Eintracht-Kadercheck

König Kostic und die Stürmersuche

Von Jörg Daniels
02.08.2021
, 12:49
Mittendrin – aber wie lange? Filip Kostic beim Trainingsauftakt der Eintracht vor vier Wochen
Eine Woche vor dem Pflichtspielstart im DFB-Pokal stellt sich die Frage: Ist der Fußball-Bundesligaklub Eintracht Frankfurt gut aufgestellt? Der große Kader-Check.

Das erste Pflichtspiel der neuen Saison führt die Frankfurter Eintracht am 8. August zum SV Waldhof Mannheim. In der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals muss sich die Mannschaft des neuen Cheftrainers Oliver Glasner mit dem Fußball-Drittliga-Klub messen. Im abschließenden Test gegen AS Saint-Étienne am Samstag gab es ein 2:1. Die Neuzugänge Christopher Lenz und Rafael Borré trafen. Wie ist die Eintracht eine Woche vor der ersten Pflichtaufgabe aufgestellt?

Das Tor

Im Tor wird Kevin Trapp stehen. Um die Besetzung der Torhüterposition müssen sich Glasner und sein Torwarttrainer Jan Zimmermann keine Gedanken ma­chen. Es sei denn, Trapp verletzt sich. Im Eintracht-Kader ist Trapp eine Leitfigur. Das Aushängeschild des Klubs genießt als meinungsstarker Führungsspieler großen Respekt. Zwei Neuzugänge bewerben sich um den Platz auf der Ersatzbank: Jens Grahl, der vom VfB Stuttgart gekommen ist, und Diant Ramaj (1. FC Heidenheim). Es ist ein Kampf der Generationen – Grahl ist 32 Jahre alt, der Deutsch-Kosovare Ramaj erst 19. Das Talent hat noch kein Pflichtspiel bei den Profis bestritten. Grahl kommt bisher auch „nur“ auf zwölf Bundesligaspiele für die TSG Hoffenheim.

Die Abwehr

Glasner hat sich vorgenommen, seiner Mannschaft „mehr defensive Stabilität“ zu verleihen. Aber wie? Der Österreicher könnte mit einer Viererkette spielen lassen. Die beiden zentralen Positionen könnten dann von den beiden Linksfüßern Martin Hinteregger und Evan Ndicka eingenommen werden. Stärkere Verteidiger hat die Eintracht nicht zu bieten.

Auf der rechten Seite ist Tuta Option Nummer eins, der Allrounder Stefan Ilsanker hätte die Fähigkeit, ihn auf dieser Position zu er­setzen. Almamy Touré steht aufgrund seiner Sehnenverletzung zum Saisonstart nicht zur Verfügung. Den Platz auf der linken Abwehrseite würde wohl der von Union Berlin gekommene Christopher Lenz besetzen. Entscheidet sich Glasner hingegen für eine Dreierabwehrkette, werden diese Tuta, Hinteregger und Ndicka (von rechts nach links) bilden. Bei verletzungsbedingten Ausfällen oder Sperren böte sich auch der 38 Jahre alte Allrounder Makoto Hasebe an. Der Japaner geht in seine 14. Bundesliga-Saison.

Achtung, ein österreichischer Defensivspezialist kommt geflogen: Martin Hinteregger sorgt hinten bei der Eintracht für Ordnung.
Achtung, ein österreichischer Defensivspezialist kommt geflogen: Martin Hinteregger sorgt hinten bei der Eintracht für Ordnung. Bild: dpa

Das zentrale Mittelfeld

Mittelfeldspieler haben die Frankfurter reichlich. Im Zentrum ist der Spielstratege Hasebe ein Garant für Stabilität auf der Sechserposition. Mit seiner Übersicht und seiner Erfahrung trägt er maßgeblich zu ei­ner guten Spielanlage bei. Sebastian Rode, der neue Kapitän, bereichert mit seiner großen Laufbereitschaft und Zweikampfstärke das Frankfurter Spiel ebenfalls. Dafür muss er aber im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Momentan plagt ihn wieder eine Blessur in Form einer Kniereizung.

Djibril Sow ist zu oft Leistungsschwankungen unterworfen. Nachdem sich der Schweizer Nationalspieler in der Rückrunde der zurückliegenden Spielzeit ordentlich gesteigert hatte, büßte er im Rundenendspurt wieder an Form ein. Auch bei der EM vermochte sich Sow mit Kurzeinsätzen nicht in den Vordergrund zu spielen. Der österreichische Nationalspieler Ilsanker ist mit seinen Allrounder-Qualitäten zur Stelle, wenn Not am Mann ist.

Ajdin Hrustic machte bislang mit starken Leistungen in der Vorbereitung auf sich aufmerksam. Doch in dieser Woche infizierte er sich mit dem Coronavirus. Sportlich auf dem richtigen Weg scheint Rodrigo Zalazar zu sein, den die Eintracht in der Vorsaison an den Zweitliga-Klub FC St. Pauli ausgeliehen hatte. Mit seiner Aggressivität, Spielfreude und Unbekümmertheit fiel der 21-Jährige positiv auf. Allerdings fehlte er am Samstag, weil er sich nach Vereinsangaben „in Gesprächen mit einem anderen Verein“ befinde. Ein Abgang ist also möglich.

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Die Flügel

Auf Filip Kostic kann die Eintracht nicht verzichten. Im fulminanten Vorwärtsgang überragt der Vorlagen-König auf der linken Seite. Den sportlich begehrten 28 Jahre alten Serben nicht an einen anderen Klub in der Transferperiode zu verlieren, wäre die Königslösung für die Eintracht. Bis zum Ende der Wechselfrist am 31. August müssen die Frankfurter um den Verbleib von Kostic bangen, der einen Vertrag bis zum 1. Juli 2023 besitzt. Hinter ihm in der Hierarchie rangiert Steven Zuber. Die „Back-up“-Rolle stellt den Schweizer Nationalspieler nicht zufrieden. Er soll einem Vereinswechsel nicht abgeneigt sein. Für eine Ablösesumme in Höhe von rund fünf Millionen Euro würde ihn die Eintracht wahrscheinlich ziehen lassen.

Für einen anderen Klub empfehlen konnte sich Zuber bei der EM, bei der ihm vier Torvorlagen gelangen. Für die Stellvertreterrolle von Kostic käme Christopher Lenz wohl nicht in Frage. Dessen Stärken liegen in der Defensive, auch wenn er am Samstag gegen Saint-Étienne traf. Auf der rechten Seite reicht keiner an das Können von Kostic heran. Ein Ungleichgewicht der Kräfte auf den Außenbahnen ist die Folge. In der Vorbereitung durfte sich in Abwesenheit des verletzten Touré der aus Mainz zurückgekehrte Danny da Costa rechts be­weisen. Dessen Vorzüge liegen aber beim Verteidigen und Absichern. Weitere Kandidaten für die rechte Außenbahn sind Erik Durm, Timothy Chandler, Neuzugang Jesper Lind­ström sowie Aymen Barkok.

Die Offensive

An vorderster Stelle wird die Eintracht ein neues Gesicht zeigen. Mit dem portugiesischen Nationalspieler André Silva, der sich RB Leipzig angeschlossen hat, verlor sie ihr Aushängeschild und ihr Faustpfand im Angriff. Die Testspiele der Hessen, bei denen Leihspieler Luka Jovic zu Real Ma­drid zurückgekehrt ist, haben in der Saisonvorbereitung gezeigt, dass sie einen treffsicheren Mittelstürmer noch gut ge­brauchen könnten. Der kolumbianische Nationalspieler und Neuzugang Rafael Santos Borré verkörpert eine flexible Num­mer neun. Er selbst sieht sich mehr als hängende Spitze, die sich bevorzugt zwischen den Linien bewegt. Gegen Saint-Étienne war er per Elfmeter erfolgreich.

Hinter dem Königstransfer Borré kämpfen die Talente Ragnar Ache und Ali Akman um Aufmerksamkeit und Spielminuten. Auch der neue, flinke Offensivspieler Jesper Lindström kann im Zentrum stürmen. Als „falsche Neun“ durfte Kreativspieler Aymen Barkok Trainer Glasner auf Testbasis vorspielen. Sollte der neue Cheftrainer nur eine Spitze aufbieten, wird dahinter ein großes Gedränge möglicher Kandidaten herrschen.

Mit Amin Younes und Daichi Kamada gibt es auf den beiden Spielmacherpositionen zwei prominente dribbelstarke Platzhirsche, von denen Torgefahr aus der zweiten Reihe ausgeht. Mit Barkok verfügt Glasner außerdem über eine zu­sätzliche Option. An Variationsmöglichkeiten mangelt es dem Trainer im Angriff nicht. Und ein gestandener Erstliga-Stürmer soll die Eintracht ja noch verstärken.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
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