Eintracht-Trainer Adi Hütter

Ein Jubiläum, das untergeht

Von Peter Heß
08.05.2021
, 14:24
Zum 100. Mal in der Bundesliga für die Eintracht verantwortlich: Aber Trainer Adi Hütter interessiert nur die Champions League. Gegen Mainz erwartet die Frankfurter aber eine knifflige Aufgabe.

Jubiläen sind gemeinhin ein willkommener Anlass, um zurückzu- schauen. Adi Hütter befindet sich vor seinem 100. Bundesligaspiel mit der Frankfurter Eintracht am Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen Mainz 05 in einer Situation, die Rückblicke unangemessen erscheinen lassen. Erstens wird er nach 102 Begegnungen in der obersten deutschen Spielklasse den Verein verlassen und Borussia Mönchengladbach betreuen.

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Zum anderen entscheidet sich in den letzten drei Begegnungen mit Mainz, Schalke und Freiburg, welches Urteil in den Eintracht-Annalen über ihn gefällt werden wird. Geht er als einer der großen Trainer in die Vereinsgeschichte ein, dem den es als erstem gelang, seine Mannschaft in die Champions League zu führen?

Oder lediglich als guter Trainer, dem der Makel anhaftet, wegen der Unruhe, die sein Wechsel nach Gladbach trotz bestehenden Vertrags auslöste, den historischen Einzug in die Königsklasse noch vermasselt zu haben? „Alles, was vorher war, ist vollkommen uninteressant, alles, was kommt, interessiert nicht. Es geht nur um die nächsten drei Spiele. Wenn wir sie gewinnen, kann uns niemand mehr überholen“, stellte Hütter am Freitag auf der Videopressekonferenz vor dem Match gegen Mainz heraus.

„Wir wollen in die Champions League“

Der Ordnung halber sei erwähnt, dass Hütter von den bisher 99 Erstligabegegnungen mit Frankfurt 43 gewann, 26 unentschieden spielte und 30 verlor. Das ergibt einen Schnitt von 1,57 Zählern pro Partie. Der Punkteschnitt aus allen 138 Pflichtspielen liegt bei 1,65. Damit befindet er sich im Spitzenfeld aller Eintracht-Trainer, nur Dragoslav Stepanovic (1,81) und der kürzlich gestorbene Dietrich Weise (1,77) weisen deutlich höhere Werte auf, aber die siebziger, achtziger und neunziger Jahre sind mit der heutigen Zeit schwer zu vergleichen.

Das alles ist jedoch nicht von Belang: „Wir sind Vierter, wir wollen unbedingt in die Champions League. Wir wollen versuchen, den Lauf von Mainz 05 zu brechen“, sagte Hütter. Seit seiner Abschiedsankündigung hat die Eintracht zwei von drei Spielen verloren, von den ehemals sieben Punkten Vorsprung vor Dortmund ist nur einer geblieben. Der ehemalige Meistertrainer Felix Magath glaubt eher an den BVB als an die Frankfurter. Im Fachmagazin Kicker schrieb Magath: „Der anstehende Abschied des Trainers Adi Hütter sowie des Sportvorstands Fredi Bobic verursacht dort zu viel Unruhe. Die Frankfurter Mannschaft ist für diese Stresssituation nicht stabil genug.“

Das ist nach fast zwei Wochen Spielpause eine kühne Behauptung. Das Thema Hütter ist bei der Mannschaft mittlerweile verarbeitet, das Thema Bobic war schon lange keines mehr. „Ich möchte das bis zum Schluss wunderbar über die Bühne bringen“, betonte der zwischenzeitlich unter Druck geratene Chefcoach, der bisher in kritischen Phasen immer die Kurve kriegte. Ausnahme Saisonende 2018/19, als in den letzten Bundesligaspielen die Europapokal-Teilnahme verspielt wurde und erst ein Mainzer Überraschungssieg über Hoffenheim die Hintertür zur Europa League noch einmal öffnete.

Zuvor hatten die Rheinhessen allerdings mit einem Sieg bei der Eintracht ihren Nachbarn erst in die Bredouille gebracht. Warum werde die Eintracht diesmal nicht einknicken, wurde Hütter am Freitag gefragt. Seine Antwort: „Weil wir in dieser Saison keine 14 Europapokalspiele hatten und kein unglückliches Scheitern im Elfmeterschießen gegen Chelsea, das uns einen psychischen Knacks gegeben hat.“

Der Respekt vor den Mainzern ist groß, die Ausbeute von 28 Punkten in 14 Rückrundenspielen ist Statistikfan Hütter geläufig. Die gegnerische Mannschaft habe mit der aus der Hinrunde nicht mehr viel zu tun, so der Eintracht-Trainer. Beim 2:0 in Mainz, das eine 30-jährige Eintracht-Serie ohne Auswärtssieg am Rhein beendete, hieß der Trainer der 05er zwar auch schon Bo Svensson.

„Aber damals hatte er seine Philosophie noch nicht so in die Köpfe seiner Spieler gebracht.“ Wie alle Trainer, die bei RB sozialisiert wurden, lässt der in Salzburg geschulte Däne seine Profis aggressiv nach vorne verteidigen. „Sie sind bissig, schalten sehr gut um, haben eine hohe Laufbereitschaft. Sie sind sehr unangenehm zu spielen. Sie sind ein bisschen wie wir“, lobt Hütter.

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Deshalb erwartet er ein gutklassiges, interessantes, heiß umkämpftes Derby gegen ein Team, „das nie Ruhe gibt“. Dennoch ist der Österreicher zuversichtlich, dass es zu einem Sieg reichen werde, wenn die Eintracht ihr wahres Gesicht zeige. Alle Spieler seien fit und einsatzbereit, welche er einsetzen werde, darüber verlor Hütter keine Bemerkung.

Noch nicht einmal, ob Hinteregger den gelbgesperrten Ndicka als Linksverteidiger vertreten oder ob der vollständig genesene Younes eingesetzt werde. „Die Mainzer haben eine gute Bilanz und große Stärken. Aber wie haben auch Gründe, optimistisch zu sein“, so Hütter: „In der Analyse haben wir Sachen gesehen, wo man zupacken kann. Und wir sind zu Hause mit den Bayern als Einzige noch ungeschlagen.“ Stimmt, die letzte Heimniederlage setzte es vor einem Jahr – gegen Mainz.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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