Darmstadt-Trainer Schuster

„Lieber falle ich um, als dass ich aufgebe“

Von Michael Eder
04.01.2016
, 16:49
Für Egoismus und Eitelkeiten ist bei Darmstadt 98 kein Platz – zumindest, wenn es nach Dirk Schuster geht. Der Trainer der „Lilien“ spricht im Interview über Kampfgeist, Schmerzgrenzen und das „kleinste Licht der Liga“.

Herr Schuster, für unsere Serie „Siegertypen“ würden wir Ihnen gern ein paar Fragen stellen.

Siegertypen? Ich bin Trainer von Darmstadt 98. Wie passe ich da rein?

Sie haben Darmstadt vom Rand der vierten Liga auf direktem Weg in die Bundesliga geführt, galten dort als chancenlos und stehen nun zur Halbzeit mit 18 Punkten dreí Zähler vor der Abstiegszone – Verlierertypen haben andere Bilanzen.

Na dann, schießen Sie los.

Sie sind ein passionierter Läufer, haben schon einige Marathons hinter sich – gibt es Herausforderungen, von denen Sie noch träumen?

Vom New York Marathon. Den habe ich schon zweimal geplant. Hat aber leider nicht geklappt, weil wir zweimal kein Freitagabendspiel hatten. Es müsste so laufen: Freitagabend spielen, Samstag morgen hinfliegen, Sonntag laufen, Montag zurück.

Was ist Laufen für Sie?

Ein Ausgleich. Ich kann mir dabei Gedanken machen, ohne dass ich gestört werde, über Fußball, über Privates, über alles mögliche. Beim Marathon hat man auf den ersten 20 Kilometern zwei Stunden Schonzeit, Zeit zum Nachdenken. Für mich ist ein Marathon auch die innere Bestätigung, dass ich noch Biss habe. Dass ich den inneren Schweinehund noch überwinden kann. Ein Marathon bedeutet Schmerzen, er tut weh, man muss vom Kopf her gegensteuern, dann kann man es schaffen.

Und wie fühlt es sich an im Ziel?

Ein überragendes Gefühl, Gänsehaut. Das ist anders als im Fußball, als in einem Mannschaftssport. Beim Marathon stirbt jeder für sich allein. Dieser Kampf gegen sich selbst, großartig. Ich bin in Rom gelaufen, durch die Stadt, rechts und links Cafés, da steht das kühle Peroni-Bier auf den Tischen, das Kondenswasser läuft an den Gläsern hinunter, und da denkst du dann, warum läufst du hier? Warum trinkst du kein Bier mit denen? Machst du aber nicht, denn du hast schon mehr als die Hälfte hinter dir und kannst diesen Kampf unmöglich aufgeben. Für mich ist das die Bestätigung, dass ich selbst noch kann, was ich von meinen Spielern verlange, dass ich noch beißen kann, dass ich noch über die Schmerzgrenze gehen kann. Diese Erfahrung hin und wieder zu haben, das schadet nicht.

Woher kommt dieser Kampfgeist?

Ich war als Fußballspieler körperlich ein Spätentwickler. Ich war klein und schmal, und wenn du deinen Gegenspielern körperlich unterlegen ist, musst du andere Wege gehen. Dann musst du schlau sein, dann musst du kämpfen, dann musst du deinem Gegner wie ein Straßenköter am Bein hängen und sagen: Hey, ich bin immer noch da, ich tue dir weh, und du kriegst mich nicht los, du nicht.

Fußball als Willenssache?

Ja, bei mir ist es so: Wenn ich etwas will, dann will ich es unbedingt, dann gebe ich alles dafür. Im Fußball. Und beim Marathon. Lieber falle ich auf der Strecke um und – übertrieben gesagt – die müssen mich wiederbeleben, als dass ich aufgebe. Aufgeben gibt es nicht.

Das wollen Sie Ihren Spielern vorleben?

Sie müssen wissen, dass der Kampf eine Grundtugend des Fußballs ist. Kampf ist das Mindeste. Man muss immer alles geben, das ist man sich selbst und der Mannschaft schuldig. Wenn einer die richtige Einstellung rüberbringt, dann ist es für mich okay, dann sind auch Fehler erlaubt, dafür wird keiner verdammt. Er muss dann in der folgenden Trainingswoche nur zeigen, dass es ein Ausrutscher war, dann geht es weiter.

Darmstadt 98 lebt vom Mannschaftsgeist. Wie pflanzt man diesen Teamgedanken ein?

Wichtig ist eine Hierarchie in der Mannschaft, die sich über Leistung definiert. Jedem muss klar sein: Wir nehmen keine Rücksicht auf Namen oder Verdienste in der Vergangenheit. Es zählt das reine Leistungsprinzip. Große Reden zählen nicht, Worte müssen auf dem Platz mit Taten zementiert werden. Der Spielraum für Eitelkeiten und Egoismen geht bei uns gegen null. Jeder muss sein Mosaiksteinchen reinlegen, dann gibt es am Ende ein rundes Bild. Wir sind nun einmal in jeglicher Beziehung das kleinste Licht der Liga. Wir können es nur gemeinsam schaffen.

Sie waren Nationalspieler in beiden deutschen Staaten. Wann haben Sie eigentlich Ihr Talent als Trainer entdeckt?

Als Spieler dachte ich, die ganze Rumreiserei, das reicht dann mal nach der aktiven Karriere. Ich habe trotzdem die Trainer-B-Lizenz gemacht, die A-Lizenz; dachte, dann habe ich die Scheine wenigstens. Am Ende der Karriere habe ich bei Waldhof Mannheim gekickt, da hieß es irgendwann, könntest du die B-Jugend nebenbei mitmachen, sie irgendwie in der Klasse halten? Ich habe mich da reingehängt, und wir haben es am letzten Spieltag geschafft und sind dringeblieben. Diese Erfahrung, diese Arbeit mit pubertierenden Jugendlichen, denen ich den Gemeinschaftsgedanken vermitteln wollte, das hat mir gefallen. Ich habe gemerkt, das macht ja eigentlich Spaß. Dann war die Karriere zu Ende, und die Frage stand im Raum: Was kannst du überhaupt außer Fußball? Die Antwort war: Erst mal eigentlich nichts. Dann habe ich meinen Fußballlehrer in Köln gemacht.

Wie war das?

Das war überragend. Bei einem B-Lizenz-Lehrgang, der zwei Wochen dauert oder so, machst du eine Menge Blödsinn mit ein paar alten Kollegen, und kriegst am Ende deinen Schein. Die Qualität steht da ein bisschen hintenan, zumindest war das bei mir so. Dann kommst du zum Fußballlehrer-Lehrgang und denkst, du hast Nationalmannschaft gespielt für beide Länder, warst auf zwei Stationen im Ausland, hast viele Trainer erlebt, im Prinzip weißt du ja schon alles. Aber im Nachhinein betrachtet, gehst du da als vollkommener Idiot hin, so habe ich mich zumindest gefühlt, was Trainingslehre betrifft, wissenschaftliche Abläufe, Psychologie, Taktik, alles, was dazugehört. Für mich war diese Zeit in Köln hochinteressant, ich habe alles aufgesaugt wie ein trockener Schwamm.

Sie haben als Lehrgangsbester abgeschnitten - und gingen dann auf Stellensuche.

Aus dem Lehrgang kommst du so ein bisschen als Wissender raus, und willst es so schnell wie möglich umsetzen zusammen mit deinen eigenen Ideen vom Fußball, willst probieren, ob es funktioniert. Als Anfänger bist du für die Vereine aber erst mal ziemlich uninteressant. Du musst warten und hoffen, dass irgendwo eine Tür aufgeht. Dass du als Ko-Trainer reinrutschst oder dass ein Verein den Mut hat, dir das Vertrauen zu geben. Ich bekam meine Chance bei den Stuttgarter Kickers, die gerade aus der dritten Liga abgestiegen waren.

Sehen Sie den Sport, das Leben eigentlich fatalistisch: Hat alles so sollen sein?

Eine Niederlage macht einen stärker, das glaube ich schon. Sie hat Auswirkungen, einen Sinn, man kann daran wachsen. Als ich in Stuttgart entlassen wurde und im Dezember 2012 nach Darmstadt kam, waren die „Lilien“ Letzter in der dritten Liga, fünf Punkte Rückstand, miserables Torverhältnis. Unser Ziel war, am letzten Spieltag gegen die Stuttgarter Kickers ein Endspiel zu haben und den Klassenverbleib da schaffen zu können. Das haben wir erreicht, und in diesem Endspiel waren wir die bessere Mannschaft, hatten die besseren Chancen, aber es hat trotzdem nicht gereicht, wir haben 1:1 gespielt und waren sportlich abgestiegen. Nur der Lizenzentzug der Offenbacher Kickers hat uns später gerettet.

War dieser gefühlte Abstieg so etwas wie die psychologische Basis für die folgenden märchenhaften Erfolge?

Jeder Misserfolg, jedes Negativdetail hat den Sinn, dass man draus lernt. Der Abstieg damals, dieses Unentschieden, war für uns prägend. Wir saßen nach der Partie in der Kabine, in der Küche, im Gang, haben Bier getrunken, sehr viel Bier, alle waren am Boden zerstört, zu Tode betrübt, viele haben geheult, wollten nur noch vergessen. Und genau diese Momente haben wir den Jungs später immer wieder eingebleut. Haben gesagt, denkt zurück, wollt ihr diese Situation noch einmal erleben, wollt ihr wieder diesen Druck haben, diese Enttäuschung, wollt ihr wieder um die Existenz spielen?

Die Antwort liegt auf der Hand.

Ja, darauf gibt es nur eine Antwort, und dieses „Das-wollen-wir-nicht“ hat die Mannschaft in der folgenden Saison dazu bewegt, immer noch eine Schippe draufzulegen, alle haben mehr getan, als notwendig war. Sind noch mal einen Kilometer mehr gelaufen, haben noch mal mehr investiert. Das war das Positive, das aus dieser Dreckssituation entstanden ist. Und dann, nach dem überraschenden Aufstieg in die zweite Liga haben wir Kraft aus dem Positiven gezogen. Als wir kurz vor Schluss die Chance hatten, noch einmal aufzusteigen und tatsächlich in die Bundesliga zu kommen, da wollten wir wieder auf dem Balkon stehen, wollten wieder das Bad in der Menge haben. Da kam das Feuer auch aus den euphorischen Momenten, die wir erlebt hatten.

Was ist nun hängengeblieben vom ersten halben Jahr Bundesliga?

Wir hatten uns erhofft, dass es so laufen würde. Dass wir eine Mannschaft zusammenbekommen, die konkurrenzfähig ist, die sich Respekt erarbeitet und bislang die nötigen Punkte holt. Und dass wir die Chance haben, in der Liga zu bleiben. Wir haben vieles ausgleichen können mit Willen, Kampfkraft, Leidenschaft, Moral, mit Teamgeist.

Wie viel Kraft hat diese Halbrunde gekostet?

Sie war total aufreibend für uns alle. Aber auch hochinteressant und schön. Wir haben viel investiert, haben die 100 Prozent in fast jedem Spiel abrufen können. Aber es war auch Abnutzung und Verschleiß zu erkennen in mancher Trainingswoche. Wir sind anfangs viel hinterhergelaufen, mussten schauen, dass wir mal an die Kugel kommen, und haben sie dann zu leicht wieder hergeschenkt. Und mussten wieder laufen, kämpfen, grätschen. Aber wir haben Fortschritte gemacht, wir sind im spielerischen Bereich vorangekommen.

Werden Sie sich in der Winterpause verstärken?

Wir werden sehen. Für uns sind Spieler interessant, die gegen Ende der Transferperiode ab Mitte Januar bei anderen Vereinen keine Perspektive mehr haben und sich woanders noch einmal beweisen wollen. Direkte Mitkonkurrenten im Abstiegskampf werden uns keine Spieler abgeben, da brauchen wir gar nicht hinzublicken. Aber bei anderen Vereinen fällt vielleicht der ein oder andere hinten runter, wenn noch mal aufgerüstet wird. Das ist unsere Klientel.

Quelle: F.A.Z.
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