Abschied aus Frankfurt

Jetzt will Abraham nur noch Mensch sein

Von Peter Heß
19.01.2021
, 11:35
Nach mehr als fünfeinhalb Jahren verlässt David Abraham Frankfurt. Mit dem harten Innenverteidiger geht das liebenswerteste Rauhbein in der Geschichte der Eintracht. Beim emotionalen Abschied muss so manche Träne unterdrückt werden.

David Abraham ist ein Phänomen. Wie kann ein Fußballprofi so beliebt sein, obwohl er so vielen Berufsgenossen auf dem Spielfeld weh getan hat? Den gegnerischen Spielern, wenn es um Punkte und Trophäen ging, aber auch den Mitspielern, wenn es im Training in einem Übungsmatch galt, sich für die Startelf zu empfehlen. Siebenmal wurde der 34 Jahre alte argentinische Innenverteidiger in seiner Profikarriere des Feldes verwiesen, kein exorbitant hoher Wert. Aber oft wandelte er am Rande eines Rausschmisses entlang. Es mag sein unschuldiger Gesichtsausdruck gewesen sein, der ihn häufiger vor der letzten Konsequenz der Schiedsrichter bewahrt hat.

Bundesliga

Wer das Einzigartige an Abrahams Mienenspiel nachempfinden möchte, dem sei ein Abschiedsvideo empfohlen, das die Frankfurter Eintracht bei der Platform Youtube eingestellt hat. In dieser Aufnahme erläutert der harte Verteidiger, wieso er an diesem Montagabend nach fünfeinhalb Jahren beim hessischen Bundesligaklub den Flieger nach Buenos Aires bestiegen hat, womit seine Profikarriere nach 466 Pflichtspielen endete. Das Video entstand auf einem Spielplatz am Mainufer, den er mit seinem fünfjährigen Sohn Alfonso besuchte. Das Glück, das sich in seinen Augen spiegelte, als er seinen Sprössling beim Spielen betrachtete, während er von den Eintracht-Medien interviewt wurde, beschrieb einerseits seine Beweggründe für die Rückkehr in die Heimat zur Familie, andererseits rief es den Eindruck hervor: Hier ist ein Mensch mit einer reinen Seele.

Positive Grundeinstellung

In einer hochemotionalen Schlussszene am Sonntagabend im Frankfurter Stadion, Schalke war bei Abrahams letztem Einsatz 3:1 besiegt worden, wurde so manche Träne zerdrückt. Trainer Adi Hütter ließ am Anstoßpunkt einen Kreis bilden und bedankte sich bei seinem „Capitano“. Danach folgten zahllose öffentliche Würdigungen des Mannschaftskapitäns, der in 178 Spielen „seine Knochen für die Eintracht hingehalten hat“ (Hütter). Ob Trainer, Sportvorstand Bobic, Sportdirektor Hübner oder die Mitspieler Sow, Hasebe und Hinteregger – sie alle betonten in ganz ähnlichen Formulierungen: „Mehr noch als auf dem Spielfeld werden wir David neben dem Spielfeld und in der Kabine vermissen.“

Es war seine fröhliche, lebensbejahende Art, die seine Kollegen für ihn einnahm und sie mitriss. In ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Vorort Rosarios, Chabás, aufgewachsen, war Abraham an jedem Arbeitstag bewusst, dass er es als Fußballprofi auf die sonnige Seite des Lebens geschafft hatte. Diese positive Grundeinstellung paarte er mit einer hohen Empathie für seine Kollegen, einer beispielhaft professionellen Berufsauffassung und einem absoluten Siegeswillen. Abraham integrierte, (gerade die spanisch sprechenden Neuzugänge) und setzte für die Jungen Maßstäbe. Trainer Hütter erwähnte nach dem Schalke-Spiel: „Wie viele Stunden habe ich mit David verbracht, wenn wir in Phasen, in denen es nicht lief, uns untereinander berieten.“

„Um zu gewinnen, werde ich alles tun“

Auf dem Spielfeld interessierte ihn nur eins: der Sieg. In einem Interview mit dem „Kicker“ formulierte es Abraham so: „In einem Spiel geht es um alles, und ich bin ein temperamentvoller, emotionaler Spieler. Da ist mir der Gegner egal. Ob ich gegen meinen Bruder spiele oder gegen meine Mama: Um zu gewinnen, werde ich alles tun.“ Auch einen gegnerischen Trainer umschubsen, der ihm am Spielfeldrand im Weg steht, um für einen Einwurf möglichst schnell an den Ball zu kommen. In diesen letzten Sekunden des Bundesligaspiels der Eintracht beim SC Freiburg im November 2019 hätte die Karriere des David Abraham vorzeitig unrühmlich enden können.

Doch der Freiburger Trainer Christian Streich „rettete, was zu retten war“, wie er es selbst ausdrückte. Streich tat alles, um die Situation zu deeskalieren, nachdem er zu Boden gegangen war. Er nahm den Argentinier in den Arm, beruhigte seine Spieler und die anderen Freiburger Teammitglieder, so dass er mit einer Roten Karte und sieben Spielen Sperre davonkam. Und mit welchem Satz garnierte Sportrichter Hans Eberhard Lorenz sein Urteil? „Auch das Sportgericht hat den Eindruck bekommen, dass Sie ein netter Kerl sind, Herr Abraham.“

Nett ja, aber die ganze Schwere des Vergehens ist dem Argentinier nicht bewusst geworden. Er fand den Vorfall in den Medien aufgebauscht und betonte lieber die schlimmen Beschimpfungen bis hin zu Todesdrohungen, die ihn über die sozialen Medien erreicht hätten. Streich fand eine treffende Charakterisierung Abrahams: „Seine Emotionen sind seine Stärke, dieses Brennen. Aber es ist auch eine Schwäche, er muss eine Balance finden.“ Meist fand Abraham diese Balance auf dem Spielfeld, aber nicht immer. Wäre der Argentinier mental noch stabiler gewesen, er hätte eine noch größere Karriere hingelegt.

Er beherrschte alle Aspekte des Verteidigens und war mit einer Grundschnelligkeit gesegnet, um die ihn viele beneideten. Aber manchmal riss ihn eben seine Emotionalität aus dem Gleichgewicht, manchmal verunsicherte ihn ein Fehler über mehrere Spiele. Eine sportliche Bedeutung wie ein Bruno Pezzey oder ein Karl-Heinz Körbel hat er als Abwehrspieler für die Eintracht bei allen Verdiensten nicht erreicht. Dennoch: Am Ende war David Abraham stolz auf seine Laufbahn und durfte es auch sein – mit dem Pokalsieg der Eintracht 2018 als Höhepunkt.

Eigentlich wollte Abraham schon im Mai nach Argentinien zurück. „Wegen Corona habe ich Alfonso 2020 nur sechs Wochen gesehen.“ Er ließ sich aber von der Eintracht noch mal für ein weiteres halbes Jahr überreden, um seinen Nachfolger Tuta heranzuführen. Es war das letzte Zugeständnis an das Profitum, jetzt will Abraham nur noch Mensch sein.

Sein Programm: Ein bisschen für seinen Heimatverein Huracán de Chabás kicken, ansonsten sich um die Familie kümmern, mit Alfonso Zeit verbringen. Aber Frankfurt ist nicht aus dem Sinn. „Es ist geplant, dass ich mich im Mai im vollen Stadion von den Fans verabschiede. Und wenn es Corona noch nicht zulässt, werde ich nicht lockerlassen und später kommen. Frankfurt ist meine zweite Haut.“

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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