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Neuer Präsident beim HSV

Kein „Weiter so“ in Hamburg

Von Frank Heike, Hamburg
 - 20:21

Es war Bernd Hoffmann den ganzen Tag über anzumerken, dass er mit einem knappen Ausgang rechnete. Nervös und offenbar gar nicht mehr so siegessicher lief der frühere HSV-Vorstand durch den Veranstaltungsort. Immer wieder sprach er mit Mitgliedern auf dieser von knapp 1200 Personen besuchten und mit Spannung erwarteten Versammlung in einem Zirkus-Zelt-artigen Aufbau im Stadtteil Bahrenfeld. Mit 585:560 Stimmen siegten Hoffmann und sein Team bei der Wahl zum neuen Präsidenten des Hamburger SV e.V. am Sonntagabend. Damit löst der 55 Jahre alte Hoffmann nach drei Jahren Jens Meier ab. Die Wahl kommt einem großen Umschwung in der Führung des HSV gleich: Da der HSV e.V. 76 Prozent der Anteile an der HSV Fußball AG hält und damit größter Anteilseigner ist, sowie einen festen Sitz im Aufsichtsrat der AG hat, beinhaltet das Präsidentenamt ziemlich viel Macht. Meier kümmerte sich um die anderen Abteilungen und den Breitensport; in der AG war er ein Beobachter, der den großen Einfluss scheute. Zuletzt fiel er auf, weil er sich gegen Klaus-Michael Kühne positionierte, den großen HSV-Mäzen. Meier gilt als Schönfärber, zumindest sehen das seine Gegner so. Am Sonntag überzeugte er durch ruhiges, faktengestütztes Auftreten. Hoffmann setzte auf Emotionen, das Momentum – und die schlechte Lage in der Bundesliga.

Deshalb hat Hoffmann kandidiert, jener Mann, der von 2003 bis 2011 als Vorstandschef gute wie schlechte Zeiten beim HSV erlebt hat: „Wären wir auf Platz vier, wäre ich nicht angetreten.“ Er sieht viel Veränderungsbedarf. Er wird das Mandat deutlich robuster ausüben und wie Uli Hoeneß beim FC Bayern oder Clemens Tönnies beim FC Schalke 04 als Chef des Stamm-Vereins auch Aufsichtsratsvorsitzender der AG werden. Eine mächtige Doppelspitze aus AG-Vorstand und AG-Chefkontrolleur soll den Profifußball beim HSV wieder nach oben führen. Hoffmann will einen Vorstandsvorsitzenden nach seinem Gusto aufbauen – das wird nicht der aktuelle Vorstand Heribert Bruchhagen sein. Der Vorstandsvorsitzende hatte sich zuvor zwar weiterhin vom Klassenverbleib überzeugt gezeigt, aber auch demütig hinzugefügt: „Es hat eine Eigendynamik des Misserfolgs eingesetzt, und dafür trage ich die Verantwortung.“

Hoffmann war mit markigen Worten an das Rednerpult getreten. „Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig mit Vereinen wie Gladbach und Schalke“, mahnte er und ergänzte: „Wir haben 2014 die Fußball AG ausgegliedert. Wir haben aber nicht die Verantwortung für die Fußball AG ausgegliedert! Ein Weiter-so kann es nicht geben.“ Dafür gab es tosenden Beifall. Lauten Applaus bekam aber auch Jens Meier. Vielen Mitgliedern schien es zu missfallen, dass die Versammlung des e.V. mit den Sorgen der AG, sprich: dem Profifußball, überfrachtet wurde. Nun ist Hoffmann am Werk, ein Mann, der polarisiert, aber vielleicht auch zur rechten Zeit kommt, um beim HSV einen Neuanfang in welcher Liga auch immer zu starten – allerdings den x-ten Neuanfang.

Am Samstag hatte es einen Vorgeschmack darauf gegeben, was im Falle des Abstiegs passieren könnte. Als die HSV-Profis sich warm liefen, hing ein Plakat mit der Aufschrift „Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt“ auf der Nordtribüne. Und als das Spiel vorbei war, hatten einige Fans versucht, den Platz zu stürmen. Ordner und die Hundestaffel der Polizei hielten sie zurück. Besonders das Plakat hatte Trainer Bernd Hollerbach schockiert. „So etwas gehört nicht ins Stadion, davon distanziere ich mich“, sagte er

Hollerbach hatte insgesamt eine große Verunsicherung in seiner Mannschaft gespürt, zum ersten Mal im vierten Spiel unter ihm: „Die Situation geht nicht spurlos an ihnen vorbei.“ Das war besonders Gideon Jung und Fiete Arp anzumerken. Jung verweigerte jeden Ball und jeden Weg nach vorn, um bloß nichts falsch zu machen. Arp trat früh bei einer ordentlichen Torchance neben den Ball und erholte sich von diesem Missgeschick nicht mehr. Hadernd und sichtlich unzufrieden wurde das HSV-Juwel in der 54. Minute gegen Bobby Wood ausgewechselt. „Wir waren nicht zielstrebig, viel zu gehemmt, haben uns nichts getraut und schlampig gespielt“, rügte der Trainer, der ankündigte, mit den Führungsspielern über diese fatale erste Stunde sprechen zu wollen. Als der HSV sich endlich aufraffte, in den Heimspiel-Modus zu schalten und wenigstens zu kämpfen, stand es schon 2:0 für Bayer – Leon Bailey in der 40. Minute und Kai Havertz zehn Minuten später hatten getroffen. André Hahn gelang in der 70. Minute nach feinem Pass Wallac’ noch das 1:2, und der formverbesserte Wood war kurz vor Schluss nicht weit vom Ausgleich entfernt. Die Schlussphase versöhnte die Fans jedoch nicht, was durchaus verständlich ist, wenn bei einer Mannschaft der Effekt eines Trainerwechsels schon wieder verpufft ist und der letzte Heimsieg vom November datiert. Der HSV hat jetzt seit zehn Spielen nicht gewonnen.

Der erste Abstieg aus der Bundesliga rückt näher, und Hollerbach tut nicht so, als habe er die Aufgabe unterschätzt: „Ich wusste doch, worauf ich mich einlasse, dass diese Mission richtig schwer wird.“ Doch trotz dieser Worte wirkte auch der neue Trainer diesmal angeschlagen, enttäuscht und unzufrieden. Eine gute Trainingswoche hatte er gesehen, und dann begann sein Team so fahrig, so zweikampfschwach und voller Fehler wie Douglas Santos bei Baileys Tor – die Macht des Coaches ist begrenzt, das haben schon ganz andere als Hollerbach in Hamburg und darüber hinaus erfahren müssen.

Es ist im Grunde gleichgültig, wer die nächsten Gegner sind, doch der Spielplan hält nun die direkte Konkurrenz bereit. In Bremen und gegen Mainz: Am Samstag in zwei Wochen um 17.20 Uhr kann der HSV im schlechtesten Falle schon so gut wie abgestiegen sein, in der besten Variante schnuppert er wieder am Relegationsrang 16. In der vergangenen Saison zeichnete es diese Mannschaft aus, große Drucksituationen auszuhalten und zu Hause verlässlich Siege einzufahren. Solche Kraftakte sind nicht ewig wiederholbar, und schon gegen Leverkusen war dieses „Gewinnen-Müssen“ eine schwere Last. Und bevor die vermeintlichen Fans solche Plakate wie am Samstag aufhängen, sollten sie zumindest kurz darüber nachdenken, ob sie damit wirklich eine Leistungssteigerung bewirken können. Die Antwort gibt sich von selbst.

Quelle: F.A.Z.
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