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Fußball-Bundesliga

Der Weg der neuen Eintracht

Von Peter Heß
02.07.2022
, 16:43
Tüfteln gemeinsam an der neuen Eintracht: Trainer Glasner und Weltmeister Mario Götze. Bild: dpa
Ein Kulturbeauftragter und zwei Brecher: Die drei Schlüsseltransfers Götze, Alario und Kolo Muani werden dem Spielstil der Eintracht mehr Flexibilität und Klasse verleihen. Das könnte sich auch auf die Grundtaktik auswirken.
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Wie wird die Frankfurter Eintracht die Herausforderungen der neuen Saison bestehen? Ist sie in der Lage, auch in der Champions League ihr internationales Format zu zeigen, das in der Europa League für den finalen Triumph in Sevilla ausreichte, und kann sie sich in der Bundesliga aus dem Mittelmaß erheben?

Nach der ersten Trainingswoche ist der Weg, den Trainer Oliver Glasner mit seinem neuen Team einschlagen will, um die eigenen Ansprüche zu befriedigen, noch nicht erkennbar. Aber zu diesem frühen Zeitpunkt zeichnen sich in Frankfurt deutlicher als bei anderen Bundesligaklubs Streckenführung und die Fahrbahnbeschaffenheit schon ab. Vor allem deswegen, weil Sportvorstand Markus Krösche schon sehr früh auf dem Transfermarkt Tatsachen geschaffen hat: „Wenn kein Stammspieler mehr geht, glaube ich nicht, dass wir noch jemanden verpflichten“, sagte Glasner auf der Saisoneröffnungspressekonferenz am vergangenen Montag.

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(Zu) viele Profis mit Stammplatz-Potenzial?

Mario Götze, Lucas Alario, Randal Kolo Muani, Jerome Onguene, Hrvoje Smolcic, Faride Alidou, Aurelio Buta und Marcel Wenig haben ihre Verträge längst unterschrieben, Ridvan Yilmaz, der türkische Linksverteidiger von Besiktas Istanbul, wird es demnächst tun. Diese Neuzugänge werten den Frankfurter Kader deutlich auf, erweitern die taktischen Möglichkeiten des Trainers enorm, vergrößern aber auch seine Aufgabenstellung.

Fan der Viererkette: Trainer Glasner Bild: dpa

Glasner muss nicht nur die richtige Mischung aus dem großen Angebot herausfiltern, sondern auch die Spieler bei Laune halten. Denn es wird einige Härtefälle geben. Das Argument, das Programm der Eintracht mit Liga, Champions League und DFB-Pokal sei dermaßen umfangreich, da werde jeder zu seinen Einsatzzeiten kommen, gilt nur bedingt. Die Eintracht hat gerade in der Offensive so viele Profis mit Stammplatz-Potenzial, dass ein paar Rotations-Minuten mehr kaum genügen werden, um einen Zurückgesetzten zu befriedigen.

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Akut wird die Problematik, wenn Glasner nur mit einer Spitze antreten würde, also am Erfolgsprinzip der Dreierkette festhielte. Dann müsste sich der Österreicher zwischen Alario entscheiden, der 6,5 Millionen-Euro-Verstärkung aus Leverkusen, und dem hochgelobten französischen Angreifer Kolo Muani und seinem Europa-League-Helden Borré. Für den Trainer die Qual der Wahl, für die Spieler die Qual der Nicht-Wahl. Dieser Fall tritt aber wohl nur dann ein, wenn Filip Kostic bei der Eintracht bleibt.

4-4-2: Die Lieblingsformation von Trainer Glasner, die meistens zur Anwendung kommen wird, wenn Filip Kostic die Eintracht verlässt. Die Spieler in Versalien sind die Favoriten auf den Stammplatz, darunter stehen die Herausforderer, in Klammern die Ergänzungsspieler. Aus Gründen der Übersicht ist nicht jede theoretische Einsatz-Option jedes Spielers auf jeder Position aufgeführt. Bild: F.A.Z.

Glasner bevorzugt die Formation der Viererkette deutlich und versuchte auch, sie schon in seiner Premierensaison in Frankfurt der Mannschaft zu implementieren. Allerdings mit mäßigem Erfolg, vor allem, weil Kostic dadurch eines Großteils seiner Stärke beraubt wurde. Der zweite Eintracht-spezifische Nachteil der Viererkette, der Glasner von ihr abrücken ließ, hat sich durch Hintereggers Karriere-Ende erledigt. Ndicka wäre gezwungen gewesen, auf die ungeliebte Position des linken Außenverteidigers auszuweichen oder auf der Bank Platz zu nehmen.

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Kostic und die Kettenfrage

Steht also nur noch Kostic der Einführung der Viererkette bei der Eintracht im Weg – überspitzt formuliert. Der Abschied des demnächst 30 Jahre alten Serben ist aber noch längst nicht vollzogen, obwohl sich der Linksaußen verändern will und sein Arbeitgeber keine überzogene Vorstellungen bezüglich der Ablösesumme hegt. Ab 15 Millionen Euro wäre die SGE verhandlungsbereit. Juventus Turin hat jedoch immer noch kein Angebot an die Eintracht übermittelt, obwohl der italienische Rekordmeister schon vor Monaten sein Interesse hinterlegte.

Wäre Kostic der unumstrittene Traumkandidat von Trainer Allegri, der Transfer hätte längst stattgefunden. Aber im Moment sind auch Klassestürmer wie Dyballa, di Maria und Morata auf dem Markt, die auch nicht mehr kosten. Zudem spielt Juventus mit dem Gedanken, Pogba wieder zurückzuholen.

Geht oder bleibt er? Bei Filip Kostic sieht es derzeit eher nach letzterem aus. Bild: dpa

Außerdem hat Kostic noch nicht bewiesen, außerhalb Frankfurts sein großes Potenzial abrufen zu können. Es bedarf keiner großartigen Analyse-Abteilung um festzustellen, dass der Serbe seine Stärken nur in einer bestimmten taktischen Grundordnung und mit vielen persönlichen Freiheiten ausgestattet vollends auszuspielen versteht. Welcher europäische Spitzenklub ist bereit, so viel Rücksicht auf Kostic zu nehmen wie es die Eintracht tut? In Frankfurt murrte selbst an den dunkelsten Tagen des Serben niemand, weder Fans noch Mitspieler, wenn er auch beim zehnten Dribbling hängen blieb oder die zehnte Flanke überhastet oder unpräzise schlug. Einfach, weil sie wussten, das Warten lohnt sich und weil sie wussten, die Alternativen, die die anderen anbieten, sind meist auch nicht vielversprechender. Das wäre bei Chelsea, Barcelona oder Inter Mailand anders. Deshalb ist es für Experten keine Überraschung, dass von Klubs dieses Kalibers Kostic keine Offerten vorliegen. Und zu West Ham, AS Rom oder Sevilla drängt es den zum besten Spieler der Europa League Gekürten nicht, da bleibt er lieber in Frankfurt, das er schätzen gelernt hat. Auch die Eintracht spielt in der Königsklasse.

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Geht oder bleibt Ndicka?

Auch um Evan Ndicka ist es auf dem Transfermarkt sehr ruhig geworden, was aber nicht heißt, dass sein Stellenwert gesunken wäre. Der 22 Jahre alte Franzose gilt als eines der größten europäischen Verteidigertalente, begabt genug für die größten Klubs. Aber da der Vertrag des linken Innenverteidigers 2023 ausläuft, kann er nur billiger werden, je länger die Interessenten warten. Am billigsten wird er, wenn er im Sommer 2023 wechselt, dann ist Ndicka ablösefrei. Das will Sportvorstand Krösche zwar tunlichst vermeiden, aber er kann den Franzosen nicht zwingen, seinen Vertrag mit der Eintracht zu verlängern, um eine Ablöse zu sichern. Es stehen viele interessante Verhandlungsrunden an, je nachdem wie sich die Angebotslage entwickelt. Am Ende könnte es aber auch darauf hinauslaufen, dass Ndicka für die Eintracht seine Champions-League-Premiere gibt und dann geht.

Der dritte und letzte Verkaufskandidat wegen seines Vertragsendes 2023 heißt Daichi Kamada. Die Eintracht würde mit ihm gerne den Vertrag verlängern, aber nicht zu jedem Preis. Spätestens mit der Verpflichtung von Mario Götze sind des Japaners Aussichten auf einen Stammplatz gesunken, er ist nicht mehr in der Position, ob seiner Wichtigkeit für das Team hoch pokern zu können. Angesichts der Konkurrenz wäre es eher eine Überlegung für Kamada, sich aktiv nach einem neuen Klub umzuschauen.

Was macht Kamada?

Womit wir wieder beim reichhaltigen Angebot im Eintracht-Kader in der Abteilung Offensive wären. In der Dreierketten-Formation wäre Kamada für die Position des rechten oder linken Halbstürmers jeweils der Backup für Götze beziehungsweise Lindström. Mit Hauge hätte er auf links einen weiteren Konkurrenten. In der Viererketten-Formation rücken die Halbstürmer weiter nach außen als in der Dreierketten-Formation, wodurch Kamada mit Alidou (links) sowie Knauff (rechts) weitere Rivalen hätte.

3-4-2-1: Falls Filip Kostic der Eintracht erhalten bleibt, wird sich an der Grundausrichtung nicht viel ändern. Mit Mario Götze wird sich allerdings der Spielstil wandeln, weniger Hau-Ruck, mehr Kultur. Um Borré oder Muani neben Alario häufiger ins Spiel zu bringen, könnte Glasner Götze auch zentraler positionieren und dafür auf Lindström verzichten. Bild: F.A.Z.

Im Vergleich dazu erscheint die Personalsituation im Mittelfeld und in der Defensive entspannt. Da mit Ilsanker der letzte Abräumer vor der Abwehr die Eintracht verlassen hat, wird Glasner weiter mit einer Doppel-Sechs agieren, einerlei ob mit Dreier- oder Viererkette dahinter. Sow und Rode sind die Erstbesetzung, Jakic ist der erste Stellvertreter, dann folgt Hrustic. Im Dreierketten-System sind Kostic (links) und Knauff (rechts) als Schienenspieler im Mittelfeld eindeutig erste Wahl. Yilmaz und Lenz bilden die Alternativen für links, Buta und Chandler für rechts.

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Hierarchie im Tor ist unumstritten

In der Dreierabwehrkette wird Glasner zunächst der Sevilla-Formation Ndicka, Tuta, Touré einen Vertrauensbonus einräumen, Smolcic und Lenz (links) Hasebe (Mitte) und Onguene (rechts) werden als Herausforderer die Vorbereitung beginnen. In der Formation als Viererabwehrkette sind Ndicka und Tuta in der Mitte gesetzt, Lenz und Yilmaz fast gleichberechtigte Kandidaten für den Posten des linken Außenverteidigers, Knauff und Buta kämpfen um den Stammplatz als Rechtsverteidiger, wobei Buta bis in den September hinein verletzt fehlen wird. Die Hierarchie im Tor ist unumstritten. Hinter der Nummer 1 Trapp soll der 20 Jahre alte Ramaj in Ruhe für eine Bundesligakarriere aufgebaut werden und sobald es seine Entwicklung zulässt, den erfahrenen Grahl als Nummer zwei ablösen – und in einigen Jahren Trapp als Nummer 1.

Mit den Neuzugängen wird sich, wie angestrebt, der Spielstil der Eintracht wandeln. Die Verpflichtung von Götze könnte im besten Fall eine Kulturrevolution auslösen, zumindest wird sie aber eine Hinwendung zu mehr Kultur bedeuten. Mit seiner Ballfertigkeit, seinen Ideen und seiner Handlungsschnelligkeit sollte die größte Frankfurter Schwäche der vergangenen Saison, spielerische Lösungen gegen tief stehende Gegner zu finden, zumindest kleiner werden. Darüber muss die alte Balleroberungstaktik ja nicht aufgegeben werden.

Mit Alario stieß der Strafraumstürmer, der sich ganz auf den Torabschluss konzentriert, zur Eintracht, den sie mit Silvas Abgang nach Leipzig verlor. Der aus Nantes gekommene Kolo Muani steht für Schnelligkeit und Athletik und erweitert mit diesen Eigenschaften die Angriffsmöglichkeiten der Eintracht. Flexibilität, Variabilität – die Begriffe, die Trainer Glasner und Sportvorstand Krösche immer dann nannten, wenn sie nach ihren Wunschvorstellungen eines Kaders gefragt wurden, sind in dieser Saison gewährleistet, nachdem in der vergangenen Spielzeit die Triumphe fast nur nach dem PUSS-Prinzip erfolgten: Pressen, umschalten, sprinten, schießen. Jetzt muss Trainer Glasner nur noch die Puzzleteile so zusammenfügen, dass sich immer wieder neue schöne Bilder ergeben.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß
Sportredakteur.
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