Topspiel gegen FC Bayern

Das Rose-Rätsel beim BVB

Von Daniel Theweleit
04.12.2021
, 13:47
Marco Rose kann Rückendeckung zur Zeit gut gebrauchen.
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Trümmerhaufen oder Titelanwärter? Dem BVB ist in dieser Saison fast alles zuzutrauen. Es wird Zeit, dass Team und Trainer zu erkennen geben, wie gut sie wirklich zusammenpassen.
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Einen bemerkenswerten Erfolg hat Marco Rose schon einmal hinbekommen als Trainer von Borussia Dortmund, wenn auch mithilfe der fortschreitenden Geschichte. Die alte Sehnsucht nach dem unerreichbaren Jürgen Klopp ist beinahe vollständig verblasst. Vorgänger wie Lucien Favre oder Thomas Tuchel mussten sich noch permanent an Klopp messen lassen, sportlich, aber auch als Typen.

Bundesliga

Inzwischen spielt dieser alte Reflex keine große Rolle mehr, obgleich im Fall von Rose noch unklar ist, ob man sich an ihn als Dortmunder Trainer erinnern wird, der die Herzen erreicht hat und die Mannschaft zu Titeln geführt hat. Oder als weiteren Versuch, an große Zeiten anzuknüpfen, der nicht funktionierte wie erhofft. Wohl auch in diesem Wissen rief der Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Dienstag auf der Aktionärsversammlung: „Ich habe großes Vertrauen in Marco Rose!“

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Der Trainer kann diese Rückendeckung gebrauchen, denn rund um den Klub wird viel über Roses Arbeit gerätselt. Die Ergebnisse in der Bundesliga sind gut, die Auftritte des Teams waren aber oft mäßig. Das Ausscheiden aus der Champions League in der Gruppenphase ist ein Schock, schließlich hatte Roses nach zweieinhalb Jahren beim BVB entlassener Vorvorgänger Favre immer den Sprung ins Achtelfinale geschafft. Vier Tage nach dem finsteren Abend von Lissabon, an dem das 1:3 bei Sporting das Aus besiegelte, gelang jedoch ein beeindruckender Sieg beim VfL Wolfsburg, was manchen Beobachter im Zustand akuter Verwirrung zurückließ.

Spannende Meisterschaft möglich

Sportdirektor Michael Zorc findet die extremen Reaktionen auf diese beiden Fußballspiele jedenfalls „beinahe skurril“. Zuerst werde alles „in Schutt und Asche geschrieben“, bevor nur 90 Fußballminuten später plötzlich ein echtes „Spitzenspiel“ gegen den FC Bayern angekündigt werde, sagte Zorc der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Ein Topspiel, in dem der BVB im Falle eines Sieges sogar Tabellenführer der Bundesliga werden kann. Ja, was denn nun? Trümmerhaufen oder Titelanwärter?

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Es ist tatsächlich kompliziert, diesen BVB und seinen immer noch ziemlich neuen Trainer fundiert einzuschätzen. Die Bundesligatabelle sieht gut aus, und wenn die Münchner sich weiterhin mit ihren Impf- und Sponsorenproblemen herumplagen, ist vielleicht wirklich wieder einmal ein spannender Kampf um die deutsche Meisterschaft möglich. Jedenfalls wenn es dem Trainer des BVB gelingt, die großen Potentiale im Kader dauerhaft zu entfalten.

© DAZN

Sollten die Dortmunder am Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen Bayern München gewinnen und die Tabellenführung übernehmen, wird die Begeisterung auch um den Trainer riesig sein. Wenn das Spiel hingegen verloren geht, wird es heißen: Mit Rose wird das wieder nichts. Der Grund für diese Fallhöhe ist nicht nur die Neigung der Fußballöffentlichkeit zum Extrem, sondern eben auch die Tatsache, dass der BVB in dieser Saison bislang kaum wirklich verlässliche Eindrücke, dafür aber jede Menge Widersprüche geliefert hat.

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Einerseits verfügt die Mannschaft über eine Eigenschaft, die lange Zeit fehlte: Der Klub gewinnt viele jener schwächeren Spiele, in denen in früheren Jahren regelmäßig die Punkte verloren gingen, die schließlich für den Meistertitel fehlten. Andererseits gibt es ungewöhnlich viele dieser weniger überzeugenden Auftritte. Erstaunlich ist zudem die schleppende fußballerische Entwicklung, die auch deshalb verwundert, weil im Sommer noch davon ausgegangen wurde, dass Edin Terzic die Übernahme durch Rose bestens vorbereitet hatte. Der Interimstrainer hat den behäbigeren und stärker auf Kontrolle ausgerichteten Favre-Fußball durch einen intensiveren Stil mit mehr Tiefe ersetzt.

Wer nun kritisiert, dass das Team unter Terzic ansehnlicher spielte, bekommt von Rose zu hören, dass die vielen Ausfälle wichtiger Spieler „in keiner Weise in die Bewertungen eingeflossen“ seien. Die Verletzungen sind tatsächlich eine plausible Erklärung für die Schwankungen, Spieler wie Erling Haaland, Mats Hummels oder Raphael Guerreiro sind nicht ohne Substanzverlust zu ersetzen. Zumal sich selbst die Profis, die zum Einsatz kamen, oft noch in der Aufbauphase nach Verletzungen befanden und noch längst nicht in guter Form spielten. Aber intern mag nicht einmal Rose diese Erklärung wirklich gelten lassen, jedenfalls wenn die Berichte aus der Kabine stimmen.

Wie beim FC Bayern, wo intime Details über den Umgang mit den ungeimpften Spielern bekannt wurden, hat auch in Dortmund irgendjemand gegenüber der „Sport-Bild“ Vorgänge aus dem Innenleben des Teams preisgegeben. Rose sei nach der 3:1-Niederlage in Lissabon, die sich auch mit dem Fehlen von Hummels, Guerreiro und Haaland erklären lässt, mächtig wütend gewesen und habe lautstark gefordert: „Werdet erwachsen!“ Die Leistung in der wichtigen Begegnung sei „nicht Dortmund-like“ gewesen. Kritisch erwähnt habe der Trainer demnach explizit die zwar umstrittene, aber leicht vermeidbare Rote Karte für Emre Can.

Vier Tage später in Wolfsburg spielte Can trotzdem, traf per Elfmeter und wurde anschließend innig von Rose geherzt. Wie einst Klopp ist auch Rose manchmal ruppig, aber er ist nicht nachtragend, und in der Öffentlichkeit stellt er sich immer schützend vor seine Spieler. Selbst als Marco Reus nach der 2:1-Niederlage in Leipzig öffentlich das System des Trainers kritisierte, blieb Rose versöhnlich und zeigte Verständnis für den Ärger seines Kapitäns.

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Nun steht das große Spiel gegen die Bayern an, endlich einmal sind fast alle Spieler gesund, er könne „aus dem Vollen schöpfen“, sagte Rose am Freitag. Vielleicht ist das der Beginn einer Phase, in der diese Mannschaft und ihr Trainer endlich zu erkennen geben, wie gut sie wirklich zusammenpassen.

Quelle: F.A.Z.
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