Bundesliga-Start

Klubs einigen sich in der Zuschauerfrage

Von Pirmin Clossé, Frankfurt
04.08.2020
, 17:30
Fußball-Bundesliga: Die Zeiten der Pappkameraden als Fankulisse sollen bald vorbei sein.
Die Klubs der Fußball-Bundesliga einigen sich auf ein einheitliches Vorgehen zur möglichen Rückkehr der Zuschauer. Auswärtsfans müssen verzichten, Stehplätze sind gesperrt. Zudem gibt es kein Bier mehr.
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Christian Seifert gab sich alle Mühe, die demütige Haltung des Profifußballs wieder und wieder zu betonen. Ihr Grundlagenpapier zur Rückkehr der Fans in die Stadien hatte die Deutsche Fußball Liga (DFL) am Dienstag zwar wie erwartet verabschiedet. Als einen Anspruch an die Politik wollte deren Geschäftsführer das Votum der Klubs aber ausdrücklich nicht verstanden wissen. „Die DFL erwartet hier nichts, sie fordert auch nichts“, stellte Seifert heraus. „Wir bereiten uns lediglich darauf vor, dass wir diesen Schritt auch gehen können.“ Wann die Bundesliga dann tatsächlich ihre Pforten für Zuschauer öffne, hänge von anderen Faktoren ab. „Priorität haben in Deutschland nicht volle Stadien“, sagte Seifert: „Priorität hat die Gesundheit der Menschen.“

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Die Rahmenbedingungen, die das DFL-Papier für die am 18. September beginnende Bundesliga-Saison zunächst setzt, sollen zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass Fans ins Stadion können, erhöhen: keine Stehplätze, keine Gästefans, kein Alkoholausschank. Dazu sollen ausschließlich personalisierte Tickets vergeben werden, die bei einem Corona-Ausbruch eine lückenlose Rückverfolgung ermöglichen. Verschiedene Fan-Bündnisse hatten Kritik an dem Konzept geäußert, da sie langfristige Beschneidungen ihrer Rechte fürchten. Gegen diese Darstellung wehrte sich Seifert am Dienstag entschieden. „Es ist nicht angemessen, da Dinge hineinzuinterpretieren, die da nicht reingehören“, sagte er. „Aktuell spielt Corona noch mit, und zwar in einer sehr bedeutenden Rolle.“ Den Plan zu einer Grundsatzdiskussion über die Bedeutung von Stehplätzen und Fans im Allgemeinen zu nutzen, sei deshalb unangebracht.

Problematischer Vorstoß

Dabei ist auch Seifert bewusst, dass der Zeitpunkt für den DFL-Vorstoß problematisch ist. Fußball vor Fans, das erscheint angesichts derzeit wieder steigender Corona-Fallzahlen in Deutschland nur schwer vorstellbar. Es grassiert die Angst vor der zweiten Welle. Ein Stadion voller potentieller Superspreader wirkt da kaum weniger aus der Zeit gefallen als zu Beginn der Pandemie. Bislang beschreibt das DFL-Papier deshalb nur eine Vision. Eine vage Hoffnung, deren Silhouette sich nun lediglich etwas klarer abzeichnet. Von den Klubs muss der „Leitfaden für die Konzepterstellung zwecks Wiederzulassung von Stadionbesuchern“, so die sperrige offizielle Bezeichnung, nun mit Leben gefüllt werden. „Bundesliga-Spiele sind lokale Großereignisse“, erklärte Seifert. „Für die Erstellung und Umsetzung der Konzepte vor Ort ist jeder Klub selbst verantwortlich, denn jedes Stadion hat seine eigenen Gegebenheiten“.

Christian Seifert: „In kleinen Schritten die Normalität für uns zurückerobern, das geht nicht von 0 auf 100“.
Christian Seifert: „In kleinen Schritten die Normalität für uns zurückerobern, das geht nicht von 0 auf 100“. Bild: EPA

Ob dann tatsächlich bald wieder vor Publikum gespielt werden kann, entscheiden die zuständigen Gesundheitsämter. Die Gesundheitsminister der Länder wollen das Thema auf einer Konferenz am kommenden Montag besprechen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte sich zuletzt jedoch bereits „sehr skeptisch“ gezeigt, was eine Teilzulassung der Fans angeht. „Geisterspiele ja, aber Stadien mit 25000 halte ich für sehr schwer vorstellbar“, sagte der CSU-Chef der „Bild am Sonntag“. Der Pharmakologe Fritz Sörgel prognostizierte dazu passend zuletzt: „Die Politiker werden schnell kalte Füße bekommen, wenn sich die Lage verschlechtert.“

Die DFL und ihre Klubs treiben ihre Planungen dennoch voran. Dass sie in der Lage sind, eine wichtige Vorreiterrolle einzunehmen, haben sie schließlich schon bewiesen. Das im Frühjahr von DFL und Deutschem Fußball-Bund (DFB) entworfene Hygiene- und Sicherheitskonzept überzeugte. Die Bundesliga konnte als erste Top-Liga auf den Rasen zurückkehren und ihre Saison beenden. Das Konzept wurde weltweit zum Vorbild für den Profisport. Für die neue Spielzeit werde es „unter Berücksichtigung der neuen Voraussetzungen angepasst“, sagte Seifert. Auch darüber herrschte bei den Klubs am Dienstag weitgehende Einigkeit.

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Hoffnung auf Erfolgsgeschichte

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte strebt die DFL nun auch bei der Zulassung der Zuschauer an. Allerdings bleiben etliche Fragen zunächst offen. Nicht zuletzt bezüglich der Anreise der Fans, die zu einem der kritischsten Punkte in Bezug auf ein erfolgreiches Risikomanagement werden dürfte. Das DFL-Papier gibt dazu nur Empfehlungen. Etwa die, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden. Oder die, verschiedene Zeitfenster für den Einlass ins Stadion zu vergeben. Bis zum Saisonstart mit der ersten Pokalrunde am 12. und 13. September sollen die Klubs auch hier ihre am Standort orientierten Konzepte ausarbeiten.

Das Vorgehen dürfte sich von Verein zu Verein unterscheiden. Schließlich tut es die Erwartungshaltung derzeit auch. So rechnete Borussia Dortmund zuletzt damit, etwa 12.000 bis 15.000 Zuschauer zulassen zu können. Das entspräche nur rund 15 Prozent von normalerweise 81.000 möglichen. RB Leipzig plant dagegen mit einer Auslastung von 50 Prozent, in diesem Fall rund 21.000. Und Union Berlin preschte zuletzt sogar mit dem kühnen Vorschlag hervor, Coronatests für alle 22.012 Zuschauer in ihrem Stadion an der Alten Försterei spendieren zu wollen, um damit ein volles Stadion zu ermöglichen.

Seifert empfindet diese Unterschiede als normal. Die Werte seien lediglich Ergebnis einer ersten Kalkulation durch die Klubs. Wie realistisch sie seien, werde sich erst noch zeigen. „Niemand bei der DFL wird irgendwelche Zahlen fordern. Das steht uns nicht zu“, sagte er. Und klang auch dabei wieder ziemlich demütig.

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Quelle: F.A.Zl.
Autorenporträt / Clossé, Pirmin
Pirmin Clossé
Sportredakteur.
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