Fans im Bundesliga-Stadion

Nicht oben auf der Prioritätenliste

Von Michael Horeni
11.08.2020
, 08:31
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sieht vorerst keine Rückkehr von vielen Fans in die Bundesligastadien.
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Fußball mit Zuschauern im Stadion? Das passt nicht zum aktuellen Infektionsgeschehen, sagt nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn. Auch Markus Söder äußert sich so – und sorgt für ein Verwirrspiel.
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Die Rückkehr der Bundesliga zu Fußballspielen mit Zuschauern zum Saisonstart am 18. September ist kein Selbstläufer. Eine knappe Woche nachdem die Deutsche Fußball Liga (DFL) mit ihrem Konzept eine Vorlage für Politik und Gesundheitsbehörden geliefert hat, machten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Dilek Kalacy (SPD), am Montag klar, dass eine schnelle Entscheidung in dieser Frage nicht zu erwarten ist – und die Tendenz derzeit zu einem Start ohne Fans geht. Er werde versuchen, in Abstimmung mit dem Bund eine Ministerpräsidentenkonferenz zum Thema Bundesliga in der letzten August-Woche abzuhalten, sagte Söder nach einer außerplanmäßigen Videokonferenz seines Kabinetts.

Kalacy hatte schon vor der Konferenz der Gesundheitsminister deutlich gemacht, dass der Profifußball auf der Prioritätenliste „nicht ganz oben“ stehe. Spahn twitterte am frühen Abend: „Tausende Zuschauer in den Stadien – das passt nicht zum aktuellen Infektionsgeschehen.“ Jetzt gehe es darum, keine vermeidbaren Risiken einzugehen. „Wir spüren, dass wir wachsam bleiben müssen. In der jetzigen Situation wären Zuschauer auf den Rängen das falsche Signal“, so der Gesundheitsminister.

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Aus Ligakreisen war schon vergangene Woche zu hören gewesen, dass man mit einer schnellen politischen Entscheidung wegen des Anstiegs der Fallzahlen nicht rechne, was in dieser Situation auch völlig verständlich sei. Zudem gilt Söders Einfluss im Gremium der Ministerpräsidenten als maßgeblich, gegen seinen Willen wären Fußballspiele mit Zuschauern kaum durchsetzbar.

Am frühen Abend sprachen sich dann auch die Gesundheitsminister der Länder geschlossen gegen eine Rückkehr von Fans in die Stadien zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. Sie seien zu der „einhelligen Position gekommen, dass wir ausgehend von der jetzigen pandemischen Lage es nicht befürworten, die Stadien zu öffnen“, sagte die Berliner Gesundheitssenatorin Kalayci (SPD). „Gesundheitspolitisch befürworten wir zurzeit zumindest bis zum 31. Oktober die Öffnung der Stadien nicht. Danach kann man noch mal aufgrund der Lage miteinander diskutieren.“

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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmar (CDU) signalisierte hingegen Zustimmung zum DFL-Konzept und der schnellen Rückkehr von Fans. „Ich bin der Meinung, man muss ihnen jetzt die Chance geben, diese Sache zu erproben“, sagte Kretschmer im „ARD-Mittagsmagazin“. Es sei wichtig, nun auch an diesem Punkt einen Schritt nach vorn zu gehen.

Massentests von Fans vor dem Stadionbesuch, die von DFB-Präsident Fritz Keller und Union Berlin in die Diskussion gebracht worden waren, lehnt Kretschmer ab. Das sei aus seiner Sicht nicht praktikabel. Man könne nicht so viele Menschen vorher testen. „Das Prinzip muss sein: So wie am Arbeitsplatz, so wie beim Einkaufen muss eine Sportveranstaltung organisiert sein, dass man sich nicht anstecken kann.“ Die DFL verfolgt in ihrem Konzept keine Massentests.

Zu konkreten Szenarien zum Ligastart äußerte sich der bayerische Ministerpräsident nicht. Er brachte stattdessen seine Skepsis gegenüber Spielen in „vollen Stadien“ zum Ausdruck, die von der DFL jedoch nie gefordert worden waren. „Ich habe mich sehr für den Start von Geisterspielen eingesetzt. Das läuft auch hervorragend. Aber bei vollen Stadien zum Bundesligastart bin ich außerordentlich skeptisch. Ich kann es mir derzeit nicht vorstellen“, sagte Söder.

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„Es ist auch nicht klug, wenn wir Schulstart haben, wenn wir beginnenden Herbst haben, zu überlegen, dass wir dann zusätzlich 20.000, 25.000 Leute in den Stadien haben.“ Das Konzept könne theoretisch gute Ansätze haben, doch die Pläne umzusetzen sei schwierig, so Söder. Spahn reagierte wenige Stunden später nahezu wortgleich auf die Vorlage der DFL: „Das Konzept der DFL ist in der Theorie gut. Entscheidend ist in der Pandemie aber die Praxis im Alltag.“

Die Deutsche Fußball Liga hat in ihrem Konzept festgelegt, bis zum 31. Oktober auf Stehplätze zu verzichten, um die Abstände im Stadion besser wahren zu können. Sie untersagt Alkoholausschank, um zusätzliche Risiken zu vermeiden. Auch Auswärtsfans dürften bis zum 31. Dezember keine Spiele besuchen, um Reiseaktivitäten vorzubeugen. Mit personalisierten Tickets sollen mögliche Infektionsketten nachvollziehbar bleiben. „Es hätte aber auch eine verheerende Signalwirkung an die Öffentlichkeit. Sowohl was Kapazitäten im Medizinischen betrifft als auch gegenüber kulturellen Veranstaltungen“, sagte Söder. „Ich kann mir vielleicht im Laufe der Saison, aber nicht zum Bundesligastart volle Stadien vorstellen.“

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DFL-Chef Seifert
Keine Gästefans, keine Stehplätze, kein Alkohol
Video: Reuters, Bild: dpa

Eine am Montag vielfach gezogene Schlussfolgerung nach Söders Äußerungen, dass die Chance auf einen Ligastart mit Fans nun auf ein Minimum gesunken sei, geben seine Aussagen allerdings nicht her. Der CSU-Politiker bezieht sich in seinen Einschätzungen entweder auf ausverkaufte Stadien oder auf Kapazitäten, die deutlich über der Zahl von 10.000 Zuschauern liegen, die DFL-Geschäftsführer Christian Seifert schon als zu hoch für den Ligastart im September eingestuft hatte.

Es handelt sich also eher um ein Verwirrspiel Söders. Entscheidend für Spiele mit Fans, so die Einschätzung und Hoffnung aus dem Profifußball, dürfte vor allem die Entwicklung der Infektionszahlen in den kommenden Wochen bis zur Söder nun angeregten Ministerpräsidentenrunde sein. Sollten Zuschauer allerdings definitiv bis zum 31. Oktober nicht zugelassen werden, wie es die Gesundheitsminister empfehlen, würden die ersten sechs Spieltage weiterhin als Geisterspiele stattfinden.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
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