Eintracht-Leihgabe Zalazar

Die wilde Wunderkerze

Von Frank Heike, Hamburg
Aktualisiert am 12.11.2020
 - 13:35
Gibt alles: Rodrigo Zalazar
Von Frankfurt nach Hamburg: Als Leihspieler sorgt Rodrigo Zalazar beim FC St. Pauli mit seiner Art Fußball für eine besondere Note. Ist der Wandervogel in dieser Form auch einer für die SGE?

Schon einige Spitznamen hat sich Timo Schultz einfallen lassen, die Rodrigo Zalazar ganz hübsch charakterisieren. Als Erstes fiel dem Trainer des FC St. Pauli der Begriff „Wunderkerze“ für Zalazar ein. Das war im August, als Schultz der fußballinteressierten Öffentlichkeit den Fußballspieler Zalazar vorstellte: „Er ist der Typ Wunderkerze, einer, den jede Mannschaft brauchen kann.“ Ob Schultz vielleicht eher „Wundertüte“ gemeint hat, blieb unklar, schließlich steht der 21 Jahre junge Spanier mit uruguayischen Wurzeln ja für den Schuss Überraschung, der dem Team des FC St. Pauli zuletzt oft gefehlt hat. Aber auch Wunderkerze passt – manche seiner Aktionen strahlen tatsächlich hell. Zuletzt hatte Timo Schultz öfter vom „Eisvogel“ Zalazar gesprochen. Auch ein schönes Bild. Bunt und schillernd, schnell von A nach B unterwegs, so ist seine Spielweise. Schultz sagt: „Er treibt sich überall auf dem Platz herum. Er hat unbändigen Willen, eine sehr gute Technik und hohe Dynamik.“ Aus Mannschaftskreisen heißt es, Zalazar sei so ehrgeizig, dass er noch nicht einmal trainingshalber im Fußballtennis verlieren wolle.

Rodrigo Zalazar gilt als die positive Überraschung in der noch frischen Saison, die für den Klub vom Hamburger Kiez ganz gut begann, beim 2:2 im Derby einen ersten Höhepunkt erreichte, durch das 0:3 gegen den Karlsruher SC am vergangenen Sonntag aber einen herben Dämpfer bekam – St. Pauli ist Vorletzter, und scheint die Tabelle auch sehr eng, erinnert das manchen doch auf unangenehme Art und Weise an den Flirt mit dem Desaster im Vorjahr. Aber soweit soll es nicht kommen.

Zalazar gehört zu jenen jungen Neuen, die das Alte beim FC ausradieren sollen. Gern leiht Sportchef Andreas Bornemann Spieler aus. So auch bei Zalazar. Vertraglich „gehört“ der schussstarke Mittelfeldspieler der Eintracht. 2019 hatten sich die Frankfurter die Dienste des hochtalentierten Junioren-Nationalspielers Uruguays für vier Jahre gesichert – ihn dann aber nach Polen zu Korona Kielce ausgeliehen. Dort lief es bescheiden für Zalazar; sogar in die zweite Mannschaft wurde er abgeschoben: dritte Liga. Es soll ihm dort auch an Disziplin und Durchsetzungswillen gefehlt haben. Als er im Mai des Jahres frustriert zur Familie ins spanische Albacete reiste, ohne dem Verein Bescheid zu sagen, kündigte Kielce den Vertrag. Bei der Eintracht war auch kein Platz für ihn – sehr wohl aber bei St. Pauli.

„Ich muss mich und meine Art zu spielen nicht verstellen“

In allen sieben Spielen hat Schultz ihn bisher eingesetzt. Das bekommt Zalazar ausgesprochen gut: „Hier bei St. Pauli lassen sie mich so Fußball spielen, wie ich es am besten kann“, sagt er, „ich muss mich und meine Art zu spielen nicht verstellen. Das war letzte Saison in Polen mein Problem.“ Völlig unproblematisch ist die Art des großflächig Tätowierten zu spielen allerdings nicht. Trainer Schultz sagt: „Das Wilde, das ihn auszeichnet, fällt uns manchmal defensiv auf die Füße. Aber das nehmen wir in Kauf. Der Junge ist schon gut.“ Und Tore kann er auch schießen. Ein Treffer per Elfmeter beim 2:2 gegen den 1. FC Nürnberg, noch ein Strafstoß beim 2:2 in Darmstadt – in der fünften Minute der Nachspielzeit. Und eben das Tor zum 1:1 im Derby beim Hamburger SV, ein schöner, strammer Flachschuss. Schultz lobt den 21 Jahre alten Profi dafür, so viel Verantwortung zu übernehmen: Inzwischen schießt Zalazar ganz selbstverständlich alle Standards beim FC St. Pauli.

Das Talent könnte er von seinem Vater geerbt haben. José Luis Zalazar war Nationalspieler Uruguays, nahm an der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko teil. Profi-Erfahrungen sammelte Vater Zalazar vor allem in Albacete, wo Rodrigo geboren wurde. Über Albacete und Malaga kam Zalazar jr. dann zur Eintracht.

In Hamburg wohnt Rodrigo Zalazar mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Kuki zusammen. Das muss keine WG für länger sein. Der FC hat keine vertragliche Möglichkeit mit der Eintracht vereinbart, Zalazar im nächsten Sommer zu kaufen. Natürlich haben das Frankfurter Trainerteam um Chefcoach Adi Hütter sowie Sportvorstand Fredi Bobic öfter Mal einen Blick nach Hamburg geworfen und die Entwicklung Zalazars sicher wohlwollend zur Kenntnis genommen. „Ich habe öfter Kontakt mit den Trainern in Frankfurt, sie freuen sich mit mir und wünschen mir Glück“, sagt Rodrigo Zalazar.

Für die Eintracht verläuft dieses Leihgeschäft bislang optimal; für den FC St. Pauli auch – abgesehen vom derzeit misslichen Tabellenplatz. Man muss allerdings kein Hellseher sein, um zu sagen, dass der junge Mann mit den schönen Spitznamen in der Saison 2021/22 wahrscheinlich nicht mehr im Trikot der Kiezkicker auflaufen wird.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot