Krisenklub der Bundesliga

Bei Hertha BSC geht es drunter und drüber

Von Sebastian Stier, Berlin
30.08.2021
, 14:47
Wie nach einem Wolkenbruch: Ob Pal Dardai noch eine Zukunft bei den Hertha-Profis hat, ist fraglich.
Die Vorstellung der Berliner in München ist „schockierend“: Trainer Pal Dardai macht sich danach Luft, Geschäftsführer Carsten Schmidt kontert. Und auch Investor Lars Windhorst meldet sich zu Wort.

Ihre ganze Wucht entfaltete die 0:5-Niederlage beim FC Bayern erst einen Tag nachdem das Ergebnis Hertha BSC heimgesucht hatte wie ein unerwarteter Wolkenbruch. Am Sonntagvormittag stellte sich Trainer Pal Dardai bei schlechtem Wetter den Journalisten, so wie er das nach Spielen regelmäßig zu tun pflegt.

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Etwa zur gleichen Zeit saß Herthas Hauptgeschäftsführer Carsten Schmidt sechshundert Kilometer entfernt in der Sendung „Doppelpass“ des Senders Sport 1. Was beide Männer anschließend von sich gaben, dürfte den Berliner Fußball-Bundesligaklub in den kommenden Tagen intensiv beschäftigen.

Unmittelbar nach dem Spiel hatte Dardai die Leistung seines Teams „schockierend“ genannt. Hertha ist nach drei Niederlagen Tabellenletzter. Mit einer Nacht Abstand klang er noch desillusionierter. Vor allem, was seine eigene Position betrifft. „Wahrscheinlich sucht Hertha BSC seit langem einen großen Trainer. Pal ist ein kleiner, netter Trainer. Er hilft aus, solange es sein soll. Wenn ein ganz großer Trainer hier ist, geht Pal sofort zur U 16 zurück und macht seine Sache so wie früher. Ich will hier keine Last sein.“

„Danke für die klaren Worte“

So ähnlich hatte sich das angehört, als Dardai vor etwas mehr als zwei Jahren schon einmal seinen Posten als Profitrainer aufgeben musste. Damals gönnte er sich eine Auszeit, ehe er wieder als Jugendtrainer im Verein zu arbeiten begann. Dardai besitzt bei Hertha einen unbefristeten Vertrag, der es ihm erlaubt, im Falle einer Demission bei den Profis wieder beim Nachwuchs einsteigen zu können. Wie viel Freude ihm die Arbeit in der Akademie bereitet, hat er oft betont.

Anders verhält es sich derzeit mit den Profis. Dardai gilt als Spielerversteher, als einer, der eine Kabine hinter sich bringen kann, aber bei Herthas aktueller Mannschaft stößt er an seine Grenzen, was bei dem impulsiven Trainer zuletzt teils heftige Reaktionen hervorrief. Stürmer Matheus Cunha bezichtige er nach der Auftaktniederlage in Köln (1:3) des Flanierens. Cunha ist inzwischen an Atlético Madrid verkauft, Hertha erhielt für ihn 30 Millionen Euro, aber keinen gleichwertigen Ersatz.

Intern hatte Dardai vehement Verstärkung angefordert, vor allem für die offensiven Außenpositionen. Bisher konnte ihm der Verein diesen Wunsch nicht erfüllen. Ganz im Gegenteil: Am Montagmorgen wurde offiziell, dass auch Flügelstürmer Dodi Lukebakio den Verein verlässt – für ein Jahr auf Leihbasis zum Bundesliga-Konkurrenten VfL Wolfsburg. „Wir wissen, dass es für Pal gerade keine einfache Situation ist“, sagte Sportdirektor Arne Friedrich noch vor dem Spiel in München.

Von den vorhandenen Spielern ist Dardai nur mäßig überzeugt, das deutete er am Sonntag abermals an: „Ich habe letzte Saison gesagt, ich mache das nicht, weil es unmöglich ist, diese Mannschaft zu retten. Dann haben sie mich überredet, dann habe ich es gemacht. Und es war genau so, wie ich es gesagt habe. Nicht abzusteigen war ein halbes Wunder.“ Dardai wiederholte, seine Mannschaft habe in München alles vermissen lassen. Nach dem missglückten Saisonstart mit drei Niederlagen sagte er: „Wir sind psychologisch nicht in der besten Lage.“

Auf die Worte des Trainers angesprochen, reagierte Hauptgeschäftsführer Schmidt im Fernsehen mit heftiger Kritik. „Ich finde, dass wir gegen Wolfsburg und Köln nicht in der Psychologie die Defizite hatten, sondern teilweise in der Taktik und teilweise auch in der Bereitschaft.“ Schmidt fügte zwar an, sich sicher zu sein, dass Dardai Rezepte finde, „das wieder umzudrehen“. Aber dass der Trainer nach der Länderspielpause noch im Amt ist, darf als fraglich gelten.

Über soziale Medien schrieb Sportdirektor Friedrich: „Wir werden die Länderspielpause nutzen, uns neu ausrichten und die richtigen Erkenntnisse ziehen! Was wir heute abgeliefert haben, darf und wird sich nicht wiederholen!“

Pikanterweise meldete sich daraufhin schon bald Lars Windhorst. „Danke für die klaren Worte. Stimme Dir uneingeschränkt zu“, schrieb Herthas Investor, der dem Klub in den vergangenen zwei Jahren 375 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat.

Schon Dardais Weiterbeschäftigung nach dem Klassenverbleib hing lange Zeit in der Schwebe. Das bestätigte der Trainer jetzt: „Im Sommer hieß es auch nicht, dass ich es unbedingt mache“, sagte er, bevor er die Vermutung aufstellte, der Klub suche „einen großen Trainer“. Den sucht Hertha, seit Windhorst im Sommer 2019 begann, den Verein finanziell zu unterstützen.

Jürgen Klinsmann versuchte sich erfolglos an der Hertha, Namen wie José Mourinho oder André Villas-Boas kursierten lange und standen für das neue Anspruchsdenken. Dieses kritisierte Dardai nun deutlich: „Wenn wir sagen, dass diese Mannschaft ein Champions-League- oder Europa-League-Aspirant ist, haben wir ein Problem“, sagte er. Genau in diese Regionen wollte Hertha möglichst schnell vorstoßen, aber falsche Personalentscheidungen, vor allem auf der Trainerposition, verhinderten das.

Dardai ist Herthas fünfter Trainer in den vergangenen zwei Jahren. Auch eine Entscheidungsebene höher wurde die Belegschaft verändert, Schmidt kam als neuer Hauptgeschäftsführer, für den langjährigen Sportchef Michael Preetz wurde diesen Sommer Fredi Bobic als Nachfolger verpflichtet. Mit Bobic verbanden viele Berliner nicht nur Erfolg, sondern auch endlich wieder ruhigere Zeiten. Diese Hoffnung, so sieht es derzeit aus, wird sich erst einmal nicht erfüllen.

Quelle: F.A.Z.
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