Jann-Fiete Arp in Kiel

Sehnsucht nach Schwerelosigkeit

Von Frank Heike, Hamburg
25.07.2021
, 10:52
Schön nah: Jann-Fiete Arp im Kieler Trikot
Jann-Fiete Arp ist nach seiner unglücklichen Zeit beim FC Bayern erstmal zurück im Norden: In der zweiten Liga will das einstige Wunderkind bei Holstein Kiel die Freude am Fußball wieder entdecken.

Nähe und Nestwärme. Jann-Fiete Arp sucht sein Glück im Profifußball, und diese beiden Attribute sollen dabei helfen. Da ist die Nähe zur Heimat. 45 Kilometer sind es von Kiel nach Bad Segeberg. Dort leben Arps Eltern. Etwas weiter entfernt, in Wahlstedt, hat er als Vierjähriger begonnen, Fußball zu spielen. Nestwärme, die er beim Hamburger SV und Bayern München nicht fand, soll die KSV Holstein Kiel liefern. Im besten Sinne unaufgeregt geht es bei Holstein zu. Trainer Ole Werner sagt: „Fiete ist ein Typ, der sich leicht integriert. Er soll bei uns die Freude am Fußball wiederfinden.“

2. Bundesliga

Die ersten Bilder sind verheißungsvoll. In der Startelf bei den Tests gegen den VfL Wolfsburg (1:0) und den Halleschen FC (1:1), mittendrin in den täglichen Einheiten – der 21 Jahre alte Stürmer wirkt, als habe er die vergangenen Jahre hinter sich gelassen: „Ich fühle mich rundum wohl. Ich spiele wieder schwereloser, befreiter.“

Start auf der Bank?

Und doch könnte die Rückkehr in den Profifußball an diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga und bei Sky) beim FC St. Pauli von der Bank starten, denn Werner dürfte Zugang Holmbert Fridjonsson als Mittelstürmer einsetzen. Arp gilt als Ersatz für den 1,95 Meter langen Isländer. In Kiel wird er als Wundertüte gesehen, als Talent, das vielleicht hilft – aber nicht helfen muss.

Die schonende Handhabe könnte helfen. Denn seit seinem ersten Bundesliga-Tor als 17-jähriger Profi am 28. Oktober 2017 für den HSV ist vieles auf Arp eingestürzt. Die viel zu großen Erwartungen, als mancher ihn mit Uwe Seeler verglich, der Wechsel 2019 zum FC Bayern, der selbstgewählte Abstieg 2020 zur zweiten Mannschaft des FCB in die dritte Liga – und die dortige Ausbootung durch Trainer Danny Schwarz, der im Saisonfinale andere einsetzte, Arp auf der Tribüne parkte und dies mit Trainingseindrücken begründete: Das war der Tiefpunkt seiner jungen Karriere.

Leihe für 50.000 Euro

Arp sagte gegenüber dem NDR: „Es hat mich eigentlich nicht bedrückt, in der zweiten Mannschaft zu spielen. Es war am Ende eher der Umstand, dass ich dieses Jahr als Sprungbrett für die kommenden Jahre nehmen wollte und es dann nicht erfolgreich lief. Es war einfach nur erdrückend, weil ich gemerkt habe, dass der Plan, den ich habe, überhaupt kein Thema mehr ist.“ Sein Fazit: „Es war ein Jahr, das sportlich auch wieder nicht gut lief.“

Holstein Kiel hat ihn nun für 50.000 Euro ausgeliehen; Arp besitzt bei den Bayern einen Vertrag bis 2024 und verdient dort Millionen. In Kiel möchte er die Freude am Spiel zurückgewinnen – eine Freude, die ihm in seinen Profijahren beim HSV abhandengekommen war: „Jedes Mal, wenn die Zeitung wieder geschrieben hat, was für ein super Spieler ich bin, saß ich zu Hause und habe mir gesagt: ‚Nein, nein, so super bist du gar nicht.‘ Das hat sich dann festgesetzt, sodass ich die kleinen positiven Dinge nicht mehr angenommen habe, weil ich mir irgendwie angewöhnt habe, alles herunterzuspielen.“ Auch Negatives habe er ignoriert: „Es entstand eine emotionslose Phase, weil ich mich nicht mehr gefreut habe, aber ich mich auch nicht mehr richtig ärgern konnte. Das passt überhaupt nicht zu mir, weil ich, gerade was den Fußball angeht, ziemlich emotional bin.“

Der Wechsel zum Rekordmeister befreite ihn vor zwei Jahren von der Hamburger Last – war unterm Strich aber alles andere als ein Schritt nach vorn. Den will Fiete Arp jetzt im Trikot Holstein Kiels machen. Und mit einem Tor beim FC St. Pauli würde er sich den HSV-Fans auch wieder positiv in Erinnerung rufen.

Quelle: F.A.S.
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