Wilde Schlussphase in München

Diesmal hat der FC Bayern in der Nachspielzeit Glück

Von Christopher Meltzer, München
17.01.2021
, 17:28
Die Münchner gewinnen in der Bundesliga knapp. Nach dem Schlamassel im DFB-Pokal ist das Heimspiel aber keine souveräne Angelegenheit. Freiburg hat kurz vor Schluss die große Chance zum Ausgleich.

Als Christian Streich sich unter der Woche das Pokalspiel des FC Bayern angeschaut hat, überkam ihn ein ungutes Gefühl. Das lag nicht an dem Fußball, den er sah, sondern an einem Interview, das Thomas Müller danach gegeben hat. Der kündigte an, so erzählte es Streich später, dass seine Mannschaft die nächsten Spiele gewinnen werde. Und der Trainer Streich, der sich mit dem SC Freiburg da schon auf das Auswärtsspiel in München vorbereitete, sagte nur: „Dann weißt du, was los ist. Die sind besessen vom Gewinnen.“

Bundesliga

Am Sonntagnachmittag hat Müller dann persönlich daran erinnert, dass er nicht nur vom Gewinnen besessen ist, sondern das auch selbst erledigen kann. Beim 2:1-Sieg seiner Bayern bereitete er das 1:0 von Robert Lewandwoski (7.) vor und machte das spielentscheidende 2:1 (74.) selbst. Zwischenzeitlich hatte der gerade eingewechselte Nils Petersen zum 1:1 getroffen (62.) – und auch daran erinnert, dass die Bayern im Moment auch dann in Schwierigkeiten geraten, wenn sie ein Spiel bestimmen. In der 90. Minute traf Petersen noch die Latte. Dann war das Zittern für die Bayern vorbei.

„Wir sind enttäuscht. Schade, dass wir nichts mitnehmen konnten“, meinte später der Freiburger Nicolas Höfler. Und Münchens Jerome Boateng sagte: „Wir wissen selbst, dass wir mit die meisten Spiele gemacht haben, dass das nicht einfach ist. Aber man hat heute auch gesehen, dass es trotzdem geht, Spiele zu gewinnen. Wir müssen auch nicht immer glänzen. Wir wollen Spiele gewinnen, und dafür sind wir hier.“

Es war am Sonntag nur vier Tage her, seit die Münchner, die Triple-Gewinner, im dicken Schnee von Kiel aus dem DFB-Pokal ausgeschieden sind, weshalb Hansi Flick, der Triple-Trainer, im dünnen Schnee von München seine vermutlich favorisierte Elf aufs Feld schickte. Er stellte seinen Abwehrchef David Alaba und seinen Mittelstürmer Robert Lewandowski, beide in Kiel nur eingewechselt, von Anfang an auf. An der Seite von Alaba verteidigte Jerome Boateng, nicht Niklas Süle. Die Außenstürmer Kingsley Coman und Serge Gnabry flankierten Lewandowski. Keine Experimente. Solche sollte man gegen die Freiburger in diesen Tagen ohnehin nicht wagen, denn die hatten fünf Bundesligaspiele in Serie gewonnen.

Das haben die Bayern in dieser Saison auch schon geschafft: vom dritten bis zum siebten Spieltag. Jetzt, am 16. Spieltag, sah es wieder ein bisschen so aus wie damals, als manche ihnen schon zur Meisterschaft gratuliert haben. In der Münchner Arena fingen sie mit einem kleinen Kunststück an: Auf der rechten Seite passte Gnabry in die Mitte zu Müller, der vom Strafraum weglief, den Ball ohne Hinzusehen und mit einem Kontakt aber in den Strafraum weiterleitete, wo Lewandowski im richtigen Moment losrannte und ihn, ebenfalls one-touch, flach am Torwart Florian Müller vorbeischoss (7. Minute). Ein fabelhaftes Tor – und das 21. in der Liga von Lewandowski.

Es hätten noch mehr Treffer fallen können. Zweimal scheiterte Gnabry: Einmal am Außennetz (16.), einmal an Müllers Fäusten (25.). Und als der auffällige Gnabry in der 28. Minute wohl wegen Problemen am rechten Oberschenkel ausgewechselt werden musste, dauerte es nur zwei Minuten, bis Leroy Sané, sein Ersatzmann, knapp am Pfosten vorbeizielte.

Den Trick, mit dem sogar ein Zweitligaverein die Bayern überrumpelt hatte, sah man am Sonntag nicht. Die Freiburger, die schon in der dritten Minute ihren Mittelfeldstrategen Baptiste Santamaria ersetzen mussten, kamen nicht in die Situationen, in denen sie Steilpässe in die Tiefe des Feld und hinter die Bayern-Abwehr hätten spielen können. Flick feuerte seine Verteidiger immer wieder an. Als Benjamin Pavard, vom Trainer neulich noch öffentlich kritisiert, in der 56. Minute einen Ball abfing, freute sich Flick besonders. Er schrie: „Super, Junge!“

Es lief gut für Flick, nur das zweite Tor fehlte. In der 59. Minute wäre es fast gefallen, aber Lewandowskis Schuss knallte an die Latte, und Goretzkas Nachschuss lenkte Florian Müller um den Pfosten. Und so erwischte es die Bayern, die das Spiel bestimmten, in der 62. Minute: Mit seinem ersten Ballkontakt köpfte der eingewechselte Nils Petersen das 1:1. Der Eckball, der dem Tor vorausging, hätte nicht sein müssen, doch Alphonso Davies klärte unabsichtlich, aber auch unbedrängt ins Aus. Das ging aber nochmal gut. Weil Müller nach Ablage von Sané aus etwas mehr als zehn Metern ins Tor traf (74.). Und weil Petersen auf der anderen Seite aus ähnlicher Position nur gegen die Latte schoss (90.). „Das ärgert mich brutal. Ich verlange dann schon von mir, den dann auch noch zu machen“, sagte der Stürmer nach dem Schlusspfiff. Und: „Das tut mir leid.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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