Reaktion auf Corona-Beschlüsse

„Würfeln die eigentlich?“

Von Daniel Theweleit und Kevin Hanschke
25.01.2022
, 18:23
„Es ist bitter, dass die Mehrheit der MPK-Teilnehmer nach zwei Jahren nur an Verbote denkt“: Hans-Joachim Watzke
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Der Profisport ist von den Ergebnissen der Ministerpräsidentenkonferenz enttäuscht. Nur Bayern schert nach den Beschlüssen aus. Borussia Dortmund dagegen plant eine Klage.
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Die Pandemie hat eine Menge seltsame Blüten getrieben während der vergangenen beiden Jahre. Zuvor schwer vorstellbare Einschränkungen wurden beschlossen und mussten irgendwie gelebt werden, auch der professionelle Fußball litt. Aber die Bundesliga erhielt immer viel Aufmerksamkeit und auch einige Freiheiten. Dass irgendwann der Moment kommen würde, an dem die Funktionäre sich mit guten Argumenten als Opfer darstellen würden, ist daher ziemlich überraschend.

Bundesliga

Doch am Montag hat Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, als Reaktion auf die Ergebnisse der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mit recht drastischen Worten darüber geklagt, dass keine Lockerungen beschlossen wurden und die Zuschauerkapazitäten massiv beschränkt bleiben. In Nordrhein-Westfalen dürfen weiterhin nur 750 Menschen in die Stadien kommen, es ist grau, kalt und trostlos in den Betonschüsseln.

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Also sagte Watzke einen Satz, der das Befinden in den Klubs, Verbänden aber auch in den Fangemeinden ganz gut beschreibt: „Es wurde immer geklagt, der Fußball bekomme in Deutschland Sonderrechte“, sagte Watzke und stellte fest: „Das Gegenteil ist gerade der Fall. Der Fußball wird zum Opfer von Symbolpolitik.“ Ganz besonders in NRW.

Angst vor enthemmten Bildern

Selbst in Bayern, wo in der Vergangenheit immer besonders rigoros eingeschränkt wurde, sind in den Stadien ab sofort wieder bis zu 10.000 Menschen oder 25 Prozent Auslastung erlaubt. In Berlin sind es 3000, und in Hamburg, wo die Zuschauerkapazität der Partien des FC St. Pauli und des HSV auf 2000 beschränkt bleibt, ist die gleiche Anzahl Menschen in der Elbphilharmonie zugelassen, die aber mit 2100 Besuchern auch voll besetzt wäre. „Das ist rational nicht mehr erklärbar“, sagte Alexander Wehrle, der Finanz-Geschäftsführer des 1. FC Köln, am Montag auf einer Veranstaltung und fragte sich sarkastisch: „Würfeln die eigentlich?“

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Tatsächlich entsteht der Eindruck, dass hinter den Entscheidungen keine rationale Gefahrenabwägung mehr steckt, sondern der Wunsch, Botschaften ins Land zu senden: Omikron mag nicht so gefährlich sein wie Delta, aber wir müssen weiter vorsichtig bleiben. Die Angst vor der enthemmenden Wirkung der Bilder von singenden Massen im Stadion sitzt offenkundig tief, seit jenem Wochenende Ende November, als 50.000 Zuschauer beim Derby des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach ein großes und zugleich unvernünftig wirkendendes Fußballfest feierten.

Am Tag zuvor war erstmals in einer breiten Öffentlichkeit über Omikron berichtet worden, allen war klar, dass der Besuch eines vollen Stadions ein großes Privileg ist und vielleicht nicht mehr lange möglich sein würde. Dennoch wurde die Aufforderung, Masken zu tragen, von Tausenden ignoriert. Eine Woche lang ließen die Moderatoren der Talkshows genussvoll die Bilder aus Müngersdorf einspielen und empörte Gäste über die Verantwortungslosigkeit der Fans, der Fußballfunktionäre und der zuständigen Politiker schimpfen.

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Besonders angesprochen durfte sich Hendrik Wüst fühlen, der Ministerpräsident von NRW, der das Amt erst vier Wochen zuvor von Armin Laschet übernommen hatte. Nun ist Wüst vorsichtig, und sein CDU-Parteikollege Watzke zürnt: „Es ist bitter, dass die Mehrheit der Teilnehmer der MPK nach zwei Jahren nur an Verbote denkt und nicht auch an ein Mindestmaß an Möglichkeiten und logischen Entscheidungen. Das ist nicht verhältnismäßig, das ist auch keine Wissenschaft, das versteht kein Mensch mehr.“ Nicht nur im Fußball regt sich Widerstand gegen die neuen alten Regeln, auch die Funktionäre anderer Sportarten sehen die Unsicherheit bei den Corona-Regeln als Problem an.

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Die Basketball-, Eishockey- und Volleyballvereine haben sich mehr von den Beschlüssen erhofft, denn auch sie müssen auf Fans verzichten. Vor dem Treffen der Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung hatten die Profiligen in einem Schreiben an das Kanzleramt ein „Ende von Pauschalverboten“ gefordert. Für den Volleyball führen die Ergebnisse der MPK und das Vorpreschen der Bayerischen Staatsregierung zu „teilweise schwierigen und unerklärbaren“ Zuständen. Matthias Liebhardt, Pressesprecher des VfB Friedrichshafen, des erfolgreichsten Volleyball-Klubs in der Ersten Bundesliga, sagt, der Verein sei gerade in der „kuriosesten bis lustigsten Situation seiner Vereinsgeschichte“.

Seit 2020 ist die ZF-Arena, eine Sportmehrzweckhalle und die Heimstätte des VfB, wegen Einsturzgefahr geschlossen, weswegen der Klub momentan seine Heimspiele in der Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm austrägt. Da Neu-Ulm allerdings nicht in Baden-Württemberg sondern in Bayern liegt, gelten für die Volleyballspiele die bayerischen Regeln. „Zunächst hat das bedeutet, dass wir die strengeren bayerischen Hygieneauflagen und Schutzmaßnahmen befolgen mussten“, sagt er.

Das habe dazu geführt, dass seit dem 1. Dezember des letzten Jahres nur vor leeren Rängen gespielt werden durfte. „Durch die Strategieänderung der Bayern dürfen wir jetzt aber, anders als in Baden-Württemberg, wieder mit 25 Prozent Auslastung spielen.“ Für den Verein sei das ein erster Schritt. 1500 Menschen dürften nach den neuen bayerischen Regeln in die Ratiopharm-Arena. „Dennoch wünschen auch wir uns bundesweit gültige Maßnahmen.“ In Berlin und anderen Städten durften die Vereine auch nach dem 1. Dezember teilweise vor Publikum spielen und teilweise nicht. „Das kann man niemandem mehr erklären.“ Zumal die Zuschauerzahlen völlig losgelöst vom jeweiligen Infektionsgeschehen festgelegt werden.

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Ähnlich erstaunt sind auch die Basketball-Klubs. Yannick Binas, der Geschäftsführer der Frankfurter Fraport Skyliners, hat kein Verständnis für das Regelchaos: „Erst heißt es, die Dinge können nicht umgesetzt werden, und dann geht es, wie in Bayern, doch. Diese Inkonsequenz und Inkonsistenz sind störend und nicht nachvollziehbar.“ Auch er fordert bundesweit einheitliche Maßnahmen zur Rückkehr von Zuschauern. „Wir brauchen jetzt Klarheit. Ich kann mir vorstellen, dass Hessen wie Bayern nachzieht. Wir erwarten, dass am 9. Februar Entscheidungen getroffen werden, die eine Perspektive bieten und nicht dieses Klein-Klein beinhalten“, sagt er.

Und trotz aller Kritik regt sich bei einigen Sportfunktionären die Hoffnung, dass die Maßnahmen bald ein Ende nehmen. „Unser Hilferuf wurde von der Politik gehört, was positiv ist. Wir hoffen, dass nun die angekündigten konkreten Öffnungsszenarien bis zum 9. Februar folgen“, sagt Gernot Tripcke, der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL), und richtet sich, ähnlich wie die anderen Sportvertreter auch, mit einem Gesprächsangebot an die Politik. „Die Profiligen stehen jederzeit für Dialoge zur Verfügung.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
Kevin Hanschke
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