Frankfurter Kader

Zu wenig Spitzenklasse bei der Eintracht

Von Jörg Daniels
09.08.2020
, 12:10
Mit dem Aus in der Europa League ist die lange Saison für die Eintracht endgültig beendet. Klar ist: Frankfurt braucht Verstärkung in nahezu allen Teilen der Mannschaft. Denn im Kader gibt es zu viel Durchschnitt.

Auszeit im August – das ist außergewöhnlich im ansonsten prall gefüllten Arbeitskalender der Eintracht-Profis. Aber jetzt hat der Frankfurter Cheftrainer Adi Hütter seinen Bundesliga-Spielern fast eine ganze Woche freigegeben. Sie müssen in ihrer Freizeit nur die Fitnesspläne pflichtbewusst abarbeiten. Die Pause hätten sich seine Profis „verdient“. Sie sollen „physisch und psychisch frisch in die neue Saison starten können“, sagte Hütter. Das erste Pflichtspiel wartet auf die Frankfurter mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel (der noch zu ermittelnde Gegner könnte 1860 München lauten) zwischen dem 11. und 14. September, bevor eine Woche später das erste Bundesliga-Heimspiel gegen Arminia Bielefeld stattfinden soll.

Europa League

Das Aus im Achtelfinale der Europa League durch das 0:1 in Basel macht die Pause möglich. Nach 30 Europa-League-Spielen in den vergangenen beiden Jahren, nach 18 Siegen und einer Halbfinalteilnahme wird die Eintracht in der neuen Runde international nicht vertreten sein. Ihr Stürmer André Silva, einst mit Porto in der Champions League, betritt damit Neuland: Zum ersten Mal in seiner Vereinskarriere nimmt der 24-Jährige an keinem internationalen Wettbewerb teil.

Von der Terminhatz sind die Frankfurter nach zwei Spielzeiten nun befreit. Nur: Gründe, es gemächlicher angehen zu lassen, gibt es für die Hessen keine, ganz im Gegenteil. Auf die Sportliche Leitung mit Sportvorstand Fredi Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und Trainer Hütter kommen arbeitsintensive Zeiten zu. Die zurückliegende Spielzeit und das wegen der Corona-Pandemie erst im August nachgeholte Achtelfinal-Rückspiel in Basel haben gezeigt, dass die Eintracht unter dem Strich zu viele Schwachstellen auf entscheidenden Positionen aufweist, um dauerhaft hohen Ansprüchen zu genügen.

Im Kader gibt es zu viel Durchschnitt und zu wenig Spitzenklasse. Zu viele Kämpfer und zu wenige Virtuosen. Und wenn erwiesene Einzelkönner wie Filip Kostic, der seinen Rhythmus noch nicht gefunden hat, Daichi Kamada und Silva ihre Form nicht abrufen können, krankt das Eintracht-Spiel in seiner Gesamtheit. Es fehlen die Glanzlichter, die manches sportliche Übel überdecken können. Der Mannschaft mangelt es vor allem an einem individuell starken Spielstrategen, der zudem seine Kollegen gewinnbringend einzusetzen weiß. Der aus dem Mittelfeld heraus klug und mit der gebotenen Übersicht als Bindeglied zwischen den Mannschaftsteilen agiert.

Sebastian Rode und Dominik Kohr ist kein Vorwurf zu machen, was ihre Einsatzbereitschaft angeht. Doch das Anforderungsprofil eines Spielgestalters, der souverän das Offensivspiel ordnet und unterstützt, erfüllen beide zu wenig. Am meisten muss sich Djibril Sow steigern. Die Inkonstanz des Millioneneinkaufs aus der Schweiz – geschätzt kostete er rund zehn Millionen Euro – wiegt bisher schwer. Er läuft viel – mit 12,4 Kilometern pro Bundesliga-Spiel war er der emsigste Eintracht-Profi -, aber nennenswerte Aktionen von ihm gibt es viel zu selten. Auch an die Härte in der Bundesliga muss sich der 23-Jährige endlich gewöhnen.

Sein dribbelstarker und wendiger Mitspieler Kamada verfügt zweifellos über große technische Fertigkeiten. Der junge Japaner kann für Überraschungsmomente sorgen, denn zu seinem Repertoire gehört beispielsweise der öffnende Pass. Die Rolle des Regisseurs ist ihm auf zentraler Position hinter den Spitzen trotzdem nicht auf den Leib geschnitten. Die größte Aufmerksamkeit mit sehenswerten Pässen genoss in Basel bezeichnenderweise der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Makoto Hasebe. Dass der 36-Jährige nach seiner Knieoperation Anfang Juli so schnell wieder fit geworden ist, unterstreicht seinen Stellenwert als Musterprofi aufs Neue.

Der Jungstürmer Ragnar Ache und der offensive Außenbahnspieler Steven Zuber werden nicht die einzigen Neuzugänge bleiben können. Die Frankfurter müssen sich noch in allen Mannschaftsteilen verstärken, wollen sie ihre Chancen erhöhen, in der übernächsten Saison sportlich wieder in Europa auf Reisen zu gehen. „Es wird sicherlich einiges passieren – auch bei uns“, kündigte Bobic an. „Jetzt gilt unser Fokus der Bundesliga. Wir können daran arbeiten, dass wir in Zukunft wieder in Europa dabei sind.“

Ohne die Dreifachbelastung und Dauerbeanspruchung kann Hütter die Mannschaft mit mehr Zeit unter der Woche weiterentwickeln. Sie mit einem Plus an Schulungsmöglichkeiten auf dem Trainingsplatz auf das stabile Niveau bringen, das er sich vorstellt. Nach einer vierwöchigen Sommerpause und der achttägigen Vorbereitung auf das Basel-Spiel gewährt der Österreicher seinen Spielern nun einen Nachschlag an freien Tagen. Wegen der Corona-Pandemie sei „die Planung nicht einfach“ gewesen. „Wir mussten unsere Prioritäten setzen“, sagt Bobic. Für ihn und Hütter kam eine längere Vorbereitungszeit auf die Begegnung in Basel nicht in Frage. „Wir haben den Jungs aus voller Überzeugung vier Wochen freigegeben, weil wir in dieser Saison wieder angreifen wollen. Und dafür“, betont Bobic, „müssen alle frisch sein“.

Quelle: F.A.S.
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