Trainer von Format beim Linzer ASK gereift, spricht ohne schwer verständlichen Dialekt Hochdeutsch. Und zudem flüssig Englisch. So dass es ihm ein Leichtes ist, sich Gehör zu verschaffen.

DFB-Pokal

Sein Vorgänger, Landsmann Adi Hütter, zog öfter den Klubdolmetscher zu Rate, wenn er sich in der multinationalen Frankfurter Truppe verständigen wollte, weil er sich unsicher war, ob er die richtigen Worte wählen würde und lieber auf Nummer sicher ging, sobald die Dinge kompliziert zu werden drohten. Glasner, den nur als schüchtern beschreiben kann, wer sich von dessen juvenil anmutendem Äußeren fehlleiten lässt, ist weniger zurückhaltend als Hütter, der nun in Gladbach tätig ist, von zupackender Art, in der täglichen Arbeit am Übungsplatz hörbar impulsiver.

Spieler und Offizielle sparen nicht mit positiven Äußerungen, wenn sie auf den 46-Jährigen und den Anfang der Zusammenarbeit angesprochen werden, die allenthalben wieder auch von einem vertrauensvollen Umgangston geprägt ist. Nach drei sportlich erfolgreichen Jahren ging einiges in der zuvor entstandenen Verbindung zwischen dem Vorarlberger Hütter und dem hessischen Traditionsklub in die Brüche, als der Coach sich im Frühjahr zunächst öffentlichkeitswirksam zur einstigen Diva vom Main bekannte – um dann bei nächstmöglicher Gelegenheit der Borussia vom Niederrhein sein Ja-Wort zu geben.

Krösche: Younes hat „alle Möglichkeiten“

Hütter weint heute in Frankfurt kaum jemand eine Träne nach. Auch weil sie überzeugt sind, mit seinem Nachfolger einen prächtigen Fang gemacht zu haben. Oder wie es Sebastian Rode ausdrückte: „Bislang ist alles sehr positiv“.

Der 30-Jährige, der so deutlich wie kein Zweiter aus dem internen Zirkel nach Ostern Kritik an Hütter geäußert hatte, weil dessen Wechsel entgegen eigenem Bekunden eben doch seinen Teil dazu beitrug, dass die Mannschaft bei der möglichen Qualifikation zur Königsklasse vom Kurs abkam, wurde von Glasner geadelt: Rode führt die Eintracht künftig als Kapitän an. Eine Entscheidung, die der Betroffene als „große Ehre“ bezeichnete und gleichzeitig betonte, dass für ihn daraus keine besondere Stellung in der Kabine resultiere: „Das Team steht über allem.“

Abschied wohl verschoben: Filip Kostic
Abschied wohl verschoben: Filip Kostic Bild: dpa

Weitestgehend hat sich nach bald fünfwöchiger Vorbereitung, der sich an diesem Sonntag das erste Pflichtspiel im Pokal in Mannheim anschließt, schon eine Formation gefunden, die Glasner für wettbewerbsfähig erachtet. Zwischen den Pfosten führt kein Weg an Kevin Trapp vorbei. In der Abwehr vertraut der Trainer nach einigem Experimentieren einer Dreierkette, für die der Brasilianer Tuta, der Kärntner Martin Hinteregger und der Franzose Evan Ndicka erste Wahl sind.

Im Mittelfeld ist die Qual der Wahl derzeit am größten: Die Anwärter neben Rode für den Part als Sechser heißen Djibril Sow, Makoto Hasebe, Stefan Ilsanker und (der bis auf Weiteres wegen einer Corona-Infektion fehlende) Ajdin Hrustic; für die offensiveren Positionen bieten sich Neuzugang Jesper Lindström, Daichi Kamada, Aymen Barkok, Steven Zuber und (noch) Amin Younes an. Ob der 27-Jährige allerdings seinen Leihvertrag, der ihn bis kommenden Sommer an die Eintracht bindet, tatsächlich erfüllen wird, ist ungewiss.

Zuletzt machte der kleingewachsene Raumgestalter, dem die Gabe geschenkt ist, mit wenigen Körpertäuschungen und technischen Tricks Vorstöße einzuleiten, deutlich, dass er sich nicht damit anfreunden kann, zu den angebotenen Konditionen eine Weiterbeschäftigung bei den Frankfurtern ins Auge zu fassen. Selbst eine deutliche Steigerung des Gehalts, das zunächst auf rund zwei Millionen Euro pro Jahr festgeschrieben war, scheint ihm zu wenig. Stattdessen lanciert sein Berater die Idee eines (lukrativen) Wechsels in den arabischen Raum.

Mit dieser Art der Interessenvertretung hat sich Younes wenig Freunde bei der Eintracht gemacht. „Amin hat alle Möglichkeiten“, meinte Sportvorstand Markus Krösche vielsagend und ließ anklingen, dass ein Abgang von Younes nichts wäre, was die Eintracht aus allen Wolken fallen ließe; auch, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, stehen sie mit AC Mailand in Verhandlungen. Von dem Klub aus der Lombardei, mit dem man seit dem Rebic-Silva-Deal gute Kontakte pflegt, würden die Frankfurter gerne Jens Petter Hauge abwerben. Der Norweger kann seine Stärken – Schnelligkeit, gepaart mit einem guten Schuss und Durchsetzungsvermögen – zudem auf beiden Flügeln einbringen. Auch nach einem zentralen Angreifer als Ergänzung zu Rafael Santos Borré wird noch gefahndet.

Nichts Neues bei Kostic

Nichts Neues gibt es derweil bei Filip Kostic zu sagen: Für alle, denen das Wohl der Eintracht am Herzen liegt, ist diese Botschaft eine gute Nachricht. Dem Star unter einigen Sternchen im Kader des Europa-League-Teilnehmers wurden während der EM von Medien aus seiner serbischen Heimat Abwanderungstendenzen in die Serie A bescheinigt. Insbesondere die AS Rom und Inter Mailand galten demnach als Interessenten.

Kostics Klasse verlieh den Darbietungen der Eintracht bis heute regelmäßig einen Qualitätsschub. In 127 Pflichtspielen erzielte er 26 Treffer, bereitete 48 vor. „Wir wissen, was wir an Filip haben, und Filip weiß, was er an der Eintracht hat“, sagte Krösche. Glasner ging noch einen Schritt weiter. Auf einer Skala von eins bis zehn bewertete er die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs von Kostic mit „neun bis zehn“. Sollte sich die Mutmaßung in dieser Transferperiode bewahrheiten, würde es für ihn und die Eintracht einen ersten großen Erfolg bedeuten – für den es zwar keine Punkte gibt, der aber für die bevorstehende Saison auch wegen seiner Symbolkraft viel wert wäre.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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