Eintracht-Torwart Rönnow

„Es geht nicht nur ums Sportliche“

Von Peter Heß
Aktualisiert am 27.06.2020
 - 13:03
Torwart Rönnow: „Realistischerweise muss ich darauf hoffen, nach den Sommerferien woanders die Nummer 1 zu sein.“
Frederik Rönnow fühlt sich wohl in Frankfurt, will aber die Eintracht verlassen: Der Torwart vermisst eine faire Chance im Duell mit Kevin Trapp. Ein Gespräch über Stärken, Schwächen und die Loyalität unter Torhütern.

Bekommen Sie an diesem Samstag zum letzten Saisonspiel gegen Paderborn einen Blumenstrauß und einen Abschiedshändedruck?

Das glaube ich nicht. Denn die Eintracht und ich wissen nicht, wie sich die Situation über den Sommer entwickelt.

Wir dachten, die Situation wäre geklärt: Sie wollen weg, weil Sie unbedingt mehr Einsatzzeiten haben wollen, und die Eintracht respektiert Ihren Wunsch. Oder nicht?

Eigentlich ja.

Dann sorgen das Corona-Virus und der dadurch veränderte Transfermarkt für die Unsicherheit?

Bundesliga

Ja. Niemand weiß, ob es eine zweite Welle geben wird, niemand weiß, wie sich die Pandemie in anderen europäischen Ländern entwickeln wird, niemand weiß, wie sich das auf den Transfermarkt auswirkt. Ich muss nicht unbedingt weg, ich habe Vertrag bis 2022. Mir gefällt es in Frankfurt und im Klub wirklich sehr gut. Aber ich kam vor zwei Jahren hierher, um zu spielen. Ich fühle mich wirklich in guter Form, ich fühle, dass ich auf Bundesliga-Niveau spielen kann. Aber ich weiß, dass ich mit Kevin Trapp einen sehr starken Konkurrenten habe und dass es sehr, sehr schwierig werden würde, an ihm vorbeizukommen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich am liebsten die Nummer 1 in Frankfurt. Aber realistischerweise muss ich darauf hoffen, nach den Sommerferien woanders die Nummer 1 zu sein.

Weil Trapp nicht nur Nationaltorhüter, sondern auch eines der Gesichter der Eintracht ist, einer der absoluten Führungsspieler?

Ja, das ist für mich in den zwei Jahren ziemlich offensichtlich geworden. Das ist es, was der Verein und der Trainer möchten, dass Kevin die klare Nummer eins ist. Für mich ist das eine sehr schwierige Situation, weil es mehr als um das rein Sportliche geht.

Akzeptieren Sie, dass Trapp der talentiertere und bessere Torwart ist, oder fühlen Sie sich auf einem Level?

Es geht nicht um ein Duell Kevin gegen mich. Ich schaue nur auf mich selbst, auf meine Entwicklung. Ich hatte einen schlechten Start hier, das erste halbe Jahr war schwer. Aber ich habe die Sache gedreht. Ich habe die negativen Emotionen in ein hartes Training, in harte Arbeit geleitet und habe nun das Gefühl, dass ich mich sehr gut entwickelt habe. Und ich denke, wenn ich mehr gespielt hätte, hätte ich ein noch höheres Level erreichen können. Aber das ist nicht geschehen. Ich möchte nicht meine und Kevins Fähigkeiten vergleichen. Er spielt und ich nicht. Fertig. Aber Kevin ist mit Sicherheit ein sehr, sehr guter Torwart. Er gehört zum Kreis der deutschen Nationalmannschaft, das sagt alles.

In dieser Saison bestritten Sie immerhin 15 Pflichtspiele: Könnten Sie mit so einer Quote auch in Zukunft leben, oder wäre das Ihnen immer noch zu wenig?

Ich habe nur wegen Kevins Verletzungspech so oft gespielt. Ich habe meine Chancen genutzt, mich auf einem guten Level zu präsentieren. Und wenn das gelingt, dann möchte man immer mehr.

Wäre es denkbar, dass Sie blieben, wenn Ihnen eine gewisse Anzahl an Mindesteinsätzen garantiert würde? Gibt es solche Lösungen im Profifußball?

Ich denke nicht, dass solch eine Vereinbarung getroffen werden könnte. Am Ende geht es an jedem Spieltag ums Gewinnen. Und der Trainer muss das beste Team und auch den besten Torwart stellen, um die beste Gewinnchance zu haben. Und wenn er meint, Trapp ist der Beste, dann würde er nicht Rönnow bringen, nur weil es eine Vereinbarung gibt, das wäre nicht sinnvoll. Kein Trainer wechselt gerne den Torhüter, wenn er Leistung bringt. Vielleicht würde es sich ergeben, dass ich vier- oder fünfmal in der Saison eingesetzt werde. Aber da habe ich höhere Ziele.

Sie erwähnten Ihre Verbesserungen. Nennen Sie bitte Details.

Ich kam schon als guter Torhüter hierher. Aber mein schlechter Start, der viel mit meiner Verletzung im ersten Training zu tun hatte, hat mich zu lange negativ beeinflusst. Mir fehlte über eine lange Zeit ein Erfolgserlebnis. Selbstvertrauen ist sehr wichtig im Fußball, und ich hatte es nicht. Nach einem halben Jahr ging es aufwärts. Ein wichtiger Schritt war meine verbesserte Physis. Ich bin immer noch kein Modellathlet, aber ich habe mir die körperlichen Voraussetzungen angeeignet, um in einer größeren Liga als der dänischen zu bestehen, aus der ich kam. In der Bundesliga benötigt man einfach mehr Stärke und Agilität.

War es für Sie ein Vorteil, dass Ihr Freund Jan Zimmermann in der Winterpause Moppes Petz als Torwarttrainer ablöste?

Nein, es war am Anfang sehr schwierig. Jan war mein bester Freund unter den Kollegen, und plötzlich war er mein Trainer. Wir mussten herausfinden, wie wir am besten miteinander umgehen. Gerade in Deutschland sind Trainer Respektspersonen, da kann man nicht die ganze Zeit miteinander herumalbern, wie wir es die Zeit zuvor getan hatten. Wir mussten uns ein bisschen umgewöhnen, ein bisschen Distanz gewinnen. Aber natürlich macht es viel Spaß mit ihm. Jan trainiert ein wenig anders als Moppes, aber ich würde nie sagen, dass ich mich unter Moppes nicht weiterentwickelt hätte. Moppes vertraute mir und ich ihm, nachdem wir ein paar sprachliche Barrieren überwunden hatten und wir ohne Übersetzer auskamen. Moppes hat mir auch einiges bezüglich der Berufseinstellung beigebracht. Ich wollte schon immer lernen, mich schon immer verbessern. Aber ich war es nicht gewohnt, so hart zu arbeiten wie hier. Auch deshalb hatte ich am Anfang meiner Frankfurter Zeit ein paar Verletzungen. Jetzt ist mein Körper belastbarer. Hoffentlich bleibt das so.

Wie groß ist der berufliche Austausch mit Kevin Trapp, oder ist das Konkurrenzdenken zu groß?

Wir respektieren einander, es findet ein Austausch in beide Richtungen statt. Wir wollen miteinander besser werden. Aber wir sind auch die härtesten Konkurrenten. Wir Torhüter bilden eine kleine Einheit, keine Feldspieler kennen sich so gut untereinander wie die Torhüter, niemand weiß so genau um die Stärken, Schwächen und den Charakter des anderen.

Wie schwer ist, es loyal zu bleiben, wenn man auf der Bank sitzt und dem anderen beim Spielen zuschaut?

Es ist natürlich nicht leicht. Aber man kann eine Einstellung dazu finden. Ich habe in den letzten zwei Jahren die Erfahrung gemacht: Kevin ist die Nummer eins. Ich habe mich damit abgefunden. Wenn ich mir nach jedem Training sagen würde, okay, das nächste Spiel bist du dran, dann wäre ich jedes Mal sehr enttäuscht. Ich gebe zu, dass ich nach meinen guten Spielen im Herbst die Hoffnung hatte, dass nach der Winterpause der Konkurrenzkampf ein wenig offener sein würde. Aber als ich auch im DFB-Pokal gegen Werder nicht eingesetzt wurde, habe ich meinen Frieden mit der Situation gemacht. Ich ließ keinen Frust zu, sondern nahm die Lage als Ausgangspunkt für meine weitere Arbeit.

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Nein. Mein großes Ziel ist es, in meiner Karriere mein volles Potential auszuschöpfen. Deshalb will ich auch unbedingt mehr spielen. Denn ich habe gemerkt, wann immer ich spielte, steigerte ich mich auf das nächste Level. Ich will einfach das Maximum. Und es wird Zeit weiterzukommen. Ich bin nicht mehr so jung, wie ich aussehe, ich werde 28.

Für wie gut halten Sie sich?

Ich weiß, dass ich ein guter Torwart bin. Aber es geht nicht darum zu erzählen, wie gut ich bin. Ich muss es beweisen. Aber das ist schwierig, wenn ich nur einmal spiele und dann wieder draußen bin.

Was würden Sie alles in Kauf nehmen, um woanders Nummer eins zu sein? Eine kleinere Liga, geringeres Einkommen?

Das ist eine hypothetische Frage.

Natürlich.

Das muss man sehen, wenn ein Angebot kommt. Mir ist bewusst, dass die Arbeitsplatzlage für Torhüter extrem schwierig ist. Es gibt sehr wenige freie Stellen und noch weniger gute freie Stellen. Pro Angebot bewerben sich 20 Kandidaten. Für mich ist es wichtig, eine Einsatzchance zu haben, aber es muss ein gleicher Wettbewerb sein. Zwei Jungs trainieren hart, und der bessere spielt. Dann kann ich akzeptieren, wenn ich auf der Bank sitze. Aber hier habe ich in den zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass es anders ist.

Sie sind ein vielseitig interessierter Mann mit vielen unterschiedlichen Fähigkeiten. Könnten Sie von einem auf den anderen Tag sagen: Ich habe genug vom Profifußball, ich höre auf?

Nein, so schlecht geht es mir nicht. Wie ich schon sagte, ich bin gerne in Frankfurt und bei der Eintracht. Ich komme sehr gut mit allen zurecht. Und mein Vorteil ist, dass ich meinen Frust nicht mit nach Hause nehme. Wenn ich die Türe hinter mir schließe, bin ich in einer anderen Welt. Das ist eine gute Voraussetzung, um nicht frustriert aufzugeben.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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