Im Gespräch: Heribert Bruchhagen

„Tanzt nicht!“

18.04.2010
, 14:55
„Es bleibt dabei, dass ich einen Traumjob habe”: Heribert Bruchhagen
Heribert Bruchhagen ist seit sechs Jahren Vorstandsvorsitzender und Manager von Eintracht Frankfurt. Vor dem Spiel gegen Hertha BSC am Sonntag um 17.30 Uhr spricht er über Nähe zu Fans, Funkels Rückkehr, Geld - und die Rente.
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Heribert Bruchhagen ist seit sechs Jahren Vorstandsvorsitzender und Manager von Eintracht Frankfurt. Der erste Mann bei der Eintracht vor dem Spiel gegen Hertha BSC über Nähe zu Fans, Funkels Rückkehr, Geld - und die Rente.

Am Sonntag kommen Hertha BSC Berlin und der frühere Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel nach Frankfurt. Nach all den Reibereien mit Michael Skibbe: Haben Sie Funkel schon mal nachgetrauert, was die Arbeitsatmosphäre betrifft?

Nein. Ich bin auch noch nie mit Herrn Funkel befreundet gewesen, ich schätze ihn aber als Mensch und Trainer sehr.

„Sie sollen nicht tanzen. Aber sie halten sich ja nicht daran”: Maik Franz (r.) feiert den Siegtreffer gegen Leverkusen
„Sie sollen nicht tanzen. Aber sie halten sich ja nicht daran”: Maik Franz (r.) feiert den Siegtreffer gegen Leverkusen Bild: REUTERS

Wie oft haben Sie seit Funkels Weggang mit ihm telefoniert?

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Kein einziges Mal. Wir haben uns einmal am Flughafen und einmal auf Mallorca getroffen.

Die Eintracht gegen die Hertha, ist das für Sie ein besonderes Spiel?

Nein. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass wir drei Spiele in Folge gewinnen und dann ein Endspiel in Wolfsburg haben. Die Erwartung ist nicht besonders realistisch, aber man kann die nächsten drei Spiele gegen Berlin, in Mainz und gegen Hoffenheim gewinnen.

Rechnen Sie mit Pfiffen gegen Funkel - als Abrechnung mit der alten Zeit?

Wenn jemand fünf Jahre lang erfolgreich bei einem Verein gearbeitet hat, gehört schon eine große Portion Zynismus dazu, ihn mit Pfiffen zu empfangen. Das wird aber nicht geschehen.

Funkel war lange bei der Eintracht, die meisten seiner Vorgänger nur sehr kurz. Sehen Sie eine Trainer-Ära per se als erstrebenswert an?

Es ist schon verwegen, dass Sie mich das fragen. Wenn ich überhaupt ein Markenzeichen habe, dann, dass ich meinen Trainern gegenüber absolut loyal bin. Da können Sie alle fragen, mit denen ich in den vergangenen 21 Jahren zusammengearbeitet habe.

Ist eine Ära Skibbe bei der Eintracht ein Ziel?

Absolut. Ich werde jedenfalls alles dafür tun. Die tiefe Sehnsucht der Eintracht, die sich auch in fünfzehn Trainerwechseln innerhalb von zehn Jahren gezeigt hat, ist natürlich immer noch da. Mehrheiten für Entlassungen von Trainern bekommen Sie immer nach Niederlagenserien. Aber nicht mit mir.

Zuletzt, nach dem begeisternden 3:2 gegen Leverkusen, haben Sie mal wieder verwirrend emotionslos gewirkt. Können Sie eigentlich nicht mal raus aus Ihrer Haut und mehr Emotionen zeigen?

Ich freue mich doch auch, so ist das ja nicht. Aber halt innerlich. Ich habe gute Gründe, so zu handeln und verfüge auch über ein funktionierendes Langzeitgedächtnis. Ich sage auch unseren Spielern immer: Wenn ihr ein Spiel gewonnen habt, tanzt bitte nicht vor den Fans. Die, vor denen ihr heute im Siegestaumel tanzt, die sitzen demnächst nach Niederlagen vor dem Bus und blockieren die Abfahrt - und dann muss man da hingehen. Das ist doch alles vorhersehbar. In der Euphorie und in der Depression machen Menschen die größten Fehler. Dem will ich vorbeugen.

Verderben Sie mit dieser Haltung nicht den Spaß?

Ich muss doch nicht das ganze Spektrum der Emotionen ausleben. Ich bin jedenfalls nicht bereit, durch die Wolken zu marschieren. Sie sollen nicht tanzen. Aber sie halten sich ja nicht daran. Und verbieten werde ich es ihnen nicht. Aber lassen Sie sich nicht zu dem Fehlurteil verleiten, dass ich nicht beglückt war, als Fenin kurz vor Schluss gegen die Bayern getroffen hat - oder Franz am Ende gegen Leverkusen. Wie kann man ernsthaft unterstellen, dass irgendwer bei der Eintracht an einer Weiterentwicklung des Klubs nicht interessiert wäre? Da lache ich mich doch tot. Wenn wir Tabellensechster werden, bekomme ich übrigens ein entschieden besseres Gehalt, als wenn wir auf Rang zwölf landen. Mehr muss ich ja wohl nicht sagen, wenn behauptet wird, ich träte als Bremser auf.

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Haben Sie heute Morgen schon den Aktienkurs von Sky kontrolliert?

Ja. Er lag bei 1,81 Euro.

Bereiten Ihnen die geschäftlichen Probleme des größten Pay-TV-Partners der Bundesliga Bauchschmerzen?

Wenn es so wäre, würde ich es nur Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, mitteilen. Weil er als Einziger autorisiert ist, über diese Problematik zu sprechen. Wenn jeder einzelne Manager sich äußern würde, kämen wir aus dem Wald nicht raus.

Wie erginge es der Eintracht, wenn die Fernsehgelder nicht mehr im bisherigen Umfang fließen würden?

Es würde uns sehr schwerfallen, uns auf so eine Situation einzustellen. Nur mit Marketing- und Zuschauereinnahmen geht es nicht. Aber die Summen würden ja wohl nicht komplett wegbrechen.

Gäbe es Sky nicht mehr, würde doch wohl ein anderer Anbieter an diese Stelle treten.

Das ist Spekulation, daran möchte ich mich nicht beteiligen.

Wie hoch ist im Eintracht-Etat die Summe aus den Fernseheinnahmen?

Für die ganze Liga sollen es in der kommenden Saison 224 Millionen Euro werden. Wir bekamen in dieser Runde 17 Millionen Euro, in der nächsten Spielzeit etwas unter 20 Millionen Euro. Das ist immer dem Tabellenplatz geschuldet. Der 15. Mai ist ein entscheidendes Datum.

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Inwiefern?

Am 15. Mai ist die Bürgschaft der Royal Bank of Scotland für Sky fällig. Kommt sie, oder kommt sie nicht - das ist eine wichtige Frage. Sky hat im vergangenen Jahr 906 Millionen Euro eingenommen und 1,5 Milliarden Euro ausgegeben. Macht knapp 600 Millionen Euro Verlust. Alle diese Fakten muss ich in den kommenden Vertragsgesprächen berücksichtigen, wenn es um die Personalien Altintop oder Spycher geht.

Da würde doch die Qualifikation für den Europapokal helfen.

Wir sind im Augenblick in einem Wettstreit mit dem Hamburger SV, VfL Wolfsburg und dem VfB Stuttgart um einen Platz in der Europa League und zu Recht der totale Außenseiter. Alle drei Klubs haben einen Lizenzspieleretat von mehr als fünfzig Millionen Euro. Das ist im Vergleich mehr als doppelt so viel Geld, als uns zur Verfügung steht. Das sagt eigentlich alles über die Ausgangslage aus.

Thomas Tuchel, der Trainer von Mainz 05, sagt, dass es sich Klubs trotz schwieriger Ausgangsposition erlauben müssen, große Ziele zu haben, "groß zu denken", wie er sagt. Das klingt ein bisschen wie Michael Skibbe, wenn der die Eintracht auf Augenhöhe mit Stuttgart, Leverkusen oder Dortmund bringen möchte. Können Sie alldem folgen?

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Ich kenne Tuchel nicht, ich habe noch nicht einen Satz mit ihm gesprochen. Aber ich gebrauche seit Jahren diese Formulierung: Wir müssen Schritt für Schritt besser werden - das ist für mich die gleiche Aussage.

Sie sind Vorstandsvorsitzender und Manager in Personalunion. Gab es nie Überlegungen, das voneinander zu trennen?

Wir haben es sechs Jahre lang in einer anderen Konstellation gemacht als bei anderen Vereinen üblich, und wir haben es nicht schlecht gemacht. Ich bin als Manager und nicht als Vorstandsvorsitzender zur Eintracht gekommen. Die Lösung damals war der finanziellen Situation geschuldet. Ich sehe mich in erster Linie als Sportlicher Manager.

Und in zwei Jahren, wenn Ihr Vertrag ausläuft, ist Schluss?

In meiner Lebensplanung ist die Pensionierung kein Licht am Ende des Tunnels. Ich habe überhaupt keine Neigung, jeden Tag Golf zu spielen.

Warum waren Sie zuletzt so verärgert, als berichtet wurde, die Eintracht werde bald einen neuen Trikotsponsor haben?

Wer aus dem Verein so etwas durchsickern lässt, erfüllt den Straftatbestand der Untreue. Ich weiß ja, über welche Kanäle das nach draußen gedrungen ist - und ich habe deutlich gemacht, was das in der Konsequenz bedeutet.

Werden Sie Ihren Nachfolger mit aussuchen?

Wenn mich der Aufsichtsrat fragt, mache ich das. Aber ich weiß gar nicht, warum Sie mich immer nahe der Rente sehen. Ich arbeite gerne im Fußball. Mit siebzig bin ich allerdings nicht mehr Vorstandsvorsitzender, da kann ich Sie beruhigen.

Fühlen Sie sich manchmal zu alt, um gewisse Dinge beschwingt mitzumachen - mit jüngeren, dynamischen Trainern zu streiten etwa, oder Spielern mit Mitte zwanzig Millionen hinterherzuwerfen?

Warum setzen sie jung und dynamisch gleich? Das ist ein Trugschluss, da habe ich eine andere Trainerwahrnehmung. Ich kenne alle Trainer in der Bundesliga bis auf Thomas Tuchel aus Mainz, aber dass jung gleich dynamisch ist, das ist mir noch nicht aufgefallen.

Und Ihre Lust am Fußball ist ungebrochen?

Ja. Ich freue mich immer noch über jedes Fußballspiel. Früher habe ich an einem Wochenende drei Spiele live gesehen, und das könnte ich heute noch machen, wenn ich dazu käme. Am Mittwoch habe ich mir Offenbach gegen Wuppertal angesehen, und ich habe mich darüber gefreut. Fußball ist meine große Neigung, da habe ich keinerlei Verschleißerscheinungen. Was mir manchmal fehlt, das ist nach Hause zu kommen, zu duschen und mich auf die Couch zu legen, um Champions League zu gucken. Dazu komme ich selten, weil ich viele andere Verpflichtungen haben.

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Und das Alter macht Ihnen noch keine Probleme?

Ich bin zwar alt, aber ich fühle mich noch nicht so. Auch wenn ich auf mich achten muss und zwei-, dreimal in der Woche laufen gehe, um in Form zu bleiben. Es bleibt dabei, dass ich einen Traumjob habe. Daran ändern auch die Aufgeregtheiten des Tagesgeschäfts nichts. Die reichen nicht aus, um frustriert zu sein oder das Berufsende herbeizusehnen.

Das Gespräch führten Marc Heinrich, Uwe Marx und Ralf Weitbrecht.

Quelle: F.A.Z.
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