Bayerns 6:0-Meistergala

„Campeones, Campeones!“

Von Christopher Meltzer, München
08.05.2021
, 21:30
Die Münchner werden schon vor dem eigenen Spiel Meister. Beim 6:0-Sieg über Gladbach glänzt der FC Bayern. Und Robert Lewandowski fehlt nur noch ein Tor bis zum legendären Rekord von Gerd Müller.

Am frühen Samstagabend, die Sonne schien noch in die Münchner Fußballarena, standen zwei Männer in Jogginganzügen auf dem Rasen und starrten auf ein Handy. Der schmächtige Jamal Musiala schaute dem nicht so schmächtigen Jérôme Boateng über die Schulter. Sie sahen sich, das fingen die Fernsehkameras ein, im Livestream an, wie etwa 600 Kilometer entfernt, im Stadion in Dortmund, die finalen Minuten und Sekunden des Bundesligaspiels zwischen dem BVB und Leipzig, ihrem letzten Verfolger, heruntertickten.

Bundesliga

Und weil die Dortmunder den 3:2-Vorsprung verteidigten, hatten Musiala, Boateng und die anderen Spieler des FC Bayern ihr großes Tagesziel schon erreicht. Sie waren deutscher Fußballmeister. Ohne den Ball selbst berührt zu haben.

Es dauerte dann noch einige Minuten, bis sich Musiala und Boateng, der Mittelfeld- und der Abwehrspieler, diesen Titel im 18.30-Uhr-Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach mit dem Ball verdienen durften. Sie halfen fleißig mit, dass München sechs Tore und Mönchengladbach keines schossen.

Vor allem aber konnten sie aber aus der ersten Reihe miterleben, wie Robert Lewandowski, ihr Mitspieler und Hauptdarsteller dieses 6:0-Sieges, einem Bundesliga-Rekord sehr nahe kam, der bis vor wenigen Monaten noch als unerreichbar galt. Der Pole machte das erste, das dritte und das fünfte Tor (dazu trafen Thomas Müller, Kingsley Coman und Leroy Sané). Er hat in dieser Saison nun schon 39 Tore gesammelt. Zur legendären Bestmarke von Gerd Müller fehlt nur noch: ein einziges Tor.

„Ein Raunen in der Kabine“

Für dieses hat er noch 180 Spielminuten Zeit, weshalb er am Samstag mit seinen Mitspielern entspannt den Erfolg der Mannschaft feiern konnte. Sie zogen sich nach dem Abpfiff die Meistershirts über, standen Arm in Arm im Mittelkreis, hüpften und brüllten dabei: „Campeones, Campeones!“ Danach sagte Manuel Neuer, der Torhüter und Kapitän, im „Sky“-Interview: „Wir wollten zeigen, wer der wahre deutscher Meister ist.“

Als ob es daran Zweifel gegeben hätte. Es war neunte Meisterschaft des FC Bayern hintereinander und die einunddreißigste überhaupt. Und eine, die durch die Ereignisse in Dortmund eine besonderes Fußnote bekam. Als die Münchner zusammenkamen, „ging ein Raunen durch die Kabine“, sagte Thomas Müller.

Sein Trainer, Hansi Flick, berichtete: „Natürlich hat sich jeder ein bisschen gefreut.“ Es ist in der Geschichte der Bundesliga immer mal wieder vorgekommen, dass die Spieler des FC Bayern auf dem Sofa Meister geworden sind. Aber während der Platzbegehung und in den Katakomben? Man könnte vielleicht sagen: Immerhin in dieser Hinsicht gab es ein bisschen Abwechslung.

Es ist nun nämlich schon neun Jahre her, seit man in einem deutschen Fußballstadion zusehen konnte, wie sich Spieler über die Meisterschaft freuten, auf deren Trikot nicht das Logo des FC Bayern gedruckt ist. Im Frühsommer 2012 war das. Damals sah man Jürgen Klopp und seine Dortmunder jubeln.

Danach beschränkte sich die Spannung an der Spitze meistens darauf, an welchem Spieltag die Bayern feiern durften. Unter dem Trainer Pep Guardiola waren sie sehr früh dran, unter dem Trainer Niko Kovac sehr spät. In den fast anderthalb Jahren unter Hansi Flick haben sie ihr Monopol gefestigt, auch wenn sie in dieser Saison nicht ohne Fehler spielten.

Das kann man an den Gegentoren sehen: Sie haben schon 40 zugelassen. Das sind zwölf mehr als Leipzig, acht mehr als Wolfsburg und sogar fünf mehr als Leverkusen. Und so war es nicht zumindest nicht ganz unpassend, wie der Wettstreit um den Titel endete: Die Bayern sind nicht Meister geworden, weil sie gewonnen, sondern weil die Leipziger verloren haben.

Am Samstagabend konnten sie dann aber nochmal zeigen, warum sie sich diesen Titel unabhängig von den Schwächen der Konkurrenz verdient haben. Sie führten die Mannschaft aus Mönchengladbach, die sich vor ein paar Monaten immerhin für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert hat, von den ersten Minute an vor.

Es dauerte nur 113 Sekunden, bis Lewandowski das 1:0 schoss. Sein zweiter Treffer war dann das schönste: ein Seitfallzieher ins kurze Eck. Es war ein Tor, das Gladbach sicher hätte verhindern können. Es war vor allem aber auch ein Tor der Überlegenheit.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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