Rummenigge kontert Vorwürfe

„Wir sind überhaupt nicht arrogant“

21.02.2021
, 10:50
Karl-Heinz Rummenigge sorgte für viel Trubel. Nun wehrt sich der Chef des FC Bayern gegen Kritik an einer Fußball-Sonderrolle, an seinen Aussagen zum Impfen von Profis und der Partnerschaft mit Qatar.

Karl-Heinz Rummenigge hat Vorwürfe, der Fußball beanspruche in der Corona-Pandemie eine Sonderrolle, zurückgewiesen. „Wir sind überhaupt nicht arrogant, wir verlangen überhaupt keine Sonderrolle“, sagte der Vorstandschef des FC Bayern München am Samstag im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF. „Der Fußball hat nach wie vor Demut.“ Aber auch der Profi-Fußball, der seinen Spielbetrieb derzeit ohne Zuschauer fortsetzen darf, sei von der Pandemie betroffen. „Wir sind alle in unserem Land angespannt“, sagte Rummenigge. „Es ist nicht so einfach, auch für den Fußball.“

Bundesliga

Seine Aussagen zum Impfen seien in Teilen missverstanden worden. „Wir wollen uns in keinster Weise vordrängeln“, sagte Rummenigge zu der Debatte über eine mögliche Bevorzugung von Profisportlern beim Impfen, die nach seinen Aussagen entstanden war. Rummenigge hatte bei Sport1 angeregt, dass Fußball-Profis als Impfvorbilder in der Bevölkerung dienen könnten. Diese gelte selbstverständlich nur dann, „wenn es genügend Impfstoff gibt“, sagte Rummenigge nun. „Dann wäre es am Fußball, ein Vorbild zu sein – und dann eben seine Spieler impfen zu lassen, um den Bürgern zu zeigen, dass Impfen keine Schädigung mit sich bringt.“

Die Reisen der Klubs im Europapokal verteidigte Rummenigge. „Man darf dem deutschen Fußball da keinen Vorwurf machen. Das sind keine Entscheidungen der Klubs, das ist eine Entscheidung der Uefa“, sagte er mit Blick auf die Europäische Fußball-Union. „Die Alternative wäre, nicht mehr an der Champions League teilzunehmen.“ Zuletzt hatte RB Leipzig wegen Reisebeschränkungen sein Achtelfinale gegen den FC Liverpool in Budapest bestritten. Dies sei „diskussionswürdig, weil man den Eindruck bekommt, der Fußball hat eine Sonderrolle“.

Rummenigge fordert Geduld mit Qatar

Rummenigge warnte in Corona-Zeiten vor einer für ihn gefährlichen Tendenz in Bezug auf den Fußball. „Ich glaube, wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir im Moment aus der Fußballdebatte keine Neiddebatte machen“, sagte Rummenigge. Man habe Spieler mit „wahnsinnig hohen Gehältern“, so der Boss des Klub-Weltmeisters, „mir wird es ein bisschen zu sehr in die Richtung interpretiert, die sind privilegiert, die dürfen spielen, die Spieler verdienen unglaublich hohe Gehälter.“

Natürlich sei man sind privilegiert, weil man spiele könne. „Das ist ein Privileg“, räumte Rummenigge ein, der seinen Posten bei den Bayern Ende des Jahres an Oliver Kahn weitergeben wird, „aber ich glaube trotzdem, dass es nicht schädlich ist, dass der Fußball weiter spielen darf. Das ist gut.“ Viele Millionen Menschen würden sich mit dem Thema Fußball befassen, seien emotional involviert. An eine Veränderung des Fanverhaltens nach der Corona-Krise glaubt Rummenigge derzeit nicht, sicher ist er sich aber auch nicht: „Das wird man sehen, wenn wieder Zuschauer ins Stadion kommen können.“

Nach anhaltender Kritik an der Partnerschaft des FC Bayern mit Qatar forderte Rummenigge die „notwendige Geduld“ mit dem Land ein. Bei den Menschen- und Arbeitsrechten sei Qatar „schon ein ganzes Stück nach vorn gekommen“, sagte er. Den Forderungen, der FC Bayern müsse sich gegenüber dem WM-Ausrichter von 2022 stärker positionieren und deutlichere Zeichen setzen, entgegnete Rummenigge: „Wir beim FC Bayern sind der Meinung, dass man in einem Dialog viel mehr erreicht als in einer permanent kritischen Haltung.“

Die Münchner werden von der Fluglinie Qatar Airways unterstützt und nutzten Qatar mehrfach für ihr Winter-Trainingslager. Die Frauenfußballerinnen der Bayern waren zuletzt ebenfalls in Qatar. Auch aus der Münchner Fanszene gab es in der Vergangenheit immer wieder Kritik an der Partnerschaft. Zuletzt hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Umgang des Klubs mit unbequemen Mitgliedern berichtet. Lesen Sie den ausführlichen Text bei F+.

Rummenigge verwies darauf, dass sich das noch junge Land entwickelt habe. Der Fußball leiste einen „großen Beitrag zur Verbesserung der Situation“. Der FC Bayern oder der Fußball allein könnten aber keine umfassenden Veränderungen bewirken. „Wir können nicht die ganze Welt verbessern“, sagte Rummenigge.

Nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat sich die Lage ausländischer Arbeiter in Qatar zuletzt verbessert, das Land setze seine Reformen aber nur unzureichend um. Zudem werden demnach einheimische Arbeitgeber bei Verstößen häufig nicht zur Rechenschaft gezogen. Dadurch sind laut Amnesty Tausende Arbeiter weiter der Gnade skrupelloser Arbeitgeber ausgesetzt, deren Missbräuche straflos blieben.

Nach Ansicht von Rummenigge hängt die jüngste Schwächephase des FC Bayern in der Bundesliga auch mit der hohen Belastung zusammen. „Die ganze Saison ist anstrengend, wir spielen jeden dritten Tag, die Spieler sind natürlich beansprucht“, sagte er. Der deutsche Fußball-Meister hatte nach dem Sieg bei der Klub-WM aus zwei Partien in der Bundesliga nur einen Punkt geholt, bleibt aber Tabellenführer. Ein Problem der Münchner in dieser Saison sieht Rummenigge darin, „dass wir manchmal zu inkonsequent sind, wir ersparen uns manchmal den letzten Meter.“ Dies führe dann häufig zu Rückständen. „Dann wird es natürlich anspruchsvoll“, erklärte der Vorstandschef.

„Schalker Abstieg wäre ein Drama“

Mit Blick auf die Bundesliga leidet Rummenigge mit dem Tabellenletzten FC Schalke 04, für den ein Abstieg nach dem 0:4 im Revierderby gegen Borussia Dortmund näher rückt. „Es wird natürlich immer schwieriger. Ich muss ehrlich sagen, ich habe ein bisschen Mitleid mit den Schalkern“, sagte Rummenigge, der aus Lippstadt stammt. „Ein Abstieg wäre für den Klub und die Region ein Drama.“

Die Kritik an Trainer Marco Rose von Borussia Mönchengladbach wegen dessen Entscheidung für einen Wechsel zum BVB kann Rummenigge indes nicht nachvollziehen. „Wir müssen manchmal ein bisschen unaufgeregter mit diesen Sachen umgehen“, forderte der Bayern-Chef. „Es ist Teil unseres Geschäfts, dass Spieler oder Trainer den Klub wechseln.“

Zukunft von Niklas Süle ungewiss

Rummenigge stellte zudem den längerfristigen Verbleib von Nationalspieler Niklas Süle infrage. „Wenn wir eine Lösung finden, sind wir grundsätzlich gern bereit, den Vertrag zu verlängern, aber das wird nur zu gewissen Konditionen möglich sein“, sagte er. Süles Kontrakt bei den Bayern läuft nach dem 30. Juni 2022 aus. „Es werden jetzt Gespräche geführt, dann werden wir sehen, zu welchem Ergebnis die führen“, sagte Rummenigge.

Grundsätzlich sei es das Ziel der Münchner, die guten deutschen Nationalspieler an sich zu binden. Der Klub müsse aber auch auf die knapperen Finanzen in der Corona-Krise achten. „Wir werden uns das bis zum Sommer seriös und in Ruhe anschauen“, sagte Rummenigge. Er könne die Ergebnisse der Verhandlungen mit Süle nicht vorhersehen.

Der 25 Jahre alte Innenverteidiger war im Sommer 2017 von der TSG 1899 Hoffenheim zu den Bayern gewechselt. In dieser Saison ist er unter Trainer Hansi Flick nicht mehr erste Wahl. Als Ersatz für den am Ende der Spielzeit scheidenden Abwehrchef David Alaba (28) haben die Münchner bereits Dayot Upamecano (22) von RB Leipzig verpflichtet.

Kein Vorbild beim Maskentragen

Rummenigge sei in Sachen Maskenpflicht kein Vorbild, meint derweil die Münchner Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek. Rummenigge gefährde zwar nicht direkt andere, wenn er seine Maske unter der Nase trage, sagte sie dem Deutschlandfunk, aber: „Ich würde vorschlagen, dass man nochmal mit ihm von Seiten des Hygiene-Verantwortlichen spricht. Es ist jedenfalls kein gutes Beispiel.“

Zurek wies zugleich den Vorwurf zurück, es gebe durch die Behörden eine Sonderbehandlung des Fußballs. „Wir sind da wirklich sehr strikt. Bei uns gibt es keinerlei Ausnahmen, egal ob jemand in einer Profiliga spielt oder ob es sich um einen Kontakt handelt, der in einem normalen Büro oder in der Familie stattfindet“, betonte sie. Wenn beim FC Bayern ein Profi positiv auf Corona getestet würde, würde wie in allen anderen Fällen analysiert, ob die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts erfüllt wurden. Wenn dies nicht der Fall sei, müssten auch andere Spieler in Quarantäne. Dies sei bei den jüngsten Münchner Fällen „offensichtlich nicht“ so gewesen.

Quelle: tora./dpa
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