0:1 gegen Darmstadt

Entsetzen in Frankfurt

Von Michael Eder und Ralf Weitbrecht, Frankfurt
06.12.2015
, 23:41
Bitterer Abgang: Trainer Armin Veh verlässt den Platz
Südhessen ist obenauf: Darmstadt 98 gewinnt das Nachbarschaftsduell bei der Frankfurter Eintracht. Der Matchwinner ist mal wieder Kapitän Aytac Sulu. die Randerscheinungen machen den Sport zur Nebensache.

Es waren gespenstische, verstörende Bilder, wie man sie in einem deutschen Fußballstadion in dieser Form lange nicht gesehen hatte. Als die Frankfurter Eintracht am Sonntag ihr Heimspiel gegen den Nachbarn aus Darmstadt durch ein Tor von Aytac Sulu in der 30. Minute 0:1 verloren hatte und die Partie abgepfiffen war, herrschte Ruhe im Frankfurter Block, dort, wo auch die Leute stehen, die sich gerne „Fans“ nennen lassen, denen es aber nicht nur um Fußball geht, sondern auch um die Demonstration von Macht und Aggression. Es herrschte beängstigende Ruhe.

Es war klar, dies war eine schwere Niederlage für die Eintracht, eine, welche die „Fans“ nicht verzeihen würden. Die Darmstädter Spieler liefen auf die andere Seite, zum Darmstädter Block, der mit 5100 Fans gefüllt war und ließen sich feiern. Gleichzeitig trotteten die Frankfurter Profis mit hängenden Schultern wie Schulbuben in Richtung des schwarzen Blocks. An der Grenze zum Sechzehnmeterraum blieben sie stehen, weiter trauten sie sich unter einem wütenden Pfeifkonzert erst einmal nicht. Dann fassten sie sich doch ein Herz, gingen nach vorn und sahen sich hautnah einer wütenden Kulisse gegenüber.

Und dann öffneten Ordner die Tore zum Spielfeld, Frankfurter „Fans“, mehrere davon vermummt, gelangten in den Innenraum. Direkt neben dem Tor mussten sich die Spieler ihnen gegenüber verantworten. Dann liefen die ersten „Fans“ auf den Platz in Richtung Mittellinie, in Richtung der Darmstädter Spieler, die sich nun eilig auf den Weg in die Katakomben machten. Über das Stadionmikrophon wurde mit Nachdruck dazu aufgefordert, den Platz zu räumen, ehe eine Hundertschaft Polizisten in schwerer Ausrüstung und mit Hunden aus den Katakomben strömte und den Platz sicherte.

Die Darmstädter Kurve sang, und der Frankfurter Block warf ihm entgegen: „Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot.“ Dies war der neue Tiefpunkt einer Frankfurter Hasstirade gegenüber dem Nachbarn aus Darmstadt, die seit Wochen anhält. Wegen Plakaten aus der Frankfurter Ecke, die mit äußerster Brutalität dazu aufforderten, „Darmstädter zu sichten und zu jagen“, ermittelt seit kurzem die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Eintracht-Trainer Armin Veh äußerte sich nach der Partie vorsichtig zu den Vorkommnissen. „Man muss das nicht entschuldigen“, sagte er. „Aber das sind Leute, die seit vielen Jahren dabei sind, und viele davon sind sehr emotional. Letztlich ist ja nichts passiert. Ich kann, was da passiert ist, schon nachvollziehen, wenn auch nicht entschuldigen.“

Auf die Frage, wie es sein könne, dass Tore zum Innenraum geöffnet werden, sagte Vorstandsmitglied Axel Hellmann, die Tore seien „aus Sicherheitsgründen“ geöffnet worden, sonst wäre der Druck aus dem Block zu groß gewesen – eine Deutung der Dinge, die in den nächsten Tagen einer dringenden Überprüfung bedarf. Auch die Mannschaft lobte Hellmann. „Sie hat das hervorragend gemacht“, sagte er. „Sie hat sich den Fans gestellt und damit die Situation entschärft.“

Das Sportliche interessierte nicht mehr

„Lilien“-Präsident Rüdiger Fritsch wollte sich nicht weiter zu den Vorkommnissen äußern. „Wir waren Gäste hier, und das Sicherheitskonzept ist Sache des Heimvereins.“ Der Darmstädter Trainer Dirk Schuster antwortete auf die Frage, ob er sich nach Abpfiff bedroht gefühlt habe, mit Nein. Alle Beteiligten bemühten sich, über das Spiel zu sprechen und nicht über die Umstände. Doch das Sportliche interessierte nur noch am Rande.

Heribert Bruchhagen war das Entsetzen an diesem betrüblichen Sonntagabend deutlich anzusehen. „Das war eine schwere Niederlage heute“, sagte der Vorstandschef der Frankfurter Eintracht. Doch es war nicht nur die Derby-Niederlage gegen Aufsteiger Darmstadt 98, die Bruchhagen sportlich sorgenvoll in die Zukunft blicken ließ. Es waren vor allem die Vorkommnisse nach der vierminütigen Nachspielzeit und dem Schlusspfiff, als vermeintliche Fans auf das Spielfeld drängten. „Das ist nicht fußball-like und schon sehr, sehr enttäuschend“, sagte Bruchhagen, als er live beim Pay-TV-Sender Sky auf Sendung war und um eine Einschätzung der Geschehnisse nach Spielschluss gebeten wurde. „Es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu solchen Szenen kommen würde“, sagte Bruchhagen. „Auch nicht dafür, dass wir dieses Derby verlieren würden.“

Bruchhagen sichert Verstärkungen zu

Dass die Eintracht spätestens nach dieser Niederlage gegen die „Lilien“ mitten im Abstiegskampf steckt, hat auch Bruchhagen eingestanden. Gleichzeitig warb er bei der bevorstehenden Krisenbewältigung dafür, „Ruhe zu bewahren. Ich stehe jetzt 13 Jahre bei der Eintracht in der Verantwortung, und in sechs, sieben, acht Jahren haben wir uns dem Abstiegskampf gestellt – und wir haben es gekonnt.“

Außer Frage steht, was in Frankfurt schon seit Wochen angedacht ist: Die Mannschaft muss dringend verstärkt werden. „Wir werden im Winter etwas machen“, bestätigte Bruchhagen die Suche nach frischem und besserem Personal. Zudem versicherte er, dass er an der Person des Trainers festhalten werde. „Ein Trainerwechsel ist in keinster Weise vorgesehen“, sagte er. Nach Schlusspfiff hallten aus der Nordwestkurve erstmals in dieser Saison „Armin raus“-Rufe, die Trainer Veh galten. „Man kann sich bei Eintracht Frankfurt auf Geschlossenheit verlassen“, sagte Bruchhagen. Nicht verhehlen konnte und wollte der erste Mann der Eintracht-AG, „dass wir, so wie wir derzeit spielen, hochgradig gefährdet sind“.

Veh schließt Rücktritt aus

Der sportlich Verantwortliche für den Zustand der Frankfurter Mannschaft, Trainer Veh, zeigte sich in der Analyse angefasst. „Das war eine unheimlich bittere Niederlage heute. Es ist eine der schwärzesten Stunden meiner Karriere.“ Einen Rücktritt schloss Veh gleichwohl aus. „Wenn ich eine Konsequenz ziehe, ist es die, dass ich weitermache“, sagte der Frankfurter Coach. „Meine Spieler wollten, aber sie haben es nicht hinbekommen“, fügte er hinzu. Veh machte sich Mut, indem er sagte, „dass immer wieder einmal ein Lichtlein angeht. Hoffentlich auch für uns.“

Sicher ist: Bis zur Winterpause werden noch zwei Spiele auf die weiterhin auf Tabellenplatz dreizehn stehende Eintracht, lediglich einen Punkt vom Relegationsrang entfernt, zukommen. Am kommenden Sonntag beim Tabellenzweiten in Dortmund (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET), am darauffolgenden Samstag zu Hause gegen den gleichfalls sportlich gefährdeten SV Werder Bremen. Bei der Borussia muss Veh dabei auf gleich drei gestandene Profis verzichten. Carlos Zambrano, Marc Russ und Marc Stendera wurden allesamt gegen Darmstadt zum fünften Mal verwarnt und sind für die Partie beim großen Favoriten BVB gesperrt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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