Miserabler Saisonstart

Selbst Freiburg-Trainer Streich bekommt es mit der Angst zu tun

Von Roland Zorn
Aktualisiert am 28.11.2020
 - 12:32
Trainer Christian Streich ist fassungslos: Freiburgs schmerzhafte Niederlage gegen Mainz
Beim SC Freiburg ist durch einen miserablen Saisonstart einiges aus dem Gleichgewicht geraten. Es herrschen Selbstzweifel innerhalb der Mannschaft. Nun wartet ein steiniger Weg auf den Klub.

Schreck, lass nach! Getreu diesem bewährten Selbstheilungsmotto haben sie beim SC Freiburg die ins Mark gehende 1:3-Heimniederlage gegen den bis dahin Bundesliga-Letzten Mainz 05 aufgearbeitet. Sie setzte am vergangenen Sonntag das negative Ausrufezeichen hinter einen missratenen Saisonstart, den sie auch im krisenerprobten Breisgau so nicht erwartet hatten. Sieben sieglosen Spielen nacheinander steht nur der 3:2-Auftaktsieg zum Saisonauftakt beim VfB Stuttgart entgegen, und deshalb haben sich die Freiburger mit nur sechs Punkten als Tabellenvierzehnter in den Kreis der momentan schwächsten Mannschaften eingereiht.

Bundesliga

Sportvorstand Jochen Saier sieht beim Blick auf die graue Gegenwart des Sport-Clubs der Realität ins Auge, wenn er sagt: „Wir müssen durch diese anstrengende Phase kommen. Es wird ein steiniger Weg, den SC Freiburg in diesem Jahr in der Bundesliga zu halten.“ Fürs Erste geht es an diesem Samstag beim stark gestarteten FC Augsburg (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) auch um ein Stück Selbstvergewisserung, wenn Trainer Christian Streich davon spricht, „ein anderes Gesicht“ sehen zu wollen als bei dem deprimierenden Rückschlag gegen die auf Rang 15 vorgerückten Mainzer. „Ich erwarte“, sagt der 55 Jahre alte Fußballlehrer beim Blick auf das Freiburger Kardinaldefizit im ungleichen Duell mit dem rheinhessischen Tabellennachbarn, „dass wir uns in Augsburg mit allem, was uns zur Verfügung steht, wehren.“

„Darf nicht noch einmal vorkommen“

Das ist das mindeste, was Streich diesmal von seinen Spielern erwartet, die ob einer wehrlosen ersten Hälfte gegen die Mainzer schon zur Pause aussichtslos 0:3 zurücklagen. „Das, was da in der ersten Halbzeit passiert ist, darf nicht noch einmal vorkommen.“ Die Freiburger Fehleranalysen sollte man sich aber nicht über die Maßen grobkörnig vorstellen. Dazu ist der Umgang zwischen den sportlich Verantwortlichen und den Profis auf dem Platz so erwachsen, dass aus gemeinsamer Erkenntnis befreiende Taten werden können. „Wir sind schonungslos offen zueinander, bleiben aber immer zusammen“, beschreibt Saier, seit 2003 in Diensten des Sport-Clubs, das spezifische Fußballklima an diesem südbadischen Standort, an dem sich die öffentliche Aufgeregtheit um den traditionell mit Augenmaß geführten Verein in Grenzen hält.

Gleichwohl ist an den ersten acht Spieltagen dieser Spielzeit beim Tabellenachten der zurückliegenden Saison einiges aus dem Gleichgewicht geraten. Die Mannschaft mit den viertwenigsten Treffern (neun) und den drittmeisten Gegentoren (neunzehn) hält dem Vergleich mit jenen Freiburgern nicht stand, die 2018/19 „eine Welle geritten“ hätten, wie Saier sagt, und deshalb stets weit entfernt von den vertrauten Abstiegsgefilden sehenswerten Kollektivfußball spielten. Jetzt sind sie wieder mal da, wo der Sport-Club nach besonders erfolgreichen Jahren oft genug gelandet ist: im Hinterland der Bundesliga.

Wieder die „Abstiegsbekämpfer“

So wie Rang fünf in der Abschlusstabelle der Saison 2012/13 im Jahr darauf Platz vierzehn folgte oder Rang fünfzehn 2018 nach Platz sieben in der Bundesliga-Runde 2016/17. Mögen die sportlich etablierten und wirtschaftlich über Jahre solide arbeitenden Freiburger vor dem bevorstehenden Einzug in ihr neues, größeres Stadion noch so gesund sein, so verschlägt es sie nach 21 Erstligajahren seit dem Erstaufstieg 1993 doch alle paar Jahre wieder in die Zone der „Abstiegsbekämpfer“.

Dafür gibt es zu diesem noch immer frühen Zeitpunkt der Saison auch innerbetriebliche Gründe. Den finanziell angemessen vergoltenen Transfers der deutschen Nationalspieler Luca Waldschmidt zu Benfica Lissabon (15 Millionen Euro) und Robin Koch zum Premier-League-Aufsteiger Leeds United (13 Millionen) sowie des Stammtorwarts Alexander Schwolow zu Hertha BSC (7 Millionen/Quelle: transfermarkt.de) stehen Zugänge gegenüber, die sich in Freiburg noch nicht spielentscheidend profiliert haben.

Der für zehn Millionen Euro vom SC Angers gekommene Franzose Baptiste Santamaria fremdelt noch ein wenig im zentralen Mittelfeld neben dem seiner jahrelang konstant soliden Form hinterherlaufenden Nicolas Höfler. Andere Zugänge wie der von Spartak Moskau ausgeliehene offensive Mittelfeldspieler Guus Til oder der vom FC St. Gallen gekommene Angreifer Ermedin Demirovic haben im Freiburger Ambiente noch nicht recht Fuß gefasst. „Wir haben noch keine Stabilität gefunden, das Selbstverständnis der vergangenen Saison fehlt noch“, gibt Saier zu.

Streichs Angst um die Zukunft

Um sich die lange vermissten Erfolgserlebnisse zurückzuholen, braucht es die zuletzt verschütt gebliebenen Grundtugenden: Robustheit, gegenseitige Hilfsbereitschaft, eine greifbare Spielidee und den unbedingten Siegeswillen. Passives Zuwarten und zögerliches Handeln wie gegen Mainz versperren den Weg zum Sieg. An den „Basics“, sagt Saier, sei während der Woche hart gearbeitet worden, ohne „die Spieler, die nicht in ihrer allerbesten Phase sind, noch mehr zu verunsichern“. Schließlich sei eine Mannschaft „ein total sensibles Gebilde“, mit dem man behutsam und fordernd zugleich umgehen müsse.

Diese Kunst beherrscht der manchmal ruppige, meistens jedoch feinfühlige Streich besser als mancher Berufskollege, zumal er die Ängste und Zweifel seiner Spieler zuletzt am eigenen Leib zu spüren bekommen hat. „Ich muss jetzt schauen, ob ich der Aufgabe noch gewachsen bin“, hat der nach den Spielen sehr offen mit seinen Befindlichkeiten umgehende Trainer nach dem 1:3 gegen Mainz gesagt. „Ich bin auch nervös. Wenn es nicht gut läuft, kommen Zweifel, und da stellst du auch bei dir selbst Dinge in Frage.“ Freimütige Aussagen in eigener Sache, die dem Bundesliga-Trainer, der derzeit am längsten seines Amtes waltet (seit 2011), noch nie geschadet haben.

In Augsburg soll ein Zeichen für die Wende gesetzt werden – da, wo der Sport-Club noch nie gewonnen hat. Saier wünscht sich bei aller Besinnung auf die Freiburger „Basistugenden“ aber auch „ein Stück Leichtigkeit“ von seiner Mannschaft. „Bei den Grundlagen brauchen wir mehr, und trotzdem dürfen wir uns nicht verlieren.“ Dem Erschrecken soll die befreiende Tat folgen. Mal sehen, ob aus dem Wunsch auch Wirklichkeit werden kann.

Quelle: F.A.Z.
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