Probleme bei der Eintracht

Nicht nur eitel Sonnenschein in Frankfurt

Von Peter Heß
23.02.2021
, 15:41
Sportlich läuft es für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga absolut traumhaft. Aber der Klub muss auch handfeste Probleme lösen. Mittendrin: Fredi Bobic.

Jubel, Trubel Heiterkeit: Nach dem 2:1 über Bayern München erscheint der Himmel über der Frankfurter Eintracht himmelblau und die Zukunft rosarot. Die Liga zollt den Hessen Respekt und Anerkennung, der Meisterschaft wieder Spannung verliehen zu haben, Bundestrainer Joachim Löw findet lobende Worte für den herausragenden Spieler des Tages, und Trainer Adi Hütter muss sich die Frage anhören, ob die Eintracht nach elf Spielen ohne Niederlage in dieser Saison überhaupt noch ein Spiel verliere.

Bundesliga

Ja, es fiele leicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Für Amin Younes, der von Löw über den Sender Sky zu hören bekam: „Younes hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Seine Technik und Orientierung auf dem Platz sind großartig. Er ist ein Spieler, der Eins-gegen-eins-Situationen bestens auflöst.“ Für Hütter, der überall Bewunderung dafür erhält, dass er aus einem Mittelklasseteam eine „unschlagbare“ Spitzenmannschaft geformt hat. Für ganz viele Eintracht-Profis, die im Moment außergewöhnlich gute Tage in ihren Karrieren erleben und deren Sehnsucht nach der Champions League langsam greifbar wird.

Aber es ist nicht so, dass die Eintracht derzeit in einem Garten des Glücks lustwandelt und knapp vor der Pforte zum Paradies steht. Der Traditionsklub hat mit handfesten Problemen zu kämpfen. Vor allem neben dem Spielfeld. Aber auch sportlich droht Gefahr. Hütter hat völlig recht mit seiner Einschätzung: „Jetzt sind wir die Gejagten.“ Die Gegner werden mit besonderer Leidenschaft die Auseinandersetzung mit dem Aufsteiger der Saison angehen. Aber da scheint das Team gut gerüstet, jedenfalls solange sich die Profis nicht durch den Erfolg und die damit verbundenen Offerten ablenken lassen.

Die Hauptaufgabe für die Vereinsführung besteht derzeit darin, keine Unruhe aufkommen zu lassen. Nur, wie macht sie das? In dem sie auf die Spieler zugeht, ihnen ihre Wertschätzung versichert und gegebenenfalls vorzeitige Vertragsverlängerungen mit Gehaltserhöhungen in Aussicht stellt und sie am Ende auch vollzieht.

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Dieses Prozedere hat im Fall von Sportvorstand Fredi Bobic schon vor Wochen begonnen. Die Offerte von Hertha BSC an den 49 Jahre alten ehemaligen Nationalspieler hat den Aufsichtsrat hellhörig gemacht, noch mehr die allgemeingültigen Repliken des Umworbenen, die beim besten Willen nicht als Bekenntnis zur Eintracht interpretiert werden konnten.

„Fredi hat einen Vertrag“

Aussagen von Eintracht-Präsident Peter Fischer gegenüber Sky lassen vermuten, dass bei Bobic das Thema Vereinswechsel noch im Kopf herumschwirrt: „Fredi hat einen Vertrag, und auf Vertragstreue lege ich großen Wert.“ Der Kontrakt des Sportvorstandes läuft in Frankfurt bis Sommer 2023. „Wir haben immer ein sehr gutes und erfolgreiches Verhältnis gehabt. Daher hoffe ich, dass der Vertrag erfüllt wird. Mir ist allerdings bewusst, dass Erfolg zu Begehrlichkeiten führt“, sagte Fischer.

Vergleicht man den Zustand beider Klubs, fällt es schwer, etwas zu finden, was die Hertha reizvoller als die Eintracht machte. Außer der Tatsache, dass es in Berlin (im Verhältnis zu den Möglichkeiten) kaum noch schlimmer laufen kann und in Frankfurt kaum noch besser. Aber zieht es Bobic zur Hertha, bevor er die Ernte seiner nun fünfjährigen Arbeit mit der Eintracht einfährt? Da erscheint es wahrscheinlicher, dass ein noch potenterer Klub seine Aufwartung gemacht hat.

Gestandene Profis

Solange die Causa Sportvorstand nicht geklärt ist, wird auch keine Entscheidung über die Besetzung des Sportdirektorpostens fallen, sondern es werden lediglich Planspiele betrieben beziehungsweise Sondierungsgespräche geführt. Bliebe Bobic noch ein Jahr, oder erfüllte er seinen Kontrakt bis 2023, könnte Hübners Nachfolger ein Mann ohne große praktische Erfahrung sein, der an seinem Vorgesetzten wachsen würde.

Der frühere Eintracht-Profi Pirmin Schwegler wäre so ein Kandidat. Ohne Bobics Unterstützung müsste ein Schwergewicht her. Auch ist es denkbar, dass die Frankfurter Hübners Abschied intern kompensieren, indem sie Bobics rechte Hand Sebastian Zelichowski und Kaderplaner Ben Manga mit erweiterten Kompetenzen ausstatten.

Eine Beförderung Ben Mangas wäre ohnehin angebracht, da in Zukunft wieder mehr Profis jenes Zuschnitts gebraucht werden, die der 46 Jahre alte Rheinländer mit afrikanischen Wurzeln für die Eintracht schon gefunden hat – relativ kostengünstige Talente, die eine große Karriere vor sich haben und beim Weiterverkauf großen Gewinn versprechen. Nach Haller und Jovic schicken sich Ndicka und Tuta mit ihren Leistungen an, einen hohen Gewinn für die Eintracht zu generieren.

„Sind für diese Saison durchfinanziert“

Zuletzt lag der Schwerpunkt bei Neuverpflichtungen mehr auf gestandenen Profis ohne große Chance auf Wertentwicklung. Wegen der Einnahmeverluste durch die Pandemie soll nun wieder der geschäftliche Aspekt bei Transfers stärker in den Fokus genommen werden. So wie beim Verkauf von Mittelstürmer Bas Dost, der zu Weihnachten zwar zunächst sportlich eine Lücke im Kader riss, aber eine Ersparnis im Etat von sechs Millionen Euro einbrachte.

Finanzvorstand Oliver Frankenbach betonte zwar in einem Podcast für die Eintracht-Medienabteilung, dass der Transfer des Niederländers nicht notwendig gewesen wäre, um diese Saison wirtschaftlich zu überleben: „Wir sind für diese Saison durchfinanziert.“ Aber – der Haushalt wird durch Kredite ausgeglichen. „Und irgendwann müssen die Kredite ja zurückgezahlt werden.“ Deshalb sei Dosts Verkauf durchaus angenehm gewesen. Frankenbach beziffert in dem Eintracht-Podcast den Umsatzrückgang für das Geschäftsjahr 2020/21 durch Corona mit 150 Millionen Euro, was eine Halbierung bedeute.

„Licht am Ende des Tunnels“

Statt des kalkulierten Gewinns von 26 bis 27 Millionen Euro nach Steuern zeichne sich ein Verlust um 40 Millionen Euro ab. Zahlen, die ihn nicht in die Verzweiflung treiben. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“ Sprich durch Einsparungen und Anpassungen einen Modus Vivendi in der Pandemie gefunden. Aber auf Dauer würde auch das Frankfurter Modell ohne Zuschauereinnahmen zusammenbrechen. Wovon Frankenbach jedoch nicht ausgeht. „Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.“ Das Licht sind für ihn die Impfungen.

Aus dem normalen Bundesliga-Betrieb, wann immer er beginnt, seien die aufgelaufenen Schulden allerdings nicht zu begleichen. Das gehe nur über eine Rendite auf dem Transfermarkt oder durch Einnahmen aus dem internationalen Geschäft. „In unseren Etatansätzen ist der Europapokal bis jetzt mit null Euro angesetzt.“ Eine schöne Reserve, mit der einige Wünsche erfüllt werden könnten.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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