Fußball-Bundesliga

Die Lage beim FC Bayern verschärft sich

Von Christopher Meltzer, München
10.04.2021
, 17:35
Schon vor der Partie gegen Union Berlin ist Münchens Trainer Hansi Flick gereizt. Dann verspielt der FC Bayern wichtige Punkte. Der Vorsprung in der Tabelle schmilzt.

Am Anfang ein schnelles Ratespiel: Für welchen Fußballverein spielen Dimitri Oberlin, Christopher Scott, Josip Stanisic und Remy Vita? Für den FC Bayern oder für Union Berlin? Man muss sich nicht schämen, wenn man wirklich raten muss – und sich dann für die risikoarme Antwort entscheidet: für Union. Allerdings, man kann es sich nun schon denken, stimmt das nicht. An diesem Samstag musste Hansi Flick, der Trainer in München, seinen Bundesliga-Kader in der entscheidenden Phase der Saison teilweise mit Spielern besetzen, die man auf das Basis des Bekanntheitsgrads wohl eher Union zuordnen würden.

Bundesliga

Am 28. Spieltag hat Flick den Talenten Oberlin, Scott und Vita für das Heimspiel gegen Union Berlin einen Platz im Kader gegeben – und Stanisic, 21 Jahre alt, sogar einen in der Startelf. Der spielte hinten links in der Abwehr und machte das, was man erwarten durfte. Er verteidigte solide, passte den Ball, wenn er zu ihm kam, meistens flott weiter und rannte auch hin und wieder mit nach vorne.

In den zwei entscheidenden Szenen des Spiels war er einmal weit weg und einmal nah dran: Weit weg, als Jamal Musiala, der 18 Jahre alt, aber längst kein Neuling mehr ist, im Fünfmeterraum einen Verteidiger ausdribbelte und den Ball ins Tor schoss (68. Minute). Und nah dran, als Marcus Ingvartsen, sein Gegenspieler, den Ball ebenfalls aus fünf Metern ins Tor schob, nachdem die Bayern-Abwehr sich auf der rechten Seite von einem Einwurf hatte überrumpeln lassen (85.). So spielten die Bayern mit einigen Ersatzspielern nur 1:1 gegen Union – in einem Spiel, das allerdings nur ein Zwischenstopp war vor dem wichtigsten Match der Saison: am Dienstagabend in Paris.

Von Pech verfolgt

Im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League werden die Neuen keine Rolle spielen, aber es lohnt sich dennoch, sie davor zu erwähnen. Als Aushilfen in der ersten Mannschaft stehen sie nämlich nicht nur für das Gesundheits- und Verletzungspech, das die Bayern momentan verfolgt. Sechs Spieler, die man zu den Stammkräften zählen kann, fehlten am Samstag: Niklas Süle, Lucas Hernández, Leon Goretzka, Corentin Tolisso, Serge Gnabry und Robert Lewandowski. Zudem musste Kingsley Coman in der ersten Hälfte behandelt werden, er blieb zur Halbzeitpause in der Kabine. Trainer Flick erklärte aber später: „Bei Kingsley war klar, dass er nur 45 Minuten spielt.“

Die Aushilfen stehen auch für eine Frage, um die in München schon länger eine große Diskussion ausgebrochen ist: Wie gut und tief ist der Kader des FC Bayern eigentlich? Am Freitag hat Flick dazu einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Wir hatten im letzten Jahr eine Mannschaft, die – und das weiß jeder, und da wird mir jeder zustimmen – qualitativ besser war als die Mannschaft dieses Jahr.“ Und obwohl er keinen Namen nannte, durfte man das so verstehen, dass Hasan Salihamidžić, der Sportvorstand, wohl nicht den Kader zusammengestellt hat, den Flick zusammengestellt hätte.

In dem Kompetenzkonflikt zwischen Flick, der an diesem Samstag wie angekündigt alle vereinspolitischen Fragen mit dem Kommentar „Nächste Frage!“ ablehnte, und seinen Vorgesetzten geht es vor allem auch um das Mitspracherecht des Trainers in Transferentscheidungen. An diesem Samstag stellte Flick dann noch einen anderen Spieler auf, an dem sich das erzählen lässt: Tiago Dantas, 20 Jahre alt, aus Portugal. Ein Mittelfeldspieler, der wunderbar mit dem Ball umgehen kann, aber es aufgrund von Größe (1,68 Meter) und Gewicht schwer hat.

Dantas wechselte im vergangenen Herbst als Leihspieler von Benfica Lissabon zum FC Bayern – auf Wunsch von Flick. Der nannte Dantas mal „ein Projekt von meiner Seite, das ich angehen wollte“. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass Dantas trotz Flicks Unterstützung in München bleiben darf.

Nun leitete Dantas die erste gute Gelegenheit der Bayern ein. In der 17. Minute passte er den Ball flach in den Strafraum, aber der Berliner Torhüter Andreas Luthe war schneller am Ball als der Münchner Stürmer Eric-Maxim Choupo-Moting. Manuel Neuer musste in der ersten Halbzeit ebenfalls nur einmal ernsthaft ein- und zugreifen: als Marius Bülter aus fünf Metern frei zum Kopfball kam (23.). Neuer sagte später zur Partie: „Das ist natürlich sehr ärgerlich. Wir haben über weite Strecken mit der Mannschaft ein gutes Spiel gemacht. Wir hätten den Sieg verdient gehabt. Das ist bitter. Und zum Coach: „Ich denke, dass Hansi Flick der richtige Trainer für uns ist.“

Es durfte derweil nicht verwundern, dass die Elf der Bayern (Alaba, Pavard und Sané wurden zunächst ebenfalls geschont), die so noch nie zusammen gespielt hat und wohl auch nicht mehr zusammen spielen wird, nicht gut spielte. Und weil in der zweiten Halbzeit dem Tor von Musiala das Gegentor von Ingvartsen folgte, verfehlte sie auch ihr Tagesziel. Der Sieben-Punkte-Vorsprung auf Leipzig ist nun ein Fünf-Punkte-Vorsprung.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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