Magath rettet Hertha BSC

„Er ist ein sensationeller Trainer“

Von Frank Heike, Hamburg
24.05.2022
, 08:53
Führte Hertha BSC zum Klassenverbleib in der Bundesliga: Felix Magath
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Felix Magath hat es wieder einmal geschafft: Auf den letzten Drücker verhindert er in der Relegation doch noch den drohenden Abstieg von Hertha BSC. Direkt im Anschluss äußert er sich zu seiner eigenen Zukunft.
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Als nach dem Abpfiff die Polizei in einer langen Kette aufmarschierte und erst die Ecke mit den Hertha-Fans, dann die Nordtribüne abriegelte, wo die Anhängerinnen und Anhänger des Hamburger SV stehen, bekam die Szenerie etwas Unheilvolles. Doch die befürchteten Platzstürme beider Seiten blieben aus.

Bedenkt man, was grundsätzlich beim dramatischen Format „Relegation“ auf dem Spiel steht und zieht man den aus Hamburger Sicht so enttäuschenden Verlauf dieses zweiten Aufeinandertreffens in Betracht, war es erfreulich, dass einerseits die 5000 glücklichen und sehr lauten Fans aus Berlin ihre Mannschaft feierten, andererseits auch der Hamburger Anhang lediglich geräuschvoll „danke“ sagte für Einsatz bis zur letzten Minute.

Bundesliga

Nach allem, was man sah, war auch der Umgang beider Mannschaften miteinander an diesem warmen Montagabend von Respekt und Fairness geprägt; der Herthaner Lucas Tousart etwa tröstete jeden Menschen mit der HSV-Raute auf der Brust, der ihm nach dem Spiel in den Weg kam. Vielleicht war das aber auch nur die pure Erleichterung, dass seine Gelb-Rote Karte in der Nachspielzeit nicht mehr von Belang war.

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Teilweise zu zehnt überstand Hertha BSC folglich die sechs Minuten, die Schiedsrichter Deniz Aytekin als Zugabe spendierte, wehrte ziemlich problemlos einen hohen Ball nach dem nächsten ab und durfte dann einen 2:0-Sieg bejubeln, der ihnen den Verbleib in der ersten Bundesliga sicherte. „Wir haben heute als Mannschaft agiert und kaum Fehler gemacht“, sagte der Sportchef Fredi Bobic, „da war Leidenschaft drin. Ich bin stolz, wie wir es gelöst haben.“

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Magath vertraut auf Boateng und Ascacibar

Die Treffer von Dedryck Boyata mit dem Kopf nach einem Eckball Marvin Plattenhardts in der 4. Minute und Plattenhardt selbst mit einem geschlenzten Freistoß ins lange Eck (63.) bescherten der Hertha den benötigten Erfolg mit zwei Toren Vorsprung, nachdem sie das Hinspiel am Donnerstag 0:1 verloren hatte.

Nach dem fahrigen Vortrag vor vier Tagen hatte Trainer Felix Magath seine Elf irgendwie scharfbekommen. Als voll funktionsfähige Mannschaft traten die Berliner im mit 55.000 Zuschauern ausverkauften Volksparkstadion auf, was auch daran lag, dass Magath im Mittelfeld anders als am Donnerstag Kevin-Prince Boateng und Santiago Ascacibar aufbot. Der Routinier und der Argentinier verhalfen Hertha zu deutlich mehr Stabilität. Auch Stürmer Stevan Jovetic in der Startelf war eine gute Wahl.

© Youtube

Boateng, in Berlin aufgewachsen, berichtete später, Magath habe ihn gefragt, wer an seiner Seite spielen solle: „Wir haben zusammen die Aufstellung gemacht. Ich muss sagen, er ist ein sensationeller Trainer mit sehr viel Feingefühl. Er hat uns wieder Leben eingehaucht. Wir sind hergekommen und wussten, wir bleiben in der Liga.“ Magath verfolgte das Spiel bei „seinem“ HSV lange Zeit beinahe regungslos vor der Bank und sah, wie seine Schachzüge aufgingen. Er habe nicht gewusst, wie austrainiert Boateng sei, sagte er später, und ihn deshalb für das zweite Spiel „ausgespart“: „Denn das war unsere Finale.“

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Für den 68 Jahre alten Trainer und seine Assistenten Werner Leuthard und Marc Fotheringham endet der Retter-Job in der Hauptstadt nun nach getaner Arbeit. „Ich habe die schwierigste Aufgabe meiner Trainer-Karriere hinter mir“, sagte Magath, „ich werde jetzt wieder nach Hause gehen und Holz hacken.“ Er scheide mit „schwerem Herzen“, denn er habe mitgeholfen „dass wir den HSV in der nächsten Saison nicht in der ersten Liga sehen werden.“ Magath hat mehr als 300 Bundesligaspiele für die Hamburger bestritten.

Finanzchef geht, Präsident vor Rücktritt

Boateng verlangte schon Minuten nach dem Abpfiff, dass der Erfolg zur Grundlage einer besseren Zukunft werden müsse: „Wir als Hertha werden sehr einsichtig sein, Ruhe reinbringen und wieder eine Familie sein. Wir haben doch gesehen, was wir als Verein zusammen mit den Fans erreichen können.“ Am Sonntag steht die mit Spannung erwartete Mitgliederversammlung an. Dann geht es auch um den Verbleib des umstrittenen Präsidenten Werner Gegenbauer im Amt.

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Sicher ist bereits: Finanzchef Ingo Schiller verlässt nach dem Klassenverbleib den Berliner Bundesligaklub. Wie die Hertha mitteilte, wird der Vertrag mit dem 56-Jährigen zum 31. Oktober aufgelöst. Darauf hätten sich beide Seiten verständigt. Schiller bildet noch gemeinsam mit Fredi Bobic die Geschäftsführung.

Während sich die Hertha also auf vielen Positionen neu aufstellen wird und muss, soll es beim HSV trotz des Tiefschlags vom Montagabend mit dem handelnden Personal weitergehen. Vorstand Thomas Wüstefeld sagte: „Wir bleiben zusammen. Da ist etwas gewachsen zwischen Mannschaft, Fans und Umfeld.“ Mit prasselndem Applaus verabschiedeten die Fans auf der Nordtribüne Trainer Tim Walter und die Mannschaft in die Sommerferien.

In der nächsten Saison dann der nächste Versuch: HSV-Trainer Tim Walter (Mitte) mit seinem Team
In der nächsten Saison dann der nächste Versuch: HSV-Trainer Tim Walter (Mitte) mit seinem Team Bild: Reuters

Es war der vierte vergebliche Anlauf aufzusteigen, diesmal aber wähnte sich der HSV schon fast in der Bundesliga nach dem Hinspielsieg, scheiterte dann an Unerfahrenheit und mangelnder individueller Klasse. Herthas erste Elf kam mit rund 1200 Bundesligaspielen in den Beinen auf den Rasen, der HSV setzte dem 120 entgegen. „Wir haben nicht die Erfahrung der Hertha, und wenn man auf ihren Kader schaut, sieht man, dass sie ganz woanders hinwollten als in die Relegation“, sagte Sportchef Michael Mutzel. „Wir haben nicht alles falsch gemacht, auch wenn es nun nicht geklappt hat.“ Was die Kadertiefe betrifft, muss Mutzel indes nachbessern, denn von der Bank war die ganze Saison über nur wenig Hilfe zu erwarten.

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Unermüdlich vertrauten die Hamburger dem gepflegten Aufbauspiel gegen eine Hertha, die wie ein rustikaler Zweitliga-Vertreter daherkam und statt Ballpassagen lange Bälle schlug, beginnend bei Torwart Oliver Christensen. Doch zunehmend stieß dieses Spiel an seine Grenzen. Robert Glatzel und Bakery Jatta, Hamburger Torgaranten in der zweiten Liga, hatten keine guten Szenen, an Sonny Kittel lief die Partie komplett vorbei. Und natürlich hätte Torwart Daniel Heuer Fernandes den zweiten Treffer verhindern können.

Nach sechs Siegen hintereinander verlor der HSV am Montagabend verdient gegen eine bessere Mannschaft und spielt nun wieder gegen Sandhausen und Paderborn statt gegen Bayern und Dortmund. Das wird die nächsten Tage noch gehörig wehtun, wie Trainer Walter direkt einräumte: „Ich bin stolz auf die Jungs, aber auch total enttäuscht, weil wir alles gegeben haben, es aber nicht gereicht hat.“ Er soll nun zusammen mit Mutzel und Sportvorstand Jonas Boldt den nächsten Versuch unternehmen, das Unterhaus zu verlassen – den dann fünften des HSV.

Quelle: FAZ.NET
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