Joshua Kimmich im Interview

„Mehr geht fast nicht“

Von Christian Kamp
Aktualisiert am 27.12.2016
 - 14:32
Ein Gesicht des Fußballjahres 2016: Joshua Kimmich vom FC Bayern.zur Bildergalerie
In einem Jahr wurde aus dem Bundesliga-Newcomer Joshua Kimmich ein Stammspieler im DFB-Team. Im F.A.Z.-Interview spricht er über bayerische Lektionen, Wutausbrüche und eine Liebe in Leipzig.

Joshua Kimmich hat ein besonderes Jahr hinter sich. Vor zwölf Monaten war er noch ein Bundesliga-Newcomer bei den großen Bayern, jetzt ist er fester Bestandteil des deutschen Fußball-Nationalteams und einer der Aufsteiger der Saison. Nach dem Sieg über Leipzig kurz vor Weihnachten gingen die Münchner als Erster der Bundesliga-Tabelle in die Winterpause, bevor es im Januar weitergeht.

Sind Sie erleichtert, dass mit dem Sieg gegen Leipzig die Verhältnisse wieder zurechtgerückt sind?

Wenn man die erste Halbzeit gesehen hat, freut man sich einfach mit und ist ein Stück weit stolz, wie wir den Tabellenzweiten dominiert haben und in welcher Art und Weise wir auch in der Höhe verdient gewonnen haben. Wir hätten ja noch das eine oder andere Tor mehr schießen können.

Vor dem Spiel gab es von außen durchaus Zweifel, wie die Bayern mit diesem Gegner klarkommen würden, jetzt war es die beste Saisonleistung, oder?

Es war sogar in den anderthalb Jahren, die ich hier bei Bayern bin, sicherlich eines der besten Spiele, die wir gemacht haben. Viele haben ja Leipzig einiges zugetraut und vielleicht sogar gehofft, dass wir verlieren. Dass wir dann so dominant, souverän und selbstsicher gewinnen, ist nicht selbstverständlich.

War es ein Musterbeispiel für die Ancelotti-Bayern?

Natürlich ist es für uns einfacher, wenn du gegen einen Gegner spielst, der auch mitspielen möchte, wenn die Kette etwas höher steht und dadurch größere Räume hinter der Abwehr des Gegners sind. Da profitieren vor allem unsere Außenbahnspieler oder auch Lewy (Robert Lewandowski), die ihre Stärken dann besser ausspielen können.

Hat die Mannschaft das erste Mal so richtig gemerkt, was mit diesem Stil möglich ist?

Das Spiel muss auf jeden Fall für die Zukunft der Maßstab sein, daran müssen wir uns orientieren.

Sie selbst hätten gegen die alten Kollegen vermutlich gern noch ein bisschen mehr gezeigt.

Sehr gerne, ja! Ich war froh, dass ich dann noch reingekommen bin (in der 75. Minute, d. Red.). Aber natürlich würde man da gern von Anfang an spielen, gerade wenn man gesehen hat, wie wir gespielt haben. Da hat jeder richtig Lust, auf dem Platz zu stehen.

Sie hätten noch einen ziemlich guten Draht nach Leipzig, heißt es.

Ja. Meine Freundin wohnt dort, weil sie in Leipzig studiert und arbeitet. Deswegen bin ich häufiger mal da. Und mit ein paar von den Jungs bin ich auch noch ganz eng befreundet.

Und: Was können Sie mit diesem Insiderwissen über das Leipziger Erfolgsrezept sagen?

Viele junge Spieler, die noch viel erreichen wollen, alle an einem Strang ziehen und alle richtig Gas geben. Und ich weiß, dass da auch eine sehr gute Kameradschaft herrscht.

Glauben Sie, dass Leipzig bis zum Schluss ein Meisterschaftsrivale sein wird?

Die Tabelle lügt nicht, heißt es, sie stehen zu Recht da oben. Aber es wird etwas anderes sein, wenn sie nach der Winterpause als Favorit in die Spiele gehen. Wenn sie das Spiel machen müssen. Unsere Mannschaft kennt das seit Jahren, daher sehe ich natürlich schon einen Vorteil für uns.

Xabi Alonso hat gegen RB auffällig und gut gespielt, der Mann, den Sie vielleicht irgendwann mal ablösen sollen. Ist er so etwas wie ein Vorbild für Sie?

Man hat ja gesehen, welche Qualitäten er hat, was er für Diagonalbälle gespielt hat, wie er das 2:0 macht. Er ist für uns ein sehr wichtiger Spieler. Das ist natürlich jemand, an dem man sich orientiert. Ich bin 21, Xabi 35. Es ist klar, dass ich noch nicht die Erfahrung auf den Platz bringen kann wie er, aber natürlich ist es irgendwann das Ziel, mehr Einsatzzeiten auf dieser Position zu bekommen. Den Anspruch habe ich an mich selbst - auch wenn die Konkurrenz bei uns natürlich groß ist.

Zu Beginn der Saison haben Sie mehr oder weniger durchgängig gespielt, haben auch eine Reihe von Toren geschossen. Zuletzt sind Sie eher von der Bank gekommen. Ist das im Rahmen der normalen Schwankungen in so einem Kader, oder haben Sie schon das Gefühl, sich Ihren Status in der Rückrunde zurückholen zu müssen?

Ich hab schon überlegt, ob ich aufhöre mit Fußball. (lacht) Nein, im Ernst. Man muss das schon richtig einschätzen können. Ich bin hier bei Bayern München und nicht bei einem Drittligisten, wo es keine englischen Wochen gibt und man jede Woche ein und dieselbe Elf spielen lässt. Am Anfang, in den ersten zehn Spielen, habe ich gezeigt, wie wichtig ich für die Mannschaft sein kann, ich habe auch einige wichtige Tore erzielt. Natürlich hofft man dann, dass man auch danach ein bisschen mehr spielen darf. Aber wenn ich das ganze Halbjahr sehe, habe ich doch viel Spielzeit bekommen. Mehr, als mir sehr viele Leute zugetraut haben vor der Saison.

Egal, mit wem man über Sie spricht - alle schwärmen von Ihrer besonderen Mentalität. Auch wenn so etwas immer nicht ganz einfach ist: Wie würden Sie das selbst beschreiben?

Ich kann von mir selbst behaupten, dass ich sehr, sehr ehrgeizig bin. Das merke ich in jedem Training. Wenn ich da ein Spiel verliere, kann es durchaus sein, dass ich erst mal noch richtig sauer bin, wenn ich nach Hause komme und dass dies manchmal auch den ganzen Tag anhalten kann. Aber so ein Ehrgeiz gehört dazu, sonst kannst du dich nicht verbessern und hier in München auch nicht mithalten.

Dass sie nicht verlieren können - war das schon immer so?

Ja. Früher war ich da noch schlimmer. Aber nicht nur beim Fußball. Wenn wir in meiner Familie oder mit Freunden was gespielt haben, kann da mal der eine oder andere Ausraster dabei gewesen sein. (lacht)

Und auf dem Platz?

In der Jugend, mit unserem Dorfverein, haben wir sehr oft gewonnen. Wenn wir dann mal verloren haben, sind ab und zu Tränen geflossen bei mir.

Waren sie ein richtiger Hitzkopf?

Ja. Aber nicht so, dass ich dann gefoult hätte oder unfair gewesen wäre. Eher dickköpfig. Man hat mir dann angemerkt, dass ich sauer war. Da ist es auch vorgekommen, dass ich ein bisschen rumgeschrien habe, wenn ich mit mir und meinen Mitspielern unzufrieden war.

Nicht verlieren können ist das eine, das umzuwandeln in positive Energie das andere. War es schwer, das zu lernen?

Meine Mutter hat früher oft gesagt, dass ich am besten spiele, wenn ich richtig sauer bin. Aber ich musste auch lernen, damit umzugehen. Früher war ich zu negativ.

Und wann sind Sie dann zu dem geworden, was man heute einen Mentalitätsspieler nennt?

Als ich beim VfB Stuttgart in der Jugend war. Ich wollte immer gewinnen und ich habe mehr als früher versucht, das in positive Energie umzumünzen. Da habe ich gemerkt, dass ich die Jungs auch immer etwas mitreißen konnte.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie sich von vielen Kollegen fußballerisch etwas abschauen, dass Sie dafür sogar Youtube-Videos studieren. Achten Sie auch speziell auf Dinge wie Ausstrahlung, auf Mentalität?

Auf jeden Fall.

Zum Beispiel?

Gianluigi Buffon. Das ist für mich einer - der strahlt richtig was aus. Das spüre ich, auch ohne dass ich ihn verstehe. Ich habe jetzt ja auch viermal gegen ihn spielen dürfen. Wenn man den sieht, hat man richtig Respekt.

War es dann auch eine Frage der Mentalität, dass Sie bei der EM im Elfmeterschießen gegen ihn angetreten sind, zumal Sie kurz zuvor, im Pokalfinale gegen Dortmund, verschossen hatten? Oder war es so, dass Sie einfach ranmussten?

Sagen wir so: Ich wollte nicht unbedingt als einer der Ersten ran. Aber der Elfmeter gegen Dortmund hat mir definitiv weitergeholfen. Wenn der nicht gewesen wäre, hätte ich den gegen Italien nicht einfach so versenken können. Ich habe daraus meine Schlüsse gezogen.

Sie haben diesen Fehlschuss im Nachhinein richtig analysiert?

Ja. Da wollte ich den Torwart ausgucken, der hat sich aber nicht bewegt, und dann hatte ich keine Lösung parat. Gegen Italien dachte ich: Knall ihn in die Ecke, der Buffon wartet eh lange, dann wird er auch nicht ganz rüberkommen in die Ecke. Dann wird’s schon gutgehen.

Es ging gut. Dann kam das Halbfinale gegen Frankreich. Für Sie war es bis dahin, nachdem Sie gegen Nordirland ins Team gerutscht waren, eine herausragende EM, die Uefa nahm Sie später sogar in ihre Turnier-Auswahl auf. Trotzdem waren Sie in Marseille auch beteiligt an der Szene, die zum 0:2 geführt hat. Trübt das Ihr EM-Erlebnis noch?

Nein, überhaupt nicht. Was mich betrübt, ist, dass wir danach noch sehr gute Chancen hatten, ich selbst auch zwei Stück, und dass wir sie nicht nutzen konnten. Wenn da einer reingegangen wäre, wären die Franzosen vielleicht noch mal nervös geworden. Sicher, unmittelbar danach hat es mich noch beschäftigt, das Ausscheiden überhaupt hat mich bestimmt eine Woche belastet. Aber insgesamt kannst du aus so einem Turnier eigentlich nur Positives mitnehmen. Ich habe so viel gelernt, habe in einem EM-Halbfinale gestanden, gegen den Gastgeber und von Anfang an, mehr geht fast nicht.

Danach war von vielen zu hören: Wir waren die Besten und sind trotzdem ausgeschieden.

So habe ich es auch empfunden. Wir haben ein sehr gutes Turnier gespielt. Die Franzosen hatten wir nach den ersten zehn Minuten komplett unter Kontrolle. Die waren zur Halbzeit schon ziemlich am Ende, und dann bekommen sie eben noch den glücklichen Elfmeter (nach Bastian Schweinsteigers Handspiel, d. Red.), dann kommst du natürlich noch mal anders raus aus der Kabine.

Gab es beim Auseinandergehen so eine Art Schwur - nach dem Motto: So etwas passiert uns in zwei Jahren nicht noch einmal?

Das kann man so nicht sagen. Zwei Jahre sind ja eine lange Zeit, da weiß man nicht, wie die Mannschaft dann ausschaut. Es war einfach eine sehr große Enttäuschung zu spüren.

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre im Nationalteam vorgenommen?

Im Moment bin ich froh und stolz, dass ich seit der EM jedes Spiel gemacht habe, immer von der ersten Minute an. Ich fühle mich jetzt als Stammspieler und werde alles dafür geben, dass ich es bleiben werde.

Haben Sie eigentlich das neue Buch über Pep Guardiola gelesen, das gerade in England erschienen ist?

Nur ein paar Stellen. Aber meine Mutter hat es mir gekauft, ich will es schon noch ganz lesen.

Es gibt darin eine Wortlaut-Version einer ziemlich berühmt gewordenen Szene aus dem vergangenen Jahr: Als Guardiola nach dem 0:0 in Dortmund wild gestikulierend auf Sie einredete. Offenbar hat er Sie erst heftig kritisiert, weil Sie eine Anweisung nicht befolgt haben, dann aber geradezu überschwänglich gelobt. War das ein typischer Guardiola?

Auf jeden Fall. Wenn ihm etwas aufgefallen ist, dann hat er das einem direkt gesagt und nicht ein, zwei Tage später, wenn die Szene vielleicht gar nicht mehr so präsent ist. Das war ja überhaupt das Besondere an ihm. Dass er einem immer gleich gesagt hat, was man zu verbessern hat, auch im Training.

War es für Sie ein großes Glück, einen Trainer gehabt zu haben, der sich in so einem Maße um Sie gekümmert hat?

Nicht nur um mich, auch um die anderen. Aber gerade als junger Spieler ist es eben wichtig, dass man einen Trainer hat, der darauf achtet. Für Franck (Ribéry) oder Xabi (Alonso) ist es nicht mehr ganz so wichtig, dass sie einen haben, der ihnen jeden Tag sagt, was sie zu machen haben. Aber als junger Spieler braucht man das, um eben da hinzukommen, wo Franck und Xabi schon sind.

Und er hat Dinge aus Ihnen herausgeholt, von denen Sie selbst nicht wussten, dass Sie sie draufhaben.

Ja, auf jeden Fall, da muss man ja nur die Positionen durchgehen. Mit Innenverteidiger hat er mir eine neue Option gegeben, ich habe auf der Außenbahn gespielt, im zentralen Mittelfeld, außen im Mittelfeld. Er hat mir die Chance gegeben, mich immer weiterzuentwickeln, indem er immer neue Ansprüche an mich gestellt hat. Von der Sechser-Position dachte ich, dass ich sie eigentlich schon sehr gut kenne aus der Jugend. Aber wenn man sieht, was er mir dann noch zeigen konnte, muss ich sagen: Ich wusste nicht viel über die Position. Er hat einem sehr viele Räume und Dinge beigebracht. Ich habe bei ihm einen ganz anderen Blick auf das Spiel bekommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kamp, Christian
Christian Kamp
Sportredakteur.
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