Trainer verlässt Eintracht

Hütter entscheidet sich für Gladbach

Von Peter Heß
13.04.2021
, 10:49
Die Eintracht stürmt Richtung Champions League, der Trainer Richtung Niederrhein. Adi Hütter verlässt Frankfurt. Die Borussia überweist eine Millionensumme. Warum geht der Trainer?

Die Frankfurter Eintracht spielt ihre erfolgreichste Saison seit Jahrzehnten, und dennoch läuft ihr das Führungspersonal davon – oder gerade deswegen? Nach Sportvorstand Fredi Bobic wird nun auch Trainer Adi Hütter zum Saisonende den hessischen Traditionsklub verlassen. Während Bobics Wechsel zu Hertha BSC noch verhandelt wird, erzielten im Fall Hütter am Montag alle Beteiligten eine prinzipielle Einigung – der begehrte Trainer, die Eintracht und Borussia Mönchengladbach.

Bundesliga

Es bedurfte dazu auch keiner großen Anstrengungen, denn im Gegensatz zur Causa Bobic wurden beim 51 Jahre alten österreichischen Fußball-Lehrer die Modalitäten vertraglich festgelegt. 7,5 Millionen Euro beträgt die Ablösesumme, die die Eintracht von den Borussen für ihren Trainer erhält. Dieser Betrag wurde im vergangenen Herbst bei der Vertragsverlängerung mit Hütter bis zum 1. Juli 2023 in das Papier aufgenommen.

In dem Moment, in dem sich Hütter entschied, das Gladbacher Angebot anzunehmen, und die Borussia die Freigabesumme akzeptierte, war die Sache gelaufen. Den Vollzug des Wechsels machten beide Klubs am Dienstagmorgen öffentlich. Der Trainer erhält in Gladbach einen Vertrag über drei Jahre.

Der Entschluss bei Hütter, den auch noch Offerten aus England erreicht haben sollen, zog sich einige Wochen hin. „Ich bleibe“, hatte sich Hütter noch Ende Februar ganz eindeutig vor Fernsehkameras zur Eintracht bekannt, kurz nachdem erstmals Wechselgerüchte um seinen Vorgesetzten Fredi Bobic öffentlich geworden waren. Sein Klub war ihm dafür dankbar. Danach wurden seine Aussagen jedoch immer schwammiger, bis er sich vor und nach dem 4:3-Triumph über den VfL Wolfsburg gar nicht mehr über seine berufliche Zukunft äußern wollte.

Hütter blieb nie lange

Das Gladbacher Angebot, Nachfolger von Marco Rose zu werden, der für fünf Millionen Euro Ablöse zu Borussia Dortmund geht, erschien Hütter immer lukrativer und verlockender. Und das, obwohl der Höhenflug mit der Eintracht eine immer steilere Kurve nahm. Am Montag entschloss sich Hütter, den Borussen ja zu sagen und die Frankfurter darüber zu informieren. Dabei ist die Teilnahme an der nächsten Champions League mit den Hessen greifbar nahe gerückt, während Mönchengladbach einen beträchtlichen Rückstand auf die Europa-League-Plätze aufweist.

Das einzige Motiv, den sich in den letzten Jahren am besten entwickelnden Bundesligaklub zu verlassen, ist mangelndes Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Aufschwungs. Bei Bobic und bei Hütter. Das Gefühl, das Optimum erreicht zu haben und die eigene Karriere woanders besser vorantreiben zu können. Wie für Bobic bei der Hertha stehen für Hütter bei der Borussia die Chancen sehr gut, bessere Resultate als sein Vorgänger zu liefern.

Der Wert des Gladbacher Kaders wird um ein Drittel höher geschätzt als der des Frankfurter Lizenzspieleraufgebots. Trainer Rose liegt mit ihm 13 Punkte und vier Plätze hinter der Eintracht. Hütter muss lediglich das Potential seiner künftigen Mannschaft abrufen, um bessere Ergebnisse als Rose zu erzielen. In Frankfurt müsste er schon weitere Wunderdinge bewerkstelligen, um diese historische Saison noch zu übertreffen.

Zudem war Hütter nie länger als drei Jahre bei einem Klub. Auch Young Boys Bern verließ er nach einem großen Triumph – der ersten Schweizer Meisterschaft nach 32 Jahren. Damals zahlte die Eintracht 850.000 Euro für den Trainer an Bern. Dass Hütter nach seiner Entscheidung gegen die Eintracht in seinem Ehrgeiz und Engagement für die Frankfurter vor seinem letzten Arbeitstag nachlassen wird, kann ausgeschlossen werden. Der 51-Jährige will als der erste Eintracht-Trainer in die Vereinsgeschichte eingehen, der die Champions League erreichte, und nicht als derjenige, der die Königsklasse auf dem letzten Drücker vermasselte.

Und nichts lässt darauf schließen, dass die Mannschaft sich hängenlassen wird. Sie zeigte sich in den vergangenen Monaten von allen Nachrichten, Gerüchten und Spekulationen unbeeindruckt. Nach dem spektakulären 4:3 über den VfL Wolfsburg am vergangenen Samstag bilden die Hessen das beste Bundesligateam 2021. 36 Punkte hat die Eintracht in diesem Kalenderjahr auf ihrem Weg ins europäische Fußballgeschäft gesammelt, zwei mehr als der Branchenprimus des vergangenen Jahrzehnts Bayern München – eine meisterliche Zwischenbilanz.

Die Profis haben sich völlig davon frei gemacht, dass Sportvorstand Fredi Bobic vor Wochen seinen vorzeitigen Abschied verkündete, womit sie den entscheidenden Gesprächspartner für ihre berufliche Zukunft verloren haben. Sie berauschen sich vielmehr an der glorreichen Gegenwart. Bis jetzt interessierte es die Eintrachtprofis auch weniger, mit welchem Trainer sie in der neuen Saison im Europapokal spielen werden, sondern dass sie an einem Europapokal teilnehmen.

Und davon dürfen sie ausgehen. Bei 13 Punkten Vorsprung vor dem Tabellensiebten Union Berlin und sechs noch zu absolvierenden Partien müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn es für die Europa League nicht reichen sollte. Bei sieben Punkten Vorsprung vor dem Tabellenfünften Borussia Dortmund liegt die Champions League jetzt greifbar nahe. Für jeden einzelnen Profi wäre der Einzug in die Königsklasse ein immenser persönlicher Erfolg.

Andere Mannschaften, zum Beispiel Borussia Mönchengladbach, zeigten sich freilich weniger widerstandsfähig als die Frankfurter. Nachdem der Klub angekündigt hatte, dass Rose nach dem Saisonende zu Borussia Dortmund weiterziehen würde, verlor die Elf vom Niederrhein die nächsten sieben Spiele.

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Die Eintracht schaut sich auf dem Markt nach einem Nachfolger für Hütter um, seitdem er mit Angeboten bedacht wird. Aber bevor Sportvorstand Fredi Bobic nicht ersetzt worden ist, handelt es sich dabei lediglich um eine Sondierungsphase. Wie zu hören ist, machen zumindest die Trennungsgespräche zwischen Bobic und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Philip Holzer Fortschritte, verhandelt wird die Höhe der Ablöse. Man ist dabei, sich ungefähr in der Mitte zwischen einer Million und fünf Millionen Euro zu treffen.

Auch bei der Suche nach dem neuen Sportvorstand soll noch im April Vollzug gemeldet werden, damit die Planung der neuen Saison abgeschlossen werden kann. Nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung handelt es sich um einen namhaften Kandidaten. Desgleichen will sich die Eintracht bei der Trainersuche um einen Mann mit großer Europapokal-Erfahrung bemühen. Aus gegebenem Anlass.

Quelle: FAZ.NET
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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