Stürmer der Eintracht

Der märchenhafte Aufstieg des Rafael Borré

Von Peter Heß
22.05.2022
, 17:51
Lenz, Touré und Knauff (v. links) wissen, was sie an Rafael Borré haben.
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Rafael Borré hatte zu kämpfen, lange musste er im Sturm den Alleinunterhalter spielen. Doch dann wird sein Fleiß und seine Beharrlichkeit belohnt. Der Angreifer ist der Mann für die großen Spiele.
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Manchmal ist der Fußball doch gerecht. Dass ausgerechnet Rafael Borré die Frankfurter Eintracht im Endspiel von Sevilla gegen die Glasgow Rangers zum Triumph in der Europa League und zur Teilnahme an der Champions League geschossen hat, bringt dem 26 Jahre alten Kolumbianer endlich die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihm seit seiner Ankunft am Main im vergangenen Sommer gebührt.

Seit seinem Treffer zum 1:1, der die Eintracht zurück ins (End-)Spiel brachte, und seinem entscheidenden Elfmeterschuss zum Titel hat die Geschichte ihr notwendiges Happy-End, um sie als Märchen zu erzählen, das den Kindern als Vorbild für ihr eigenes Leben dienen kann: „Es war einmal ein kleiner Fußballstürmer, der aus Südamerika nach Frankfurt gelockt wurde, um viele Tore zu schießen.

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Doch so sehr er sich auch anstrengte, es mochte ihm nicht glücken. In einer fremden Umgebung, mit Menschen, die ihn in einer fremden Sprache anredeten, mit Kollegen, die anders Fußball spielten, als er es gewohnt war und einem neuen Boss, der auf andere Dinge Wert legte als sein alter, fiel es ihm schwer sich zurechtzufinden. Aber der kleine Mann gab nicht auf. Er ging auf alle zu, versuchte sie zu verstehen und sich verständlich zu machen, und tat alles, um ihnen zu gefallen – auch ohne Tore zu schießen.

Geplatzter Knoten

Und siehe da – er erwarb sich den Respekt der Mannschaft von Woche zu Woche mehr, weil er gegen 20 Zentimeter längere Verteidiger in Kopfball-Duelle ging, weil er den Gegenspielern 90 Minuten lang auch in aussichtslosen Situationen hinterherlief, weil er Fehler seiner Kollegen ausbügelte und sie auch sonst immer unterstützte. Deshalb durfte er immer mitspielen, obwohl ihn viele Fans für ein Missverständnis auf zwei Beinen hielten, weil sie meinten, er müsste den nach Leipzig abgewanderten Eintracht-Rekordtorschützen Andrè Silva ersetzen.

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Und als dank seines Einsatzwillens die anderen begannen, immer erfolgreicher zu werden, dann plötzlich platzte auch bei ihm der Knoten. Er traf in den wichtigsten Spielen der Saison und am Ende war er der große Held, wurde von seine Mitspielern auf den Schultern getragen und von den Fans, die ihn zuvor nicht mochten, gefeiert.“ Das Märchen könnte heißen „Der beharrliche Rafael“ und die Moral von der Geschicht: „Aufgeben gibt es nicht.“

Auftrag ausgeführt: „Comandante“ Borré grüßt mit Europa-League-Medaille.
Auftrag ausgeführt: „Comandante“ Borré grüßt mit Europa-League-Medaille. Bild: Reuters

Es war Torwart Kevin Trapp, der eine Stunde nach dem Abpfiff des Endspiels von Sevilla das Bild des „Mentalitäts-Monsters“ Borré mit dem Spezialgebiet Frustrationsbewältigung zeichnete: „Wie er vom ersten Tag an mit seinen zwei, drei Brocken Englisch versuchte sich zu integrieren, war überragend.“ Und wie der Kolumbianer prototypisch für alle Eintrachtspieler den Teamgeist repräsentiert: Nicht jammern – kämpfen, nicht nach dem Aufwand fragen – rennen.

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Glasner hatte Borré mit dieser Einstellung schnell von sich überzeugt. Der Trainer berief den Angreifer stets in die Startelf, obwohl dessen Torquote bedenklich niedrig war. Aber als erster Verteidiger, der durch sein unermüdliches Anlaufen den gegnerischen Spielaufbau verzögert, war Borré von essenzieller Bedeutung für Glasners System.

Freier Radikaler

Deshalb wurde der Stürmer auch selten ausgewechselt, weil sein Pressingverhalten die Balance des Eintracht-Spiels garantierte. Seine Konzentration beim Abschluss litt jedoch unter dem ungeheuren Abrieb, den sein Fleiß mit sich brachte.

Dass Borré in Frankfurt als einzige Spitze den Alleinunterhalter an vorderster Front geben musste, kam seinen Fähigkeiten auch nicht gerade entgegen. Um der sogenannte Zielstürmer zu sein, also der Haupt-Anspielpunkt, müsste der 1,74 große Profi 15 Zentimeter größer sein (für die Kopfballduelle) und den Ball noch filigraner beherrschen können. Viel lieber agiert Borré als freier Radikaler um einen Mittelstürmer herum, der für sich Räume erobert, für andere Räume schafft, als Pass- und Flankengeber Torchancen vorbereitet.

© Twitter

Trainer Glasner allerdings tat Borré den Gefallen nicht, ihm einen Partner an die Seite zu stellen. Sam Lammers, Goncalo Paciencia und Ragnar Ache machten es dem österreichischen Trainer mit ihren Leistungen allerdings auch schwer, sie einzusetzen. Lieber vertraute er den Straßenkämpfer-Qualitäten Borrés. Und er behielt recht, nachdem der Kolumbianer im November gegen Greuther Fürth in der Nachspielzeit seinen zweiten Saisontreffer zum 2:1-Sieg erzielt hatte, fasste Borré wieder Selbstvertrauen in seine Abschlussfähigkeiten und wurde dadurch doppelt wertvoll.

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Bis Saisonende gelangen ihm sechs weitere Bundesligatore, zudem drei weitere im Europapokal. Seine Gesamt-Pflichtspielbilanz mit zwölf Treffern und acht Torvorlagen in 45 Begegnungen ist mehr als ordentlich nach dem holprigen Beginn.

Geprägt wurde Borrés Spielstil bei River Plate Buenos Aires durch Trainer Marcelo Gallardo, der auf eine Mischung aus südamerikanischer Technik und europäischer Disziplin und Organisation setzt. Und bei River Plate entwickelte der Kolumbianer auch die Idee, nach seinen Toren militärisch zu grüßen. „Das Zeichen soll mich und meine Einstellung repräsentieren. Ich präsentiere den Fans, der Mannschaft und dem Verein mein Tor und zeige damit, dass ich meinen dienstlichen Auftrag ausgeführt habe. Das bedeutet, ich gebe immer mein Bestes und bin stets zu Diensten.“ Kein Wunder, dass sein Spitzname in Buenor Aires „Comandante“ wurde.

Der Marktwert Borrés wird mittlerweile auf 17 Millionen Euro geschätzt, die Eintracht hat ihn ablösefrei verpflichtet. In der kommenden Saison könnte der Stürmer noch wertvoller werden, wenn er mit Kolo Muani (Nantes) und Sebastian Polter (VfL Bochum) neue Sturm-Partner bekommt und in der Champions League da weiter macht, wo er in der Europa League aufhörte. Fremdeln wird Borrè in der Königsklasse kaum. Mit River Plate wurde er 2018 Sieger der Copa Libertadores, der südamerikanischen Variante der Champions League. Und seit diesem Frühjahr weiß man in Frankfurt: Je größer die Spiele, desto besser der kleine Rafael Borré.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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