Fußball-Bundesliga

Die Luftakrobaten der Eintracht

Von Jörg Daniels
29.11.2021
, 17:18
Der Kopfball seines Lebens: Eintracht-Verteidiger Evan Ndicka sorgt in der 95. Minute für kollektive Glücksgefühle.
Die Perspektive stimmt: Nach dem 2:1 gegen Union Berlin sieht sich die Frankfurter Eintracht auf Kurs in der Liga. Trainer Glasner lobt den Last-Minute-Torschützen: „Wie Michael Jordan zu seinen besten Zeiten.“
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Überheblichkeit duldet Oliver Glasner nicht. „Mir ist wichtig, dass wir immer auf dem Boden bleiben“, betonte der Eintracht-Trainer am Sonntag, nachdem den Frankfurtern beim 2:1-Heimsieg über Union Berlin der fünfte Last-Minute-Treffer in den vergangenen sechs Pflichtspielen gelungen war. Es gibt jedoch Ausnahmesituationen, in denen bei den Hessen Luftsprünge erlaubt sind und die Spieler zum Wohl des Vereins formvollendet abheben dürfen. Wie Evan Ndicka in der fünften Minute der Nachspielzeit im Duell mit Union.

Bundesliga

Der 1,92 Meter große Franzose, dessen Hauptarbeitsgebiet die Verteidigung ist, schraubte sich vorn immer höher in die Luft und katapultierte den Ball mit dem Kopf in artistischer Manier zum Siegtreffer in das Berliner Tor. Voller Hochachtung wechselte Glasner kurz in den Basketball, um den Überflieger Ndicka in den höchsten Tönen zu loben. Der 22-Jährige habe „wie Michael Jordan zu seinen besten Zeiten in der Luft“ gestanden, freute sich der Trainer. In den Reihen der Eintracht ist Ndicka aber nicht der einzige Luftakrobat. Beim 2:2 in der Europa League zu Hause gegen Antwerpen am vergangenen Donnerstag war schon Gon­zalo Paciencia obenauf und hatte mit einem sehenswerten Kopfball das späte 2:2 erzielt.

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Der Frankfurter Höhenflug geht weiter. Nach drei Bundesligasiegen in Serie richten sie als Tabellenzwölfter den Blick nach oben: Der von Hoffenheim eingenommene Platz fünf ist nur noch zwei Punkte entfernt. Und dem Sechsten, Uni­on Berlin (ebenfalls 20 Punkte), war die Eintracht klar überlegen, auch das richtet sie auf. „Die Frankfurter waren heute einfach in allen Belangen besser als wir. Sie waren aggressiver und präsenter“, räumte Trainer Urs Fischer ein.

Frankfurter Weiterentwicklung

Die Perspektive der Eintracht stimmt jetzt. Vor allem deshalb, weil die Hessen in der Nachspielzeit mit wichtigen Treffern über sich hinausragen. In Sachen Siegermentalität sind sie führend im Oberhaus. „Wir glauben bis zur allerletzten Sekunde daran, das Spiel gewinnen oder zumindest den Ausgleich schaffen zu können. Wir stecken nie auf“, sagte Glasner. Für Sportvorstand Markus Krösche ist es „ei­ne Qualität und auch eine Stärke, dass die Spieler bis zum Schluss an sich glauben. Und heute haben wir es geschafft, über 90 Minuten ein richtig gutes Spiel zu ma­chen. Vom Schritt in die richtige Richtung“ zeigte sich Krösche sehr angetan.

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Bei den Frankfurtern wächst nun nach großen Anlaufschwierigkeiten et­was zusammen. Endlich aus ihrer Sicht stellen sich bei dem „Prozess“, von dem Glasner immer spricht, die erhofften Fortschritte ein. „Gewisse Abläufe werden immer klarer“, sagte der Trainer. „Im Spiel nach vorn haben wir Automatismen entwickelt“ – so brachte Krösche die Weiterentwicklung auf den Punkt. „Es ist ein Prozess, der langsam Früchte trägt“, sagte der Sportvorstand. „Wir haben mehr Ruhe bekommen und ma­chen die Dinge mit Überzeugung.“

Hätten die Hessen gegen Union alle Torchancen, die sie sich mit großer Ziel­strebigkeit erspielt hatten, genutzt, hätten sie die Begegnung hoch gewonnen. Doch neben Ndicka brachte nur Djibril Sow bei seinem Treffer zum 1:0 (22. Minute) die nötige Abschlussstärke auf. „Es ist schon fast peinlich, dass ich zwei Jahre kein Tor geschossen habe. Die Jungs sagen mir schon immer: Schieß doch einfach wie im Training“, sagte der Schweizer Nationalspieler und grinste. Der defensive Mittelfeldspieler ist bei der Eintracht fester Bestandteil der Achse, die für immer mehr Stabilität auf dem Platz sorgt. Im Hinblick auf das Zu­sammenspiel auf der Sechserposition merke man, dass Sow und Kristijan Jakic „ein Gefühl füreinander“ hätten. „Sie wissen, wer in dem Moment die Position halten muss und wer sich offensiv einschaltet“, sagte Krösche.

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Über al­len im positiven Sinne steht aber der bald 38 Jahre alte Altmeister Makoto Hasebe. Der Japaner sei „der Schlüssel geworden für die Art, wie wir spielen in den vergangenen Wochen“. Der Sportvorstand sieht in dem Abwehrchef einen „extrem intelligenten Spieler, der es durch sein Coaching schafft, die Jungs neben sich so zu steuern, dass er sich auf sein Spiel konzentrieren kann. Spielerisch ist Makoto mit der beste Spieler im Kader.“ Auf 99 Ballkontakte kam Ha­sebe am Sonntag, das waren mit großem Abstand die meisten. „Wir haben ein sehr stabiles Zentrum“, bilanzierte Krösche. Und vorn funktioniert das Zu­sam­menspiel zwischen Daichi Kamada, Jes­per Lindström und Rafael Borré immer besser. „Wir haben jetzt eine bessere Boxbesetzung.“

Wie in seinen besten Zeiten trumpfte Filip Kostic gegen Union auf. In seiner Dynamik war der serbische Nationalspieler auf der linken Seite kaum zu bremsen. 83-mal am Ball, neun Torschussvorlagen, 13 Flanken und 34 Sprints – diese Werte sprechen beim Dampfmacher Kostic für sich. Keine Überraschung, dass der 29 Jahre alte „Flankomat“ auch den Siegtreffer von Ndicka vorbereitete. Dessen erster Saisontreffer in der 95. Spielminute war das nächste Tor der „Last-Minute-Eintracht“ (Timothy Chandler). Deshalb ist Peter Fischer auf eine neue Ge­schäftsidee gekommen. „Ich verkaufe jetzt Tickets für zehn Euro. Gültig sind sie ab der 90. Minute“, sagte der Vereinspräsident und kostete sein spätes Glücksgefühl in vollen Zügen aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
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