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Studie über Fans

„Es ist gut, einen Erzrivalen zu haben“

Von Anne Armbrecht
05.02.2017
, 14:20
Beim letzten Spiel in Frankfurt gegen Darmstadt brannte es sogar im Stadion. Bild: dpa
Bei Derbys wie Frankfurt gegen Darmstadt ist die Rivalität unter Fußballfans besonders groß. Im FAZ.NET-Interview spricht ein Forscher über Denkfehler der Klubs, Lösungen und überraschend positive Seiten des Phänomens.
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Anfeindungen, Ausschreitungen und Randale: Immer wieder kommt es durch Rivalitäten im Sport zu negativen Begleiterscheinungen außerhalb des Spielfelds. Im Projekt „Rivalität und Fan-Aggressionen“ untersuchen Johannes Berendt und Sebastian Uhrich vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement der Deutschen Sporthochschule Köln, wie strategische Kommunikation dabei helfen kann, aggressives Verhalten rivalisierender Fans zu reduzieren – mit überraschenden Ergebnissen.

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Vor Fußballderbys wie an diesem Sonntag beim Duell Frankfurt gegen Darmstadt (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) liest man oft Aussagen wie: „Das Derby ist kein Krieg“ oder „Es ist ein Spiel wie jedes andere.“ Was halten Sie davon?

Das ist leider kontraproduktiv. Wir haben zeigen können, dass solche Äußerungen Fans erst aggressiv machen.

Wie haben Sie das nachgewiesen?

In mehreren experimentellen Studien haben wir über 4000 Fans fiktive Statements von Spielern ihrer Lieblingsmannschaft vorgelegt. Teilnehmer, denen gegenüber die Bedeutung des Derbys heruntergespielt worden war, wiesen danach signifikant höhere Aggressionen gegenüber rivalisierenden Fans auf als Teilnehmer, die kein Statement zur Rivalität gelesen hatten. Diese Fans fühlten sich schlichtweg nicht ernst genommen, da die Rivalität als zentraler Bestandteil ihrer Identität nicht wertgeschätzt wurde.

Vereine machen also mit ihrer Kommunikation vor dem Spiel meistens alles schlimmer. Hat Sie das Ergebnis selbst überrascht?

Zuerst schon. Da das Herunterspielen so weit verbreitet ist, hielten auch wir diese Strategie intuitiv für geeignet – wie wohl alle, die sie anwenden. Erst bei genauerer Betrachtung im Verlauf des Forschungsprozesses hat sich gezeigt, wie diese Strategie wirkt und was wirklich dahinter steckt.

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Haben Sie auch eine Lösung des Problems gefunden?

Wir haben das Konzept „duale Identität“ genannt. Es geht darum, das eigene Besondere zu betonen, aber gleichzeitig Gemeinsamkeiten mit dem anderen deutlich zu machen. So sind Dortmunder und Schalker zwar von Grund auf verschieden, stehen aber trotzdem beide für das Ruhrgebiet. Bei Frankfurt und Darmstadt könnte trotz aller Rivalität eine wichtige Ähnlichkeit sein, dass beide auch Hessen repräsentieren und als Traditionsvereine gelten. Teilnehmer, die ein Statement zur dualen Identität gelesen hatten, wiesen signifikant niedrigere Aggressionen in Richtung des Rivalen auf als solche, die eine herunterspielende oder gar keine Äußerung gelesen hatten. Statt Rivalitäten herunterzuspielen, sollten die Vereine sie lieber pflegen und dabei auf übergeordneter Ebene Gemeinsamkeiten mit dem Rivalen aufbauen.

Die Vereine sollten der Rivalität also Raum geben anstatt sie zu verteufeln?

Genau. Konkurrenz ist eine Ureigenschaft des Sports. Rivalität geht noch darüber hinaus. Sie ist Teil der Kultur und der Identität. Die Anhänger definieren sich nicht nur darüber, wer sie sind, sondern insbesondere auch darüber, wer sie nicht sind. Das stärkt unter anderem das Gemeinschaftsgefühl. Gute Nachrichten also für Vereine, die einen Erzrivalen haben, wie beispielsweise Dortmund und Schalke, Köln und Gladbach oder eben auch Frankfurt und Darmstadt. Schwieriger wird es für solche Vereine, bei denen unklar ist, wer eigentlich der Erzrivale ist.

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Inwiefern?

In unserer Studien empfanden Fans, die keinen Erzrivalen angeben konnten, ein signifikant schwächeres Gemeinschaftsgefühl ihrer Gruppe, weniger Besonderheit und auch weniger Ansehen bei anderen Fangruppen als Fans, die einen Erzrivalen identifizieren konnten.

Sie haben sich in Ihrem Projekt aber nicht nur mit Kommunikationsstrategien befasst. Was lässt sich noch zu Rivalitäten im Teamsport festhalten?

Erzrivalen pflegen ein besonderes Verhältnis. Das wird gerade im Fußball deutlich: Trotz der gegenseitigen Abneigung wollen 80 Prozent der Fans nicht, dass der Erzrivale absteigt – er ist zu wichtig für die eigene Identität, und zu amüsant sind wahrscheinlich die gegenseitigen Frotzeleien. Erzrivalen sind keine Freunde, aber auch nicht wirklich Feinde. Analog zum Beziehungskonzept friends with benefits könnte man sie vielleicht als enemies with benefits bezeichnen – oder analog zu Freundschaft plus auch von Feindschaft plus sprechen.

Quelle: FAZ.NET
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