Mutig trotz schwachem Kader

Der HSV kennt keinen Plan B

Von Frank Heike
19.09.2021
, 16:33
Schreien die ganze Freude über den Sieg im Nordderby heraus: HSV-Profis Glatzel, Kinsombi und Jatta (v.l.n.r.)
Der neue HSV-Trainer Tim Walter muss sich trotz Sieg im Nordderby für seine Spielweise erklären. Gegen Werder suchte sein Team immer den mutigen Pass, das führte zu Raunen auf den Rängen.

Die Diskussionen um Sinn und Unsinn „seines“ Fußballs kennt Tim Walter von den vorherigen Stationen in Stuttgart und Kiel. Spektakulär war es häufig: Offensiv ausgerichtet, sollte es mit gepflegten Ballstafetten schnell nach vorn gehen. Lange Schläge, wenn die Not hinten zu groß wird, den sogenannten zweiten Ball erkämpfen, einfach mal sehen, was passiert: Das ist in Walters Fußball-Universum nicht vorgesehen. Kontrolle und sehr viel Laufbereitschaft auf allen Positionen, wenn der Gegner den Ball hat, sind ihm alles.

2. Bundesliga

Das zog der Hamburger SV am Samstagabend in Bremen auch beeindruckend durch, führte 2:0 und hatte das Spiel eine Stunde lang im Griff. Doch dann hätte sich der HSV fast um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Müder werdend, holten die Hamburger den SV Werder durch eigene Missgeschicke zurück ins Spiel. Gerade im Aufbau und in der Absicherung gab es haarsträubende Fehler, so dass der dritte Saisonsieg in Gefahr geriet, hatte Werder doch fünf gute Chancen. Immer wieder kamen die Bremer im Hamburger Strafraum zum Abschluss. Doch der starke Romano Schmid und der formschwache, eingewechselte Niclas Füllkrug nutzten die HSV-Patzer nicht aus. Tim Walters Team gewann das Nordderby 2:0 und erfreute 1000 mitgereiste Fans durch den ersten Derbysieg seit fünf Jahren.

Den Fans stockte mehrfach der Atem

Und trotzdem musste sich Walter später erklären. „Wir wollen nicht von unserer mutigen Spielweise abkehren. Und es kann ja keinen Plan B geben, wenn man erst wenige Wochen zusammen ist“, sagte der 45-Jährige. Es wäre durchaus hilfreich gewesen, hätten die schwer unter Druck stehenden Verteidiger den Ball mal herausgeschaufelt. Taten sie nicht. Hintenherum, Torwart Daniel Heuer Fernandes mitnehmend, wurde der geordnete Aufbau gesucht – den Fans stockte mehrfach der Atem. Hinzu kamen Fehler in der Rückwärtsbewegung. Es war gleichermaßen beeindruckend und irritierend, wie sehr die umgekrempelte Mannschaft dem Stil treu blieb. Walter sagte nur: „Wenn Bakery Jatta das 3:0 macht, wäre das Spiel nach 60 Minuten entschieden gewesen.“ Der Stürmer vergab aber, und Werder rannte bis zur 96. Minute an.

Leibold und Kinsombi jubeln mit Heyer: Der HSV wähnt sich obenauf nach dem 2:0 bei Werder im Nordderby
Leibold und Kinsombi jubeln mit Heyer: Der HSV wähnt sich obenauf nach dem 2:0 bei Werder im Nordderby Bild: dpa

Das Abendspiel im Weserstadion reihte sich ein in faszinierende Partien dieser Zweitliga-Saison. Früh führte der HSV durch Robert Glatzels Kopfballtreffer (2. Minute). Nach 31 Minuten handelte sich der Bremer Kapitän Christian Groß die Gelb-Rote Karte ein. Fünf Minuten später bekam Werder-Profi Marvin Ducksch überraschend keinen Elfmeter – Schiedsrichter Sascha Stegemann reichte das Ringen mit dem Hamburger Kapitän Sebastian Schonlau um den Ball im Strafraum nicht. Ducksch verstand später die Welt nicht mehr: „Muss man von hinten in die Beine grätschen, um Elfmeter zu bekommen?“

Ducksch selbst jubelte in der 42. Minute über den Ausgleich, doch bei seinem schönen Freistoßtor hatte sich Mitchell Weiser zu den Hamburgern in die Mauer gestellt – was seit 2019 verboten ist. „Ich kannte die Regel nicht“, sagte Weiser. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit schloss Moritz Heyer dann einen Hamburger Angriff über Jatta zum 2:0 ab. Doch wie so oft in seinen nun mehr als drei Jahren in der zweiten Bundesliga sorgte der HSV für den Thrill, indem er sich selbst ein Bein stellte. Kapitän Schonlau, in der Elfmeter-Szene mit Ducksch noch im Glück, blockte Schmid bei einem Bremer Konter und sah in der 52. Minute die „Ampelkarte“. In der Anordnung zehn gegen zehn gelang es dem HSV noch gute zehn Minuten, die Dominanz zu halten. Dann schlichen sich Fehler ein, und Werder kam zu einer Fülle an Chancen – erst als Milos Veljkovic die beste von ihnen kurz vor dem Abpfiff vergab, war die Spannung aus dem Spiel.

Werder wirkt zumindest wie ein Aufstiegsaspirant

War die Bremer Stamm-Mannschaft mit ihren vielen Ab- und Zugängen lange nur in Schemen erkennbar, hat Trainer Markus Anfang jetzt nach einem Fünftel der Saison ein Team zusammen, das wirkt, als könne es um den Aufstieg mitspielen. Werder hatte sich gegen diesen HSV auch wie der Favorit gefühlt, stand nun aber enttäuscht mit der zweiten Saisonniederlage da. Immerhin sind die Diskussionen beendet, ob es Sportchef Frank Baumann überhaupt gelingen würde, Trainer Anfang eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen.

Beim HSV versammeln sich gerade viele hinter Tim Walters Mut. Nominell scheint diese Mannschaft die schwächste der vergangenen Jahre zu sein. Auch sind die Erwartungen an den Trainer geringer als an seine Vorgänger. Doch wer weiß, vielleicht hilft es ja, das Unternehmen Rückkehr aus der Rolle des Außenseiters zu starten. Walter sind solche Zuschreibungen gleichgültig. Er fand am Spiel seiner Mannschaft vor allem eines gut: „Dass wir gewonnen haben.“

Quelle: F.A.Z.
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