1:2 gegen Hertha BSC

Frankfurter Tiefschlag nach dem Bayern-Coup

Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt
16.10.2021
, 19:03
Filip Kostic und die Eintracht verloren gegen Hertha.
Die Serie der Eintracht von 22 ungeschlagenen Bundesliga-Heimspielen in Serie reißt. Beim Duell mit Hertha BSC zeigen die Frankfurter eine schwache Leistung. Trainer Oliver Glasner übt klare Kritik.
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Ein ganz spezielles Stück Fußball-Geschichte hat sich tatsächlich wiederholt. 21 Jahre lang musste man darauf warten. Am Samstag, als es die Eintracht vor heimischem Publikum am achten Bundesliga-Spieltag mit Hertha BSC zu tun bekam, passierte es. Vor gut zwei Jahrzehnten schafften es Frankfurter Fußballprofis, auswärts in München 2:1 zu gewinnen. Im darauffolgenden Heimspiel im Jahr 2000 kam Berlin ins Waldstadion – und die Partie ging für die Eintracht verloren. So wie jetzt im Oktober 2021.

Bundesliga

Auch diesmal war die Eintracht-Mannschaft von Trainer Oliver Glasner mit der Empfehlung eines 2:1-Erfolgs bei den Bayern in das Duell mit der Hertha gegangen – und auch jetzt ging es verloren. 1:2 hieß es am Ende. Ein ernüchterndes, verdientes Ergebnis, denn die Eintracht zeigte eine schwache Vorstellung. Tabellenvierzehnter sind die Hessen nun, am nächsten Sonntag heißt es, sich beim direkt dahinter liegenden Aufsteiger VfL Bochum in einer bedeutend besseren Verfassung zu präsentieren. „Wir alle, auch ich, haben Schuld an dieser Niederlage und sind sehr enttäuscht“, sagte Eintracht-Trainer Glasner. „Wir waren viel zu fehleranfällig im Spielaufbau und haben gefühlt alle Zweikampfduelle verloren.“

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Glasner war sichtlich ernüchtert ob dieses Tiefschlags gegen die Hertha. „In der zweiten Halbzeit haben wir etwas mehr Druck entwickelt, aber es war zu einfältig. Wir haben es einfach nicht auf den Platz bekommen.“ Sein Berliner Kollege Pal Dardai konnte bestens gelaunt die Heimreise in die Hauptstadt antreten. „Wir haben heute eine perfekte erste Halbzeit gespielt. Nach 45 Minuten hätte es auch schon 3:0 stehen können.“

32.000 Zuschauer in Frankfurt

Um endlich den ersten Heimsieg in dieser Saison zu erreichen, vertraute Glasner von Beginn an auf ein neues Quartett. Evan Ndicka, Makoto Hasebe, Jens Pette Hauge und Sam Lammers standen in der Startelf. Die noch beim Bayern-Sieg gefragten Stefan Ilsanker, Tuta, Almamy Touré und Rafael Borré fanden sich gegen die Hertha zunächst auf der Ersatzbank wieder.

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Als die Partie halbwegs ins Laufen gekommen war, stand es auch schon 0:1. Es war ein zum Teil kurioses Tor, das den Berlinern glückte. Vladimir Darida hatte mit einer Mixtur aus Schuss und Flanke den Ball in den Frankfurter Strafraum gespielt, wo Marco Richter noch hauchdünn seine Haare ins Spiel brachte und zur überraschenden Berliner Führung vollendete. Eintracht-Keeper Kevin Trapp hatte keine Abwehrchance. Der Gegentreffer wirkte als Stimmungstöter, denn bis zu diesem Zeitpunkt war es laut in der Frankfurter Arena. 40.000 Zuschauer waren vom Gesundheitsamt zugelassen, 32.000 schauten sich letztlich die Begegnung an und sorgten vor allem zu Beginn für eine ansprechende Atmosphäre.

Die Hertha machte es geschickt, denn vom Anpfiff weg verdichtete die auf kompromissloses Mittelfeldpressing setzende Mannschaft von Trainer Dardai die Räume und ließ die Eintracht nicht zur Entfaltung kommen. Im Gegenteil: Es war abermals der Hauptstadtklub, der gefährlich vor dem Frankfurter Tor auftauchte und durchaus auf 0:2 hätte erhöhen können.

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Krzystof Piatek kam unbedrängt zum Kopfball, doch Trapp stand genau richtig und reagierte famos (18. Minute). Zehn Minuten später machte die harmlose und in der Offensive ideenlose Eintracht erstmals auf sich aufmerksam. Doch Djibril Sow, geschickt an der Strafraumgrenze in Szene gesetzt, verfehlte sein Ziel. In der 34. Minute bot sich Filip Kostic die Möglichkeit, ungehindert bei einem Freistoß Maß zu nehmen. Doch der Serbe schoss weit über das Berliner Tor hinaus.

Paciencia trifft per Elfmeter

Was die Eintracht ihrer Kundschaft anzubieten hatte, war harte Kost. Kaum etwas wollte gelingen. Die Dreierkette mit Ndicka, Hasebe und Martin Hinteregger strahlte nicht die Sicherheit und Stabilität aus, die sich Trainer Glasner von ihr erhofft hatte. Auf den Flügeln wurde weder links noch rechts die rechte Dynamik entfacht. Und so war es nur folgerichtig, dass der Frankfurter Anhang zur Pause lautstark pfiff.

Im zweiten Abschnitt versuchte es Glasner mit neuem Personal, denn das Spiel der Eintracht musste ja besser werden. Dies wurde es dann tatsächlich ein wenig, was auch an der Hereinnahme von Daichi Kamada und Touré lag, die für Jesper Lindström und Timothy Chandler von der 46. Minute an zum Einsatz kamen. In der 52. Minute bot sich eine gute Gelegenheit. Doch nach einer Flanke von Lammers verpasste Sow mit einer Volleyabnahme. Das dankbare Publikum, das weiterhin an die Eintracht glaubte, klatschte eifrig nach dieser Szene.

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Und weiter ging es mit neuen Eintracht-Profis. Nach einer Stunde kam der Kolumbianer Borré für Lammers, später dann noch Goncalo Paciencia für Kristijan Jakic (69.). Zwischendurch jedoch fiel das 0:2. Wieder ging dem Treffer eine Aktion auf der linken Spielhälfte voraus. Maximilian Mittelstädt flankte flach und quer durch die Eintracht-Defensive, und der gerade eingewechselte Jurgen Ekkelenkamp konnte problemlos aus kurzer Distanz einschieben (63.). Die Partie war entschieden.

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Trotzdem kam noch einmal bei den Frankfurtern Hoffnung auf, als Paciencia in der 77. Minute von Hertha-Torhüter Alexander Schwolow im Strafraum zu Fall gebracht wurde. Das Foul war unzweifelhaft. Allerdings hatte Paciencia unmittelbar zuvor Niklas Stark geschubst. Eine Aktion, die Schiedsrichter Deniz Aytekin hätte pfeifen müssen, es aber nicht tat. Der Portugiese, der sich schon in der Europa League beim Auswärtssieg in Antwerpen als sicherer Elfmeterschütze empfohlen hatte, zeigte auch gegen die Hertha sein Können aus elf Metern. 1:2 – sollte der Eintracht wirklich noch der Ausgleich glücken?

„Einen hinter die Binde kippen“

Die Hertha selbst hätte noch durch einen von Marvin Plattenhardt getretenen Freistoß aus 17 Metern treffen und für endgültig klare Verhältnisse sorgen können (86.). In der vierminütigen Nachspielzeit passierte aus Eintracht-Sicht nichts mehr. Die stolze Serie von 22 ungeschlagenen Bundesliga-Heimspielen in Serie – zwölf Siege, zehn Unentschieden – war endgültig gerissen.

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Und Glasner nach der schwachen Leistung reichlich angefressen. Danach befragt, wie er die Mängelliste seiner Mannschaft bis zum Europa-League-Spiel am Donnerstag gegen Olympiakos Piräus möglichst schnell beheben will und welche Strategie dabei helfen soll, sagte er mit einem leichten Anflug von Defätismus: „Vielleicht kippe ich mir heute einen hinter die Binde.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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