Union Berlins Trainer Fischer

Ordnung ist das halbe Siegen

Von Sebastian Stier, Berlin
Aktualisiert am 28.11.2020
 - 11:25
Berlins erfolgreichster Integrationsbeauftragter: Urs Fischer.
Seit Urs Fischer das Amt das Cheftrainers übernommen hat, befindet sich der Kader des Teams in ständiger Bewegung. Das liegt aber nicht an ihm: Der Schweizer führt Union mit ruhiger Hand und hat damit Erfolg.

Unter der Woche ist Urs Fischer noch mal Vater geworden, im stolzen Alter von 54 Jahren. Seine Familie war darauf ebenso wenig vorbereitet wie er selbst, von daher war es gut, dass es sich nicht um eine biologische, sondern nur um eine symbolische Vaterschaft handelte. Taiwo Awoniyi, vor einigen Wochen zum 1. FC Union Berlin gestoßen, hatte behauptet, Trainer Fischer sei wie ein Vater für ihn. So fürsorglich habe der sich gekümmert. Fischer war von dieser Nachricht amüsiert, er sagte: „Ich bin dann mal gespannt, wie es ist, wenn ich schimpfen muss.“

Bundesliga

Dafür gibt es derzeit keine Anzeichen, Union Berlin erlebt gerade die erfolgreichste Phase als Bundesligaklub. Seit sieben Spielen sind die Berliner unbesiegt, vor dem Heimspiel an diesem Samstag gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) ist Union die Mannschaft der Stunde. Und mittendrin Fischer, der – wie sollte es anders sein in diesem von Momentaufnahmen geprägten Geschäft – als Architekt des Erfolgs gilt.

Beim Fußball geht das ja ganz schnell, man muss nicht mal Architektur studieren, um als Architekt wahrgenommen zu werden. Zwei, drei gewonnene Spiele reichen schon, der Begriff ist arg strapaziert, und doch umschreibt er präzise, was Fischer beim 1. FC Union macht. Sorgfältig entwirft der Pläne, entwickelt, fügt zusammen. Elf neue Spieler hat er in den vergangenen Wochen dazubekommen, unter ihnen Awoniyi, einen Nigerianer, der eigentlich dem FC Liverpool gehört und zuletzt viel herumgekommen ist. Gent, Mouscron, Mainz, Union. Vier Vereine in zwei Jahren. Immer wieder wurde er ausgeliehen. Dass sich der Angreifer in Berlin besonders wohl fühlt, hat auch mit Fischer zu tun. „Der Trainer gibt jedem Spieler Vertrauen, das ist ein gutes Gefühl“, sagt Awoniyi.

Wenn man so will, ist Fischer, der Schweizer, Berlins erfolgreichster Integrationsbeauftragter. Er macht das ja nicht zum ersten Mal. Seit er im Sommer 2018 das Amt das Cheftrainers übernommen hat, befindet sich Unions Kader in ständiger Bewegung und unterscheidet sich dabei nicht von den Personalabteilungen anderer Bundesligaklubs wie Eintracht Frankfurt. Spieler kommen, Spieler gehen. Was weniger an Fischer liegt als an der Politik des Klubs unter Sportchef Oliver Ruhnert. Aber die hohe Fluktuation hat aus Trainersicht auch ihr Gutes. Fischer ist jemand, der einer Mannschaft Ruhe schenken kann. Sein unaufgeregtes Wesen ist ansteckend, es gibt nicht wenige die behaupten, er könnte selbst die zappelwütigen Besucher eines Berliner Technoclubs zum Innehalten bewegen. Jedes Wort aus seinem Mund wirkt besonnen und bedacht. Fischer kann auch laut werden, an den meisten Tagen des Jahres unterscheidet sich sein Tonfall aber kaum. Aufgaben formuliert er klar und lässt sie im Training stetig wiederholen.

Kontinuität in solch hohem Maß kann schnell abnutzen, beim FC Basel trennten sich die Verantwortlichen von Fischer nach zwei Meisterschaften in zwei Jahren, auch weil sie Stillstand befürchteten. All das, für was er in Berlin gefeiert wird, wurde ihm damals vorgehalten. So ist das Geschäft, Fischer kennt es nur zu gut. Auch deshalb begegnet er dem aufkommenden Interesse an seiner Person skeptisch. Vor einigen Tagen wurde er in seiner Heimat als möglicher Nationaltrainer ins Spiel gebracht. Ein Engagement bei Schalke 04 wurde ebenfalls diskutiert. „Man sollte nicht jedem Artikel Bedeutung schenken. Ich finde es respektlos in der Situation, in der Schalke sich gerade befindet“, sagt Fischer.

Viel mehr freue es ihn, dass seine Arbeit in Berlin honoriert wird. „Aber ich werde mich jetzt sicher nicht ausruhen“, sagt Fischer. Seiner Beharrlichkeit bei der Trainingsgestaltung und der Gruppenführung ist es zu verdanken, dass Union als Maschine hervorragend funktioniert, auch wenn die Einzelteile immer wieder getauscht werden. „Das Wichtigste für einen Spieler ist zu wissen, was der Trainer von ihm will. Er lässt jeden von uns wissen, was er zu tun hat“, sagt Awoniyi über seinen Trainer. An erster Stelle steht die Ordnung, in sie ist Fischer regelrecht vernarrt. „Organisation ist wichtig, und mir ist sie besonders wichtig. Sonst besteht die Gefahr, dass es wild wird“, sagt er.

Wild wurde es in der vergangenen Saison nur selten, wenn Union beteiligt war, in dieser noch gar nicht. Nichts versucht Fischer mehr zu vermeiden, als seine Mannschaft in einen offenen Kampf zu schicken. Mit heruntergelassenen Fäusten wäre sie in der Bundesliga aufgrund der individuellen Klasse der Gegner vermutlich nicht so widerstandsfähig. Ein Exempel will Fischer da gar nicht erst statuieren.

Quelle: F.A.Z.
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