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Bundesliga-Fehlentscheidungen

Und es gibt den Bayern-Bonus doch!

Von Christoph Becker
 - 11:07
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Der Mann, der dafür gesorgt hat, dass sich in Frankfurt Wirtschaftswissenschaftler hingesetzt haben und der Frage statistisch auf den Grund gegangen sind, ob es den oft zitierten Bayern-Bonus tatsächlich gibt, heißt Yuichi Nishimura. Der Japaner pfiff am 12. Juni 2014 das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, Brasilien gegen Kroatien.

Und Nishimura, das war das weltweite Urteil, pfiff schlecht, schenkte den Brasilianern einen sehr zweifelhaften Elfmeter, schien den Gastgeber dieser Weltmeisterschaft auch in weiteren Szenen zu bevorzugen. Das sorgte für Empörung, nicht zuletzt bei Niko Kovac, vor zwei Jahren Trainer der Kroaten und mittlerweile bei Eintracht Frankfurt tätig. Er habe Nishimuras merkwürdige Entscheidungen „irgendwie erwartet“, sagte Kovac damals. „Es hat damit zu tun, dass wir als Erste gegen Brasilien spielen mussten.“

Dieser Auftritt Nishimuras also sorgte dafür, dass sich Eberhard Feess, Volkswirtschaftsprofessor an der Frankfurt School of Finance and Management, einen Datensatz aus der Bundesliga-Datenbank schicken ließ. Der Inhalt: Daten zu Schiedsrichterentscheidungen zwischen 2000 und 2014, aus 4248 Erstliga-Spielen. „Die Schiedsrichterentscheidungen in der Datenbank sind kategorisiert“, erklärt Feess, „in richtig, strittig und falsch. Wir haben uns bei unserer Erhebung nur auf die Kategorie falsch konzentriert.“

Also auf 200 Tore, die fälschlicherweise nicht gegeben wurden, etwa, weil der Schiedsrichter wegen Abseits abpfiff, obwohl niemand im Abseits stand. Auf 666 Elfmeter, die hätten gepfiffen werden müssen, aber nicht gepfiffen wurden. Zum Vergleich: Zu den 666 zu Unrecht nicht gegebenen Elfmetern kommen weitere 1290, bei denen die Datensammler - trotz der Hilfe von Fernsehaufzeichnungen - zum Urteil strittig kamen. Und 2433 vermeintliche Strafstöße wurden in diesem Zeitraum zu Recht nicht gegeben.

„Ich habe gedacht, dass wir gar nichts finden“

In gut jedem sechsten Bundesliga-Spiel wurde also ein Elfmeter nicht gepfiffen, der hätte gegeben werden müssen. „Ich beschäftige mich mit Rechtsökonomie“, sagt Feess. „Wir kamen durch den Fall Hoeneß auf die Frage, ob Personen durch ihren sozialen Status vor Gericht profitieren. Die Schwierigkeit ist: Man weiß nicht, was die richtige Entscheidung ist. Im Fußball dagegen hat man Daten, von denen man erstens sagen kann: Ist die Entscheidung richtig oder falsch? Und zweitens: Der Status sollte keine Rolle spielen. Ob eine Mannschaft gut ist, sollte nichts damit zu tun haben, ob ein Elfmeter berechtigt oder unberechtigt ist.“ Der Fußball ist also ein ideales Forschungsfeld zur Statuswirkung. „Offen gestanden“, sagt Feess, „habe ich gedacht, dass wir gar nichts finden. Das wäre ja auch ein interessantes Ergebnis gewesen, dass das, was immer erzählt wird an Thesen, nicht stimmt.“

Es kam aber anders. Stattdessen ist das Ergebnis der Studie der Frankfurter Wissenschaftler nämlich frappierend: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft von Fehlentscheidungen hinsichtlich nicht gegebener Tore und Elfmeter benachteiligt wird, steigt, wenn der Bundesliga-Spielplan eine Partie vorsieht, in der sich Mannschaften mit ähnlich unterschiedlichem Status gegenüberstehen wie vor knapp zwei Jahren in São Paulo beim WM-Eröffnungsspiel.

Denn: Stehen sich Mannschaften mit deutlich unterschiedlichem Status gegenüber, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Mannschaft bevorzugt wird, die den höheren Status hat. Oder, wie es Feess ausdrückt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zu Unrecht nicht gegebener Elfmeter das schwache Team betrifft, ist viel größer als jene, dass er das starke Team betrifft.“

Ein ähnlicher Effekt lässt sich statistisch nachweisen für Mannschaften, die in der Schlussphase einer Saison noch gegen den Abstieg oder um einen Platz kämpfen, der zur Teilnahme am internationalen Fußball berechtigt - sofern für den Gegner keine besonderen Ziele mehr auf dem Spiel stehen. „Offenbar“, sagt Feess, „haben die Schiedsrichter unbewusst Angst, den Mannschaften weh zu tun, für die es noch um etwas geht.“ Ein Ergebnis, das Feess nachvollziehbar, „ganz menschlich“, findet.

Stammtisch-Thesen lassen sich bestätigen

Zudem weist die noch unveröffentlichte Studie nach, dass es auch bei diesen Schiedsrichterentscheidungen einen Heimnimbus gibt - dessen Existenz hatten schon diverse Studien in der Vergangenheit belegt, und zwar sowohl im Fußball wie auch beispielsweise in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga (NBA). Allerdings, sagt Feess, werde insbesondere von Seiten der Schiedsrichter nicht offen damit umgegangen, dass die Existenz des Heimvorteils tatsächlich statistisch erwiesen ist. „Jeder Mensch trägt einen solchen bias, eine bestimmte Tendenz, mit sich herum. Wenn man sich das bewusst macht, reduziert das schon die Gefahr, dem ausgeliefert zu sein.“

Den Status der Bundesliga-Teams haben die Forscher über die „ewige Tabelle“ definiert und die 18 Bundesligamannschaften einer jeden Saison an Hand der historischen Vorleistungen in starke und schwache Teams gegliedert. Das erstaunliche Ergebnis: Die Effekte sind dann nachweisbar, wenn Mannschaften mit hohem Status gegen Mannschaften mit niedrigem Status spielten. Nicht also bei Spielen von Bayern München gegen Borussia Dortmund.

Aber bei der Untersuchung von Partien wie Dortmund gegen Greuther Fürth, Bayern München gegen Eintracht Braunschweig. „Dann stellt man fest, und dieser Effekt ist erstaunlich groß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Team niedrigen Status von einem unberechtigterweise nicht gegebenen Elfmeter betroffen ist, signifikant höher ist als die Wahrscheinlichkeit für ein starkes Team“, sagt Feess. Mit anderen Worten: Die Stammtisch-Thesen, dass „der Schiri gegen die Kleinen pfeift“, dass „die Großen einen Schiri-Bonus haben“, lassen sich statistisch bestätigen.

Das Gefühl hatten die Betroffenen schon immer, vor allem die ganz Kleinen, also jene Aufsteiger, die scheinbar nur ein glücklicher Wink des Schicksals in die Bundesliga gespült hatte und deren Verweildauer von vornherein nur auf eine Saison beschränkt schien. Beim Braunschweiger Trainer Torsten Lieberknecht staute sich vor drei Jahren einiges auf, ehe er sich mit einer Wutrede Luft verschaffte. „Du bist dieser kleine Piss-Verein, der auch bei den Schiedsrichtern nicht so die Wahrnehmung hat. 50:50-Entscheidungen fallen immer für den Großen aus“, klagte Lieberknecht nach einer Reihe von Niederlagen und strittigen Entscheidungen.

Heimbonus ist bei mehr Zuschauern größer

In der Regel schweigen die kleinen Vereine lange, weil sie offenbar befürchten, dass sie nach einer öffentlichen Schelte eher noch mehr Nachteile befürchten müssen. Als Darmstadt 98 zuletzt in der Nachspielzeit gegen den FC Augsburg wegen eines Elfmeters einen langersehnten Heimsieg verpasst hatte, verlor auch Lilien-Trainer Dirk Schuster die Contenance. Man habe immer „schön die Fresse gehalten und die Faust in der Tasche geballt“. Aber jetzt sei es an der Zeit, das zu thematisieren. „Ohne Schuldzuweisungen machen zu wollen: In den letzten sechs Spielen gab es fünf klare Fehlentscheidungen gegen uns.“

Feess hat nun also herausgefunden, dass sich die Richtigkeit dieses Gefühls der Benachteiligung belegen lässt. „Mich hat immer aufgeregt, dass diese Thesen pseudostatistisch verkauft werden“, sagt Feess. Auch das ein Grund für ihn, Fehlentscheidungen statistisch auf den Grund zu gehen. Nun wisse er auch, dass der Heimbonus umso größer sei, je mehr Zuschauer bei einem Spiel sind.

Und er hat mit seinen Kollegen Helge Müller von der Universität Marburg und Paul Bose ebenfalls errechnet, dass es einen Bayern-Bonus gibt. Denn, sagt Feess: „Am extremsten ausgeprägt ist dieser Effekt, wenn man nur Spiele von Bayern München betrachtet. Da explodiert er geradezu.“ Auch da haben die Gegner der Bayern eine Wahrnehmung entwickelt, die offenbar nah an der Realität liegt.

Als die Münchner in der Hinrunde dank eines sehr fragwürdigen Elfmeters kurz vor Spielende den FC Augsburg besiegten, war die Aufregung und Entrüstung bundesweit groß. Natürlich hat schon jeder Verein von solchen Entscheidungen profitiert, allerdings selten gegen die Münchner, was eben nicht nur an der Dominanz der Bayern liegt. „Man weiß, wenn man in München ist“, sagte der Augsburger Kapitän Paul Verhaegh nach diesem bitteren Last-Minute-Erlebnis, „dass die Schiedsrichter nicht auf deiner Seite sind.“ Das war auch vergangene Woche bei Werder Bremen nicht anders, die das vorentscheidende 0:2 bei den Bayern durch einen Elfmeter kassierten, dem eine Schwalbe von Arturo Vidal vorausgegangen war.

„Was gerne gesagt wird, stimmt einfach“

Feess hat herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein nicht gegebener Elfmeter eine Fehlentscheidung war, bei Spielen von Mannschaften mit geringem Status gegen Bayern München dreimal größer ist als im statistischen Mittel. Die Statistiker haben dabei zum Vergleich natürlich auch jede andere Mannschaft einzeln durchgerechnet.

Das Ergebnis: „Für einzelne Teams gibt es diesen Effekt nur bei Bayern München“, sagt Feess. Und er sei so groß, dass ihn auch der Heimvorteil des Gegners in keinem Fall aufwiege. Feess ist sich sicher: „Was in der Öffentlichkeit gerne gesagt wird“ - über den Bayern-Bonus - „stimmt einfach.“ Und: Während die Schiedsrichter insgesamt besser werden, die Effekte also im Untersuchungszeitraum insgesamt sinken, nehme der Bayern-Effekt nur leicht ab, „aber nicht dramatisch. Er existiert auch heute noch“, sagt Feess.

Bayern - Bremen 2:0
Zwei Tore und eine Schwalbe im Video

Die Lösung des Problems, da ist sich Feess sicher, ist simpel: „Was man wirklich braucht, ist der Videobeweis für Abseitsentscheidungen und Elfmeter.“ Der Videobeweis wird kommen, das International Football Association Board (Ifab) hat Anfang März die Einführung einer zweijährigen Testphase in einigen Ligen beschlossen.

Die Testergebnisse sollen dann einfließen in die Entscheidung des Internationalen Fußball-Verbandes, wie der Videobeweis schlussendlich aussehen soll und was dabei untersucht werden darf. Die absolute Gerechtigkeit wird es auch dann nicht geben, aber es wird in jedem Fall gerechter zugehen. Denn Feess ist sich nach seiner Untersuchung absolut sicher, dass eine gerne bemühte Fußball-These nicht zutrifft: „Da wird immer gesagt, das gleicht sich aus. Nein, das gleicht sich nicht aus. Das ist eine systematische Verzerrung.“

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Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker
Sportredakteur.
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