Niederlage beim Absteiger

Peinliches Ende eines Traums

Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt
15.05.2021
, 18:46
Eintracht Frankfurt verliert 3:4 beim Absteiger „auf“ Schalke und hat kaum noch Chancen auf die Champions League. Die Kritik wird lauter – auch an Trainer Adi Hütter.

Der Traum scheint ausgeträumt. Um wirklich noch die Qualifikation für die Champions League zu erreichen, müsste schon ein großes Fußballwunder passieren. Davon aber ist nach der peinlichen 3:4-Niederlage der Eintracht beim schon lange als Absteiger feststehenden FC Schalke 04 nicht unbedingt auszugehen. „Die ganze Mannschaft hat versagt“, sagte Sebastian Rode nach dem Tiefschlag tief im Westen.

Für Schalke war es am vorletzten Spieltag erst der dritte Sieg in dieser für sie so katastrophal verlaufenen Saison. Für die Eintracht war es die Fortführung dessen, was nach Trainer Adi Hütters Bekanntgabe, den Klub im Sommer in Richtung Mönchengladbach zu verlassen, am 29. Spieltag begonnen hatte. Das 3:4 ist seitdem schon die dritte Niederlage im fünften Spiel. Rode sagte in Gelsenkirchen über den Zusammenhang zwischen Hütters Ankündigung und dem Leistungsfall der Mannschaft: „Es ist nicht von der Hand zu weisen. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß.“ Hütter räumte ein: „Die Enttäuschung ist groß, der Stachel sitzt tief. Wir haben es alle zusammen vergeigt, keine Frage. Respekt vor Schalke, wie sie gespielt haben, aber trotzdem darf uns nicht passieren, dass wir hier verlieren.“

Bundesliga

Tabellenfünfter ist die Eintracht. Die vor ihnen liegenden Klubs Borussia Dortmund (ein Punkt Vorsprung) und VfL Wolfsburg (drei Punkte) greifen erst an diesem Sonntag in das Geschehen ein und können bei ihren Prüfungen in Mainz (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) und in Leipzig (20.30 Uhr) schon am Abend unter Flutlicht die letzten Restzweifel an der Qualifikation für die Königsklasse beseitigen.

Über die vagen Chancen der Eintracht, doch noch das Unmögliche möglich zu machen, sagte Rode: „Ich glaube nicht, dass Dortmund noch Punkte liegen lassen wird, zumal jetzt mit dem Rückenwind durch den Pokalsieg.“ Zu den Wolfsburgern könnte die Eintracht noch theoretisch aufschließen, hätte aber als kaum zu tilgende Hypothek die weitaus schlechtere Tordifferenz von aktuell elf Treffern vor Augen.

Drei Neue, ein Ziel: Das letzte Auswärtsspiel auf Schalke musste unbedingt gewonnen werden – mit Timothy Chandler, Evan Ndicka und Amin Younes in der Startelf. Nachdem Hütter in den vergangenen Wochen darauf verzichtet hatte, es mit zwei sogenannten Zehnern zu versuchen, kehrte er am Samstag zu dieser taktischen Variante zurück. Younes und Daichi Kamada also sollten im Verbund für die besonderen kreativen Spielmomente sorgen. Doch es waren die Schalker, die das erste überraschende Ausrufezeichen setzten. Der Absteiger ging in der 15. Spielminute durch Klaas-Jan Huntelaar 1:0 in Führung. Eintracht-Verteidiger Tuta hatte zuvor Amine Harit im Strafraum zu Fall gebracht. Der Schalker Kapitän benötigte zwei Versuche, um Kevin Trapp zu überwinden. Den schwach geschossenen Strafstoß parierte der Eintracht-Keeper noch, beim Nachschuss des Niederländers jedoch war er machtlos.

Die Eintracht im Rückstand, das hatten sich Hütter und seine Spieler im möglichen Millionenspiel um die Champions League ganz anders vorgestellt. Wie gut nur, dass auch in Gelsenkirchen immerhin auf André Silva Verlass war. Der mit Abstand beste und erfolgreichste Eintracht-Stürmer zeigte vor den Augen seines einstigen Kapitäns David Abraham abermals seine große Klasse im Kopfballspiel. Schalke-Torhüter Ralf Fährmann, früher einmal selbst im Frankfurter Tor, verschätzte sich bei einer Flanke von Younes kapital. Der achtsame Silva hatte keine Mühe, zum 1:1 einzuköpfen (29.). Es war ein besonderer Treffer – Saisontor Nummer 26. Silva war damit zu diesem Zeitpunkt mit der Eintracht-Legende Bernd Hölzenbein gleichgezogen, der in der Saison 1976/77 den Vereinsrekord mit 26 Saisontoren aufgestellt hatte. Abraham auf der Tribüne war begeistert. Der Argentinier hatte sich absprachegemäß auf die lange Flugreise von Südamerika nach Europa gemacht, um seinen alten Kameraden im Schlussspurt der Liga ganz nah zu sein.

Die moralische Unterstützung des „Capitano“ schien zunächst zu fruchten. Nach dem Seitenwechsel präsentierte sich die Eintracht angriffslustig und ging durch Ndicka sogar 2:1 in Führung (51.). Der Franzose profitierte dabei nicht nur von Kamadas Ecke, sondern auch vom eingreifenden Schalker Salif Sané, der noch mit am Ball war.

Silva ist jetzt Frankfurter Rekordtorschütze

Die Eintracht auf Kurs Richtung Königsklasse? Von wegen. Von dem angeblichen Feuer, das Hütter bei sich und seiner Mannschaft gespürt haben wollte, war nichts zu sehen. Schalke glich unmittelbar nach dem Rückstand zum 2:2 durch Blendi Idrizi aus, den Huntelaar mit einem prächtigen Hackentrick bediente (52.). Und als Florian Flick (60.) und Matthew Hoppe (64.) nach zwei schnell vorgetragenen Angriffen für die couragierten Schalker sogar auf 4:2 erhöhten, war der K.o. der Eintracht perfekt. Silvas Treffer zum 3:4 (72.) taugte lediglich für die Vereinschronik. Mit jetzt 27 erzielten Saisontoren überflügelte der Portugiese den Hessen Hölzenbein und darf sich ab sofort Frankfurter Rekordtorschütze nennen.

Nach dem Schlusspfiff war Fredi Bobic um Mäßigung bemüht. „Es war nicht eingeplant, dass wir hier verlieren“, sagte der Sportvorstand, der ebenso wie Hütter die Eintracht nach Saisonschluss verlässt. „Wir haben drei Tore hergeschenkt und die Konter extrem naiv verteidigt. Man darf enttäuscht, sauer und wütend sein, das sind wir auch. Aber für Platz fünf müssen wir uns nicht schämen.“ An Rechenspielen wollte sich der zukünftige Hertha-Macher nicht beteiligen. „Nach normalem Ermessen hast Du keine Chance mehr auf die Champions League“, sagte er und kündigte an: „Wir werden versuchen, uns ordentlich aus der Liga zu verabschieden.“ Über den aktuell erreichten Platz fünf urteilte Bobic: „Es ist ein souveräner Einzug in die Europa League.“

Timothy Chandler, ein echter Frankfurter Bub, zeigte sich nach der Niederlage bitter enttäuscht. „Das ist eigentlich unerklärlich“, sagte der rechte Außenbahnspieler, der sich kürzlich bis Mitte 2025 auf eine Vertragsverlängerung geeinigt hat und anschließend beim Klub seines Herzens in einer noch zu findenden Position nach dem Karriereende arbeiten wird. „Dass wir hier 3:4 verlieren, ist schwer in Worte zu fassen. Bei uns ist alles ein bisschen abhanden gekommen. Wir haben einfach nicht mehr unsere Hausaufgaben gemacht.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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