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Januarkinder werden eher Profi

Die Gnade der frühen Geburt

Von Daniel Meuren
20.09.2018
, 13:54
Vorteil für Frühentwickler: Der Relative Alterseffekt belegt, dass im Januar Geborene leichter Fußballprofi werden Bild: Frank Röth
Je später im Jahr ein Talent geboren ist, umso geringer ist die Chance auf eine sportliche Karriere. Daran ist der Relative Alterseffekt schuld. Trotz aller Sichtungsbemühungen setzen sich statistisch relevant die körperlich Starken durch.
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Der kleine Paul wird es schwer haben auf dem Weg zum Bundesligaprofi. Er ist Mitte Dezember geboren. Das ist keine gute Ausgangslage, wie Karsten Görsdorf vom Institut für Spielanalyse in Potsdam mit einigen eindrücklichen Statistiken beweist. „Die Chance ist weniger als ein Drittel von der eines Januarkindes“, sagt er. In Teams der ersten und zweiten Bundesliga finden Geburtstagsfeiern von in Deutschland ausgebildeten Kickern höchst selten im November oder Dezember statt, drei Viertel möglicher Feste im Mannschaftskreis steigen in der ersten Hälfte des Kalenderjahrs.

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Im Januar sind 140 Spieler geboren, die Zahl nimmt sukzessive bis in den Dezember mit nur 46 Geburtstagskindern ab. Bei den Nationalmannschaften, die im Sommer in Russland um die Weltmeisterschaft spielten, ist es ähnlich. Dieses Bild zeigt sich konstant beim Blick auf ale Weltmeisterschaften seit 1998. Und selbst in den Nachwuchsleistunsgzentren sind Kinder aus dem ersten Quartal erstaunlich oft vertreten. Gut 75 Prozent der Talente eines jeden Jahrgangs sind im ersten Halbjahr geboren. „Relativer Alterseffekt“ nennt die Forschung das Phänomen.

„Die Nachwuchsförderung im Fußball wie auch in anderen Sportarten oder auch im schulischen oder künstlerischen Bereich siebt diejenigen aus, die aufgrund ihres Entwicklungsrückstands zu entscheidenden Zeitpunkten der Selektion Nachteile besitzen“, sagt Professor Martin Lames. Es geht bei diesem Entwicklungsstand selbstredend nicht allein um das Geburtsdatum und somit das exakte Alter eines Talents. Bei Betrachtung einer statistisch relevanten großen Zahl ist aber das Datum das entscheidende Indiz.

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Die Wissenschaft vom Relativen Alterseffekt ist Teil der Expertiseforschung, die sich anfangs mit den Gründen für die Ausbildung besonderer Begabungen in Mathematik, Klavierspiel oder Schach auseinandergesetzt hat. Und Sportwissenschaftler wie Lames stoßen dann darauf, dass er im Sport auch greift. Im Januar geborene Fußballer sind nun natürlich nicht per se talentierter als Dezemberkinder. Letztere leiden allein unter der Gnadenlosigkeit der späten Geburt.Stichtag ist der 1. Januar, entsprechend Geborene haben in ihren Jahrgängen zwölf Monate Entwicklungsvorsprung gegenüber Silvester-Kindern. Als bis in die neunziger Jahre hinein der Stichtag 1. August im Fußball galt, waren gemäß den Statistiken des Instituts für Spielanalyse die Kinder aus den Monaten August bis Oktober in der Mehrzahl.

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Selbst der „andere Blick“ bewahrt nicht vor dem Effekt

Anruf bei Volker Kersting, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Mainz 05. Die Underdogs in der Bundesliga schreiben sich auf die Fahnen, dass sie mit anderem Blick auf Talentsuche gehen müssen. Die physisch Stärksten und auffällig Besseren bekommen sie eh nicht, betonen sie immer. Sie sind eher die Anlaufstation für Talente, die andernorts nicht angenommen wurden.

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Dabei war der Klub nachweislich erfolgreich, wie die stolze Parade an Trikots im Treppenhaus des Nachwuchslietungsznentrums mit den Namen all jener auf dem Rücken zeigt, die es geschafft haben zu einem Klub aus den ersten drei Ligen. Die Weltmeister André Schürrle und Erik Durm oder auch Nationalspieler Manuel Friedrich führen die Reihe derer an, die das Mainzer Ausbildungssystem durchlaufen haben. „Frühes Geburtsdatum spielt bei uns keine Rolle. Wir bedenken genau, ob sich ein Spieler womöglich aktuell nur durchsetzt aufgrund akzelerierter Körperlichkeit. Wir achten nicht auf aktuelle Stärke, sondern das Potenzial“, sagt Kersting. Er verweist darauf, dass der Klub gerade einen 15 Jahre alten Hänfling im Nachwuchsleistungszentrum aufgenommen hat, der seinen Altersgenossen körperlich noch weit unterlegen ist. „Aber wir sind von ihm überzeugt und stecken jetzt individuelle Arbeit rein.“

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Einige Tage später zeigt sich Kersting beim Gespräch auf dem Mainzer Trainingsgelände allerdings erstaunt. „Ich war selbst überrascht, als ich in unsere Daten geschaut habe: Auch wir haben nur 25 bis 30 Prozent Spieler, die im zweiten Halbjahr geboren sind.“ Kersting ist ins Grübeln gekommen. „Wir müssen nachjustieren und unsere Scouts vielleicht nochmals sensibiliseren“, sagt er. „Womöglich aber ist schon die Ebene, auf er wir scouten, durch den Effekt betroffen.“ Die Klubs, bei denen die Mainzer nach Talenten suchen, wären dann schon Sammelbecken für Frühgeborene und Akzelerierte.

Knäbel fordert Thema in der Trainerausbildung

Diese These vertritt auch Peter Knäbel, seit wenigen Monaten Technischer Direktor Entwicklung bei Schalke 04 und zuvor weiter herumgekommen im Fußball. Vor allem in seiner Zeit als Sportdirektor des Schweizer Fußballverbands wurde er sensibilisiert für die Nöte eines kleinen Verbands bei der Pflege der deutlich geringeren Zahl an Talenten. „Bei der Menge an Nachwuchsfußballern in Deutschland ist der Leidensdruck der Verbände nicht so groß. Es kommen ja genug Talente an“, sagte er. „Kleine Länder müssen mit der Ressource viel sorgsamer haushalten.“

Jugendtrainer fördern: Peter Knäbel will eine Sensibilisierung in der Ausbildung Bild: dpa

Knäbel hat in der Schweiz auch festgestellt, dass der Relative Alterseffekt zu einem großen Teil schon aus den jüngsten Teams nach oben weitergereicht wird: Vereinfacht gesagt verliert der im Dezember geborene Sechsjährige nach wenigen Trainingseinheiten die Lust, weil er mit den im Januar geborenen und somit fast zwanzig Prozent älteren Mitspielern nicht mithalten kann. Möglicherweise ist dieses Kind dann für den Fußball für immer verloren. „Die Spätentwickler gehen vor der U12 verloren. Der Relative Alterseffekt gehört deshalb schon in die Trainerausbildung schon beim Breitenfußball-Trainerschein, wir müssen dafür verstärkt sensibilisieren“, sagt Knäbel. Er hat auch Ideen, wie die unterschiedlichen Entwicklungsstufen in einer Altersklasse besser gefördert werden können. „Die erste Halbzeit kann man in der D-Jugend wie bisher 9:9 spielen, die zweite Halbzeit nach Frühentwicklern und Spätentwicklern unterteilt auf zwei Halbfeldern.“

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Knäbel betont aber auch, dass man besonders begabten „Kleinen“ auch die Chance aufrechterhalten muss, dass sie Mittel entwickeln können, sich gegen Größere durchzusetzen. „Das gilt ohnehin weiter: Die wirklich Guten setzen sich sowieso durch“, sagt Knäbel.

Teufelskreis durch Selektion

Diese beliebte These verweist Professor Lames ins Reich der Fabeln. Der Sportwissenschaftler aus Augsburg hat gemeinsam mit dem Potsdamer Institut für Spielanalyse Datenbanken durchforstet und Statistiken ausgewertet mit erstaunlichen Ergebnissen. „Man kann getrost davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte der Fußballtalente, aber auch Begabungen in anderen Sportarten, verloren gehen durch die Folgen des Relativen Alterseffekts“, sagt der 59 Jahre alte Wissenschaftler. „Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich unter den verlorenen Talenten nicht auch der ganz große Ausnahmekönner verbirgt. Scheitern in früher Jugend hat ganz andere Gründe.“ Der Relative Alterseffekt könnte also Lösungsansätze eröffnen bezüglich des vermeintlichen Talentemangels im deutschen Fußball.

Verlust an Talenten: Professor Martin Lames erforscht den Relativen Alterseffekt Bild: privat

Die Problematik des Effekts reicht über den Fußball und den Sport hinaus. Lehrer gerade in den Grundschulklassen müssen ebenso mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kinder zurecht kommen, wenn in der ersten Klasse noch Fünf-Jährige mit eventuell bereits sieben Jahre alten Klassenkameraden zusammen lernen sollen. Grundsätzlich empfiehlt er derweil den Sportarten, die sich sonst vom Fußball erdrückt fühlen, durch eine Änderung des Stichtags beispielsweise auf den 1. Juli Vorteile zu ziehen aus dem Relativen Alterseffekt, solange der Fußball sich nicht bewegt in diesem Bereich. So könnten Leichtathleten, Schwimmer oder Handball-, Fußball oder Tischtennisspieler für Kinder, die beim Fußball aufgrund der späten Geburt zu den Jüngsten zählen plötzlich das Gefühl geben, bei den Älteren zu sein.

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Innovatives Belgien

In Belgien sind sie da schon viel weiter: Das Land hat in den vergangenen Jahren Talente en masse hervorgebracht, obgleich die Basis bei nur elf Millionen Einwohnern recht klein ist. Die Belgier haben aber in einer Krise des Nationalteams radikal gehandelt und betreiben nach Angaben des belgischen Verbands den Aufwand, die Spieler von den U15-Nationalteams an nicht nach einem Stichtag, sondern nach dem biologischen Alter einzuteilen. Ein Coup, der dazu beigetragen haben dürfte, dass sich so viele Talente zu Nationalspielern entwickeln, dass der belgische Verband derzeit aus dem Vollen schöpfen kann. Bei der WM wies der durchweg dank seiner individuellen Begabungen überzeugende Halbfinalist einen signifikant anderen Kurvenverlauf auf. Die Belgier waren bei ihren Geburtsdaten so nah dran an der Normalverteilung wie kein anderes Team. Ein Indiz für bessere Talentförderung.

Ein zusätzlicher Widerspruch:Die meisten Fußballprofis sind im Januar geboren, die meisten Kinder überhaupt im September Bild: demografie-blog.de

In Belgien gab es zudem schon regional Experimente mit einem rotierenden Stichtag: Wenn der Stichtag von einer Jugendklasse in die nächste jeweils um drei Monate verschoben würde, wäre jeder mal früher oder später unter den Ältesten. Während ein Oktober-Kind beim Stichtag 1. Januar bei den Jüngsten wäre, würde es dann beim Stichtag 1. Oktober zu den Ältesten zählen und wäre nicht mehr mit dem neun Monate älteren Anführer in einer Gruppe, wenngleich er noch in di e selbe Klasse gehen könnte. „Das bricht Hierarchien auf, Strukturen in Mannschaften, in denen immer die ältesten den Ton angeben“, sagt Lames. „Es wäre ein probates Mittel, den Effekt zu bekämpfen.“

Erfolgsdruck reduzieren: U20-Nationaltrainer Frank Kramer spricht sich für Reifezeit der Talente aus Bild: Reuters

Lames erklärt den Teufelskreis, der dazu führt, dass Spätgeborene um ihre Chance gebracht werden: Selektionen in Mannschaften haben positive Effekte auf die, die für gut befunden werden. Wenn nun weiter entwickelte Kinder und Jugendliche sich durchsetzen, erhalten sie einen Selbstbewusstseins- und Motivationsschub, noch härter an ihrem Talent zu arbeiten. Die Aussortierten müssen hingegen bittere Niederlagen verkraften. Das könne dazu führen, dass sie mit dem Fußball aufhörten oder zumindest keine Perspektiven sähen und Motivation verlören. „Die Kinder sind sich ja nicht dessen bewusst, dass sie Geduld haben müssten, um ein Jahr später mit möglicher Angleichung der Entwicklung auf Augenhöhe sich messen zu können“, sagt er.

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Die Folge im deutschen Nachwuchsfußball: Bei der U17-EM im Jahr 2016 lag das mittlere Geburtsdatum im deutschen Team auf dem 28. Januar und somit deutlich am frühsten im Vergleich zu den anderen Halbfinalteilnehmern. Die Niederlande, die sich am Nachbarn Belgien orientieren, wiesen annähernd eine Gleichverteilung der Geburtsdaten auf und entsprechend ein durchschnittliches Geburtsdatum am 6. Juni.

Falscher Ehrgeiz der Trainer

In Deutschland ist der Weg noch weit. Der Mainzer Kersting könnte als Pragmatiker Sofortmaßnahmen etwas abgewinnen. zum einen eine Quotenregelung für Spätgeborene oder aber zumindest auf Ebene der Nachwuchsleistungszentren zusätzliche Unterteilung der Altersklassen in Halbjahre. Ein solches Modell praktizieren die DFB-Auswahlteams zumindest für inoffizielle Länderspiele, wie Frank Kramer sagt. Der Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft hat in so ziemlich allen Bereichen gearbeitet, die der Leistungs-Fußball bietet.

Vor seiner Zeit bei DFB war er kurzzeitig Bundesligatrainer in Hoffenheim und bei Greuther Fürth und Fortuna Düsseldorf als Zweitligatrainer tätig. Zuvor hat er viele Stationen im Nachwuchsbereich durchlaufen. Er weiß um einen beliebten Erklärungsansatz für die vermeintliche Blindheit der Trainer gegenüber Talenten, die in ihrer Entwicklung hinter den Mannschaftskameraden zurück sind. Trainer scheinen oftmals dem kurzfristigen Erfolg zu Gunsten ihrer Karriere die Förderung der Talente opfern. Wenn es ernst wird, setzen sie also auf die körperlich robusten Frühentwickler und lassen die „Kleinen“ außen vor. Der falsche Ehrgeiz wird unterstützt von Klubs, die von ihrer Jugendabteilung Erfolge oder zumindest den Klassenverbleib einfordern. Kersting bestätigt aus eigener Anschauung, dass er einige Klubs nennen könnte, bei denen so verfahren werde. Nennen möchte er die Vereine aber nicht.

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Kramer ist noch heute Greuther Fürth dankbar, dass die Franken ihm damals alle Freiheiten ließen. „Wir haben dann mit Ach und Krach den Abstieg verhindert, der Verein würdigte aber meine nachhaltig angelegte Arbeit und sah, dass wir zu zwei Dritteln mit Spielern des jüngeren Jahrgangs gespielt haben.“ Im Jahr drauf wurde das auch durch einen vierten Platz belohnt, aber vor allem durch die Entwicklung von Talenten. Kramer spricht sich bei Reformideen dafür aus, eine Quotenregelung für Spieler aus der zweiten Jahreshälfte einzuführen. „Dann müssen Trainer auch besser nach Talenten Ausschau halten, das hält den Blick wach“, sagt er. Zudem würde er gerne die Vereine verpflichten, dass sie beispielsweise einen Elfjährigen mindestens vier Jahre fördern müssen. „Dann würden die Klubs auch hier mehr auf Potenzial als aktuelle Stärke schauen.“

Der Schalker Zukunftsplaner Knäbel ist gegenüber solchen Regelungen skeptisch und glaubt, dass das alles nicht administrierbar sei. Stattdessen plädiert er für eine Schweizer Lösung, die Ausnahmegenehmigungen für Spätentwickler vorsieht, die noch im jüngeren Jahrgang mitspielen dürfen mit einer „Green Card“. Ein Beispiel fällt ihm direkt aus dem Kopf ein, wo ein Talent seines Erachtens nur durch diese Ausnamengenehmigungen immerhin zum Erstligaprofi gereift ist.

In Mainz wollen sie nun in Trainerrunden für den Alterseffekt sensibilisieren. Bei der Recherche fiel ihnen nun schon Tröstliches auf. Kapitän Stefan Bell wie auch Trainer Sandro Schwarz sind die Vorzeigeeigengewächse des Klubs, beide haben viele Jahrgänge der Nachwuchsförderung durchlaufen. Sie sind im August beziehungsweise im Oktober geboren.

Quelle: F.A.S.
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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