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1:2 gegen Leverkusen

Ein erster Makel für Flicks Bayern

Von Christian Eichler, München
Aktualisiert am 30.11.2019
 - 21:20
Augen zu und durch: der FC Bayern und Serge Gnabry gegen Leverkusen
Der jüngst gewonnene Schwung der Münchner unter dem Interimstrainer erhält seine erste Bremsspur. Die Bayern vergeben große Chancen, haben einiges Pech – und verlieren gegen am Ende dezimierte Leverkusener.

„Ich kann nichts falsch machen“, hatte Hansi Flick vor dem Spiel zu seinem Trainerjob bei den Bayern erklärt, „weil jeder brennt, seine Qualitäten zu zeigen“. Diese Qualitäten reichten am Samstag nicht, um Bayer Leverkusen zu schlagen. Mit der 1:2-Niederlage hat Flicks Zeit als Interims-Chef ihren ersten Makel und der jüngst gewonnene Schwung des Meisters seine erste Bremsspur erhalten. Thomas Müllers erster Treffer seit 1359 Bundesligaminuten (33. Minuten) reichte nicht, weil Leon Bailey zweimal Torwart Manuel Neuer überwand (10./35.). „In der ersten Halbzeit haben wir zweimal nicht gut aufgepasst“, sagte Flick.

Bundesliga

„Ich kann der Mannschaft vom Willen und Engagement aber keinen Vorwurf machen. Wir waren zu fahrlässig mit den Torchancen.“ Nach einer Roten Karte für Jonathan Tah musste Leverkusen die letzten neun Minuten plus sechs Minuten Nachspielzeit in Unterzahl überstehen. Vor dem Anpfiff gab es für Uli Hoeneß beim ersten Arena-Besuch nach Ende seiner Zeit als Präsident einen Blumenstrauß, einen Gamsbarthut und eine eigene Uli-Hoeneß-Lounge.

Nach Anpfiff gab es keine Geschenke mehr. Von Beginn an wurde die Partie der Erwartung gerecht, dass hier die beiden torschussfreudigsten Teams der Liga aufeinandertrafen. Nach neun Minuten der erste Knalleffekt, als David Alaba, abermals als Innenverteidiger aufgeboten, während Jerome Boateng auf der Bank saß, einen präzisen flachen Steilpass über vierzig Meter in den Lauf von Serge Gnabry spielte. Frei vor Torwart Lukas Hradecky setzte der aktuell treffsicherste deutsche Nationalspieler den Ball aus halblinker Position an den linken Pfosten. Im Gegenzug ging es genauso schnell und geradlinig zum Tor, mit präziserem Abschluss. Nach Ballverlust von Linksverteidiger Alphonso Davies schickte Kevin Volland Bailey Richtung Tor, der Jamaikaner war nicht einzuholen und traf mit einem so präzisen wie scharfen Flachschuss zur Bayer-Führung – und zum ersten Gegentor für die Bayern unter Flick.

Der Ausgleich schien unvermeidlich, als Joshua Kimmich nach 19 Minuten Gnabry freispielte, der den Ball vor Hradecky quer auf Müller legte. Doch wenige Meter vor dem verwaisten Tor konnte Wendell im letzten Moment vor Müller retten. Der schmerzliche Rettungseinsatz brachte dem Leverkusener eine längere Behandlungspause ein. Auf der Gegenseite entwischte der flinke Diaby den schnellsten Bayern-Verteidigern Davies und Alaba und ließ einen tückischen Schuss los, den Neuer mit einer Hand so gerade erreichen konnte. Gnabry vergab für die Bayern seine zweite Großchance, als er aus 14 Metern wuchtig drüber schoss. Dann aber doch der Ausgleich und zugleich das Ende der längsten Torlos-Phase in der Bundesliga-Karriere von Thomas Müller. Abgefälscht von Lars Benders Schienbein, flog sein Schuss über die Finger von Hradecky.

Doch umgehend schlug Leverkusen zurück. Ein Abwehrschlag aus dem Bayer-Strafraum landete im Mittelkreis bei Bailey, der mit Volland eine so flotte Eins-zwei-Kombination improvisierte, dass Bayern-Verteidiger Javi Martinez nur noch die Hacken des schnellen Stürmers sah. Der Abschluss war wie eine gespiegelte Kopie des ersten Tores. Scharf flach mit links ins rechte Eck brachte Bailey Bayer abermals in Führung. „Die zweite Halbzeit hatten wir natürlich Glück“, meinte Leverkusens Volland: „Wir haben alles gegeben, das hat man gesehen.“ Dass man bei den Bayern zudem ein bisschen Glück braucht, wüssten sie auch.

Die Führung Leverkusens schien passé, als in der Nachspielzeit Gnabry plötzlich frei aufs Tor zulaufen konnte, flankiert von Perisic und Müller, mit drei Optionen für ein nahezu sicheres Tor. Doch vor dem Torwart zögerte er, entschied sich für den Pass auf Perisic, doch der Ball kam eine Spur zu spät und zu langsam, und so wurde dem Kroaten vor dem leeren Tor der Ball durch den von hinten heranspurtenden Bender mit einer heroischen Grätsche noch weggespitzelt. Fassungslosigkeit bei den Bayern, während die Leverkusener ihren Kapitän wie einen Torschützen feierten.

Zehn Minuten nach der Pause konnten sie dann um ein Haar wirklich einen Torschützen feiern, doch mit starker Parade rettete Neuer gegen Nadiem Amiri. Die Leverkusener konnten es verschmerzen, denn den Chancenwucher, den sie mit 26 vergeblichen Torschüssen beim 1:1 eine Woche zuvor gegen Freiburg zu beklagen hatten, hatten nun die Bayern. Lewandowski zielte links daneben, Perisic verzog volley aus kurzer Entfernung, Müllers Flanke landete an der Latte, und Hradecky rettete binnen zwei Sekunden gegen Lewandowski und Müller. Nach 77 Minuten setzte Leon Goretzka einen Kopfball gegen den Pfosten.

Und selbst in Überzahl, nachdem Tah für eine Notbremse gegen Philippe Coutinho die Rote Karte erhalten hatte, konnte der Meister seine Ladehemmung nicht ablegen. In der Nachspielzeit traf Lewandowski die Unterkatte der Latte, ehe Sven Bender mit einer Rettungstat auf der Linie den Leverkusener Sieg ins Ziel brachte. „Es hat auf jeden Fall nicht viel gefehlt, es war mehr drin für uns“, sagte Bayern-Keeper Neuer. Leverkusen sei griffig gewesen und habe sie früh unter Druck gesetzt. „Die Tore müssen wir machen, das hat gefehlt.“

Quelle: FAZ.NET
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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