Ende der Transferperiode

Sekt oder Selters bei der Eintracht

Von Marc Heinrich
30.08.2021
, 22:02
Abschiedsgespräch: Die Wege des Österreichers Glasner (links) und des Schweizers Zuber trennen sich bei der Eintracht.
Feste feiern, wie sie fallen: Die Eintracht lädt groß ein zur Eröffnung ihres Proficamps. Bis zur letzten Sekunde wartet auf Sportvorstand Krösche aber noch viel Arbeit. Im Fokus steht Filip Kostic.
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An diesem Dienstag wird Feierstimmung aufkommen bei der Eintracht. So richtig passt das gerade nicht zur sportlichen Situation des Klubs. Aber das konnte ja niemand ahnen, als vor Wochen ein Termin gesucht wurde, an dem der Neubau des Proficamps im Rahmen einer festlichen Eröffnungsveranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert wird. Die Zeiten, in denen der Verein im Inneren des Stadions durch sein beständiges Wachstum auf beengtem Raum seine Dinge regelte, vom Ticketverkauf bis zum Krafttraining der Bundesligamannschaft, gehören künftig der Vergangenheit an.

Bundesliga

In Wurfweite der Arena, an der Straße im Stadtwald, die kürzlich von der Stadt die Postadresse „Im Herzen von Europa“ verliehen bekam, ist ein imposantes Gebäude entstanden, bei dem Ankömmlinge künftig schon von weit her erkennen können, dass sich hier alles um den bald 100.000 Mitglieder zählenden Traditionsverein dreht: An der Fassade prangt in schwarz auf weißem Grund das geflügelte Wappentier der Eintracht, neben der Roof-Top-Terrasse auf dem Dach grüßt es zudem in roter Farbe alle jene, die sich mit dem Flugzeug Rhein-Main und der Stadt nähern.

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Viel Glas und ein großzügiges Außen-Areal stehen in auffallendem Kontrast zur bisherigen Unterkunft im Bunker-Stil und dicken schwarzen Metalltüren, hinter denen sich die Angestellten bisweilen auf den Füßen standen, weil es an Platz und Rückzugsmöglichkeiten mangelte. Fortan herrscht mehr Bewegungsfreiheit, und nicht zuletzt die Spieler zeigten sich beim Bezug angetan von den Möglichkeiten im modernen Adlerhorst.

Was wird aus Kostic?

Einer der Ersten, die es sich nicht nehmen ließen, nach Abzug der Bauarbeiter sofort einen Gang durch die Räume zu machen, war unlängst Filip Kostic, der anschließend in den sozialen Medien Aufnahmen von sich und seinem Kumpel Kevin Trapp postete, wie beide auf Sightseeingtour gegangen waren. Trapp ist in dieser Woche mit der deutschen Nationalelf im Einsatz, Kostic mit der serbischen. Insgesamt stehen Chefcoach Oliver Glasner, der alle Hände voll zu tun hat, ein Team zu formen, das erstklassigen Ansprüchen genügt, 13 Mann nicht zur Verfügung, da sie internationalen Verpflichtungen nachkommen müssen.

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Dass Kostic überhaupt noch einmal – im Dienste der Eintracht – auf Tore-Jagd gehen wird, wurde zu Wochenbeginn unwahrscheinlicher. Der Serbe hat mit seiner Weigerung, am Freitag am Training teilzunehmen, und so den Wechselprozess, der ihn zu Lazio Rom bringen soll, zu beschleunigen, die Eintracht-Führung erstaunt und erzürnt.

Mit Entgegenkommen wird seine Seite daher bei den schwierigen Verhandlungen nicht rechnen dürfen. Die „Bild“ meldete am frühen Montagabend, Kostic könne für insgesamt 18 Millionen Euro die Eintracht verlassen. Zehn Prozent der Summe müsse sie davon weiterleiten an den Hamburger SV, von dem der Nationalspieler 2018 kam. Ein Sprecher des Bundesliga-Vierzehnten wollte auf Anfrage der F.A.Z. dazu keine Stellung beziehen.

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Vertreten werden Kostics Interessen von der Lian Sports Group, die sich ansonsten unter anderem auch um die Belange von Leroy Sané, Ante Rebic oder Luka Jovic kümmert. Fali Ramadani, der Chef der Berateragentur, gehört zu den einflussreichsten Strippenziehern der Branche, dessen gute Kontakte sich die Eintracht in der jüngeren Vergangenheit wiederholt zu eigen machte. Wie es ausschaut, haben Ramadani und der im Unfrieden von der Eintracht geschiedene Sportvorstand Fredi Bobic in Sachen Kostic vor zwölf Monaten einen Deal abgeschlossen, bei dem Markus Krösche sehen musste, wie er damit zurechtkommt.

Eintracht will mehr Geld

Bobic selbst ist des lieben Geldes wegen zu Hertha BSC weitergezogen, und sein Nachfolger stand und steht vor der (unangenehmen) Aufgabe, mit der Kostic-Partei über Zusagen verhandeln zu müssen, die von Bobic mündlich gemacht worden sein sollen. Demnach wurde dem Flügelspieler, der in den vergangenen drei Jahren sportlich über jeden Zweifel erhaben war, im Sommer 2020 das Versprechen gegeben, dass er zwölf Monate später die Eintracht trotz Vertrags bis Mitte 2023 vorzeitig wird verlassen dürfen, sofern sich ein Klub findet, der bereit ist, eine entsprechende Ablöse für ihn auf den Tisch zu legen.

Genau um dieses Sujet kreist noch der Zwist. Denn die Eingangsofferten für Kostic, die Lazio Rom über Mittelsmänner und nicht offiziell ans Eintracht-Management herantrug, lagen weit unter der Summe, bei der sich die Hessen mit einem Abgang des Profis anfreunden könnten – so schwer sein Verlust für das Team auch wiegen würde. Sportdirektor bei Lazio ist Igli Tare, der im Frühjahr auf der Watch-List stand, die Eintracht-Aufsichtsratschef Philip Holzer beim Casting nach einem Nachfolger für Bobic zur Hand nahm.

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Tare wurde signalisiert, dass das Angebot für Kostic substantiell nachgebessert werden und alles in allem (inklusive möglicher Boni) an die 20-Millionen-Euro-Grenze heranreichen muss, ehe die Frankfurter ihrem Flügelflitzer den Laufpass erteilen. Sollte Kostic umgehend seine Zelte in Frankfurt abbrechen, was ungeachtet der Schwierigkeiten, die durch seinen Weggang verschärft würden, eben auch so manchen Gepflogenheiten in diesem bisweilen unehrenhaften Business entspricht, müsste die Eintracht eine weitere Planstelle im Mittelfeld besetzen.

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Der Druck, der auf Krösche lastet, an Qualität für den Kader von Glasner nachzulegen, ist auch so hoch genug. Der mickrige Saisonstart mit zwei Punkten aus drei Spielen machte deutlich, dass es dem Team an Durchsetzungskraft wie Stabilität mangelt. Mit Kristijan Jakic wurde ein Zugang gefunden, der das defensive Mittelfeld ergänzen soll. Der Kroate wird zunächst für ein Jahr von Dinamo Zagreb ausgeliehen, wobei sich die Eintracht eine Kaufoption sicherte. „Wir gewinnen mit ihm einen Spielertyp, den wir in unserem Kader so bislang noch nicht haben“, sagte Krösche. Jakic soll Glasner die Möglichkeit geben, auf den Ausfall von Kapitän Sebastian Rode (Knieoperation) flexibler zu reagieren.

Zuber zu AEK Athen

Zugleich nahm die Eintracht Stürmer Igor Matanovic unter Vertrag – um ihn direkt wieder an seinen bisherigen Klub FC St. Pauli zu verliehen. Der 18-Jährige band sich bis Juli 2026 an die Frankfurter, wird aber mindestens bis Sommer 2023 bei den Hamburgern bleiben.

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Keine Rolle mehr im Konzept spielt Steven Zuber. Er schloss sich AEK Athen an. Was manchen im Umfeld des Vereins verwunderte, hielten sie es doch für möglich, dass seine guten EM-Darbietungen ihn für einen Verein in einer attraktiveren Liga empfohlen hätten. Diese Überlegungen ließen aber außer Acht, dass Zuber zuvor bei der Eintracht mehr schlecht als recht performte und mit demnächst 31 Jahren einen Großteil seiner Karriere schon hinter sich hat: Großartige Entwicklungsperspektiven sind mit seinem Namen nicht mehr verbunden.

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Zubers Abschied, der vor einem Jahr im Tausch mit Mijat Gacinovic aus Hoffenheim kam, wird rund zwei Millionen Euro einbringen (plus eingespartem Gehalt). Geld, das nicht lange in den Kassen bleiben dürfte, in die am Deadline Day der Transferperiode Krösche tief wird greifen müssen, um für die Eintracht Personal hinzuzugewinnen, das höhere Ansprüche erfüllt.

Gut möglich, dass der ein oder andere Deal am Nachmittag bei der Eröffnungsfeier verkündet werden wird. Hinreichend geladene Gäste, exakt 199, würden den passenden Rahmen bilden. Am Montagmittag bog ein Getränkelaster auf die Zufahrt des Klubgeländes ein. Sekt oder Selters? Mal sehen, nach was Krösche zum Ende eines ersten aufregenden Wechseltheaters in Frankfurter Funktion zumute sein wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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