Fußball-Doku-Serie aus Berlin

Wo „Prince“ und „Maradöna“ kickten

Von Bert Rebhandl
09.12.2021
, 09:27
Dort, wo alles begann: Chinedu Ede (links) und Änis Ben-Hatira in Berlin
Aus dem Käfig ins Freie: Die Doku-Serie „Underground of Berlin“ zeigt eine Generation, die Hertha BSC hätte prägen können. Spieler, für die die Alternative zum Profifußball auch der Knast war.
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Eine Touristenattraktion der ungewöhnlicheren Art hat Berlin im Bezirk Wedding, unweit des Flüsschens Panke. In einem Park an der Travemünder Straße liegt der „Käfig“, in dem Kevin-Prince Boateng das Fußballspielen gelernt hat. Im Internet findet man die eine oder andere Stadtwanderung empfohlen, die hierher führt – an einen Wallfahrtsort der besonderen Sorte.

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Denn nachdem der Fußball eine Zeit lang gedacht hatte, er könnte immer planbarer werden und Datenerfassung die Spieler zu austauschbaren Faktoren in taktisch ausgeklügelten Formationen machen, ist das Pendel längst in die Gegenrichtung geschwenkt. Nun sucht man auch wieder nach „Typen“, nach Fähigkeiten, die sich nur beschränkt trainieren lassen, weil sie von der Energie des Lebens und Überlebens auf der Straße geprägt sind. Man sucht nach Talenten, die sich aus dem Käfig ins Freie spielen können.

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Bei Kevin-Prince Boateng war das auf jeden Fall so, auch wenn sein Bruder Jérôme dann die größere Karriere hatte. Und der wuchs im bürgerlichen Bezirk Charlottenburg auf. Bei Hertha BSC gab es in den Nullerjahren aber noch eine ganze Reihe weiterer „Straßenfußballer“. Einige von ihnen stehen nun im Mittelpunkt der Doku-Serie „Underground of Berlin“, die der Streamingdienst DAZN am Freitag startet. Änis Ben-Hatira, Chinedu Ede, Ashkan Dejagah. Sie gehören alle zu einer Generation, die den Hauptstadtklub hätte prägen können. Es blieb dann aber doch oft bei einigen tollen Momenten.

Der „Prince“ ist inzwischen zu Hertha zurückgekehrt und bemüht sich dort, seine Rolle als Identifikationsfigur durch gelegentliche Auftritte auf dem Platz nicht zu stark zu ramponieren. In „Underground of Berlin“ fungiert er quasi als Vorsitzender: Vom Fauteuil aus, in einem sehr coolen Anzug, kommentiert er die Stadt- und Fußballmythologie, die Matthias Faidt und Marco Gundel entwerfen. Die populäre Serie „4 Blocks“, die von deutsch-arabischen Familien in Neukölln erzählt, lugt die ganze Zeit um die Ecke und soll auch auf „Underground of Berlin“ abstrahlen.

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Zum Glück übertreiben es die Serienmacher aber nicht mit der Stilisierung. Es besteht auch keinerlei Notwendigkeit, denn die Protagonisten sind auch so interessant genug. Im Mittelpunkt der ersten drei Folgen (weitere sollen im neuen Jahr folgen) stehen Chinedu Ede und Änis Ben-Hatira. Ede sagt von sich selber, dass er „in einer sehr asozialen Gegend von Intellektuellen erzogen wurde“. Sein Vater kam 1971 aus Nigeria nach Deutschland, er arbeitet als Diplom-Ingenieur, die Mutter ist Lehrerin. Von Chinedu hieß es in seiner Jugend oft, er hätte „einen an der Waffel“. In „Underground of Berlin“ zeigt er sich nun als reflektierter, gereifter junger Mann, der sehr gut einschätzen kann, wie sein Leben bisher verlaufen ist.

Besonders reich an kontroversen Themen war der Weg von Änis Ben-Hatira, der 2017 einen Vertrag bei Darmstadt 98 auflösen musste, weil er an ein muslimisches Hilfswerk gespendet hatte, das im Verdacht des Salafismus steht. Faidt und Gundel bleiben zu dem Thema Religion offenkundig vorerst auf sicherer Distanz, in der ersten „Staffel“ (de facto drei knapp halbstündige Folgen) geht es vorerst einmal um den jungen Änis, der den Spitznamen „Maradöna“ hatte, weil er die Skills von Maradona mit einem profunden Wissen um die besten Berliner Döner-Buden verband.

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Der Nachwuchstrainer Frank Friedrichs zog Ende der Neunzigerjahre bei den Reinickendorfer Füchsen eine professionelle Nachwuchsarbeit auf, mit neuen Erfahrungen für die jungen Männer: „Willensschulung“ hatten sie auf ihre eigene Weise aber selbst schon betreiben müssen angesichts des Umstands, dass die Älteren auf den Bolzplätzen gern einmal zwischen und nach den Spielen „am Kiffen waren“.

Nicht immer pflegeleicht: Änis Ben-Hatira eckte in seiner Karriere immer wieder an.
Nicht immer pflegeleicht: Änis Ben-Hatira eckte in seiner Karriere immer wieder an. Bild: WITTERS

Fußballer und Rapper sind in den Lebenswelten, aus denen Ede oder Ben-Hatira kommen, zwei geläufige Lebensträume und Rollenmodelle. Der eine passt zwar nur bedingt zum anderen, im Alltag gibt es aber viele Überschneidungen, wie man in „Underground of Berlin“ sehen kann. Man muss den Blick auf die Entwicklungswege von Talenten nicht unbedingt pädagogisch formatieren, allerdings bringt es die straßentaugliche Ästhetik, der sich Faidt und Gundel befleißigen, eben mit sich, dass sie selbst oft in die Bildsprache der Imageproduktion verfallen.

Patrick Ebert, auch er einer aus der genannten Generation, sagt dann zwischendurch, er finde Berlin „zu abgefuckt“, und man weiß nicht genau, ob er sich da überhaupt noch auf eigene Erfahrungen bezieht oder ob er das Klischee, das auch „Underground of Berlin“ bestärkt, damit meint. Ebert stammt aus Potsdam, er stieß erst später zu der Gruppe und gibt der ganzen Sache einen interessanten Akzent, den die kommenden Staffeln hoffentlich noch weiterverfolgen werden.

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„Andere gingen in den Knast“

Für Hertha BSC kommt die Serie in einem heiklen Moment, denn es handelt sich hier um ein Projekt, das gar nicht auf den Segen des Hauptstadtklubs angewiesen war. Der Rückblick auf die Nullerjahre verweist ja auch auf viele verpasste Gelegenheiten schon damals. Längst haben die Fußballvereine die Bilderproduktion über ihre Angelegenheiten selbst in die Hand genommen, und es gibt inzwischen zahlreiche Formate, die halb Dokumentation, halb Promotion sind. Auf jeden Fall aber ist jedes Detail abgesichert, und es dringt nichts nach draußen, was nicht abgesprochen ist. „Underground of Berlin“ aber kümmert sich im Grunde nur am Rande konkret um Fußball.

Es gibt auch vergleichsweise wenig Spielausschnitte. Stattdessen bekommt man in Andeutungen eine Vorstellung davon, wie anspruchsvoll die Bildungsaufgabe für diese jungen Männer ist, sich in einer Welt zu behaupten, in der das Gefängnis genau so als Option infrage kommt. „Andere gingen in den Knast“, heißt es einmal, und wieder bleibt dabei offen, wie viel davon Realität ist und wie viel zu diesem Spiel mit der Gefahr gehört, dass die Musikindustrie für ihre Zwecke gut brauchen kann, und „Underground of Berlin“ eben auch.

Patrick Ebert und Kevin-Prince Boateng fielen 2009 mit einem Akt von Vandalismus auf (die „Autospiegel-Affäre“), der als jugendliche Dummheit immerhin ernst genug für ein gerichtliches Verfahren war. Für „Underground of Berlin“ liegt dieser Vorfall nach drei Folgen noch in der Zukunft. Man kann nur hoffen, dass DAZN den beiden Autoren die Freiheit lässt, den vielen spannenden Aspekten dieser Geschichte auch ausreichend gerecht zu werden.

Quelle: F.A.Z.
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