<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Mainz-Trainer Sandro Schwarz

„Beste Freunde gönnen einander alles“

Von Peter H. Eisenhuth und Daniel Meuren, Mainz
 - 09:34
Ein Bild aus WG-Zeiten: Sandro Schwarz und Marco Rose (rechts) im Jahr 2007.zur Bildergalerie

Sandro Schwarz und Marco Rose spielten zusammen für Mainz 05 und manchmal gegeneinander, als Schwarz beim SV Wehen Wiesbaden war. Sie wohnten zusammen in einer WG, sind Patenonkel der Kinder des jeweils anderen und verbringen fast alle Urlaube miteinander. Am Samstag (15:30 Uhr/ live beim F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga in Sky) aber sind sie Gegner in der Bundesliga. Schwarz trainiert Mainz 05, wo sich beide vor anderthalb Jahrzehnten in der Ära Jürgen Klopps kennengelernt hatten. Marco Rose ist seit dieser Saison Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach.

Wie begrüßen Sie Ihren besten Freund Marco Rose am Samstag vor Ihrem ersten Duell als Trainer?

Ich denke mal, mit Handschlag.

2007 hatten Sie sich im Zweitligaduell zwischen Ihrem damaligen Klub SV Wehen Wiesbaden und Mainz 05 als Kapitäne mit Küssen auf die Wangen begrüßt. Das wiederholen Sie nicht?

War das so? Wir haben jetzt wegen des ersten Bundesligaspiels nichts Besonderes überlegt. Einprägsamer war für mich damals der erste Zweikampf kurz nach Anpfiff. Da ging es zur Sache, und unsere Freundschaft war mal kurz vergessen.

Bundesliga
ANZEIGE

Als Spieler hatten Sie zur Zeit Ihres Aufeinandertreffens sogar noch zusammengewohnt. War das noch spezieller als das Duell am Samstag?

Für unsere Eltern ist das Ganze jetzt vielleicht spezieller, wenn die Söhne als Trainer aufeinandertreffen. Auch für Außenstehende mag das ein komisches Thema sein. Wir sind beste Freunde, ich bin Patenonkel von Marcos Tochter, er ist Patenonkel meines Sohnes. Aber wir haben auch im Urlaub, bei Telefonaten oder beispielsweise beim Geburtstag meines Sohnes wenig über das Aufeinandertreffen am zweiten Spieltag gesprochen. Natürlich haben wir, als der Spielplan herauskam, gesagt: Cool, das kommt jetzt ganz flott. Aber für uns ist das jetzt gar nichts so Besonderes. Jeder macht seinen Job. Man sollte nicht denken, dass wir immer nur über Fußball reden.

Sie haben jetzt nicht die in ähnlichen Fällen übliche Kontaktsperre vereinbart?

Nein, wir haben nichts vereinbart. Ich wäre ja auch blöd, weil ich einen klaren Vorteil habe: Mein Patenkind hat schon ein eigenes Handy, und auf diesem Kommunikationsweg ist sicher das eine oder andere herauszubekommen. (lacht)

Sie haben einander auch genug zusammen abseits des Platzes erlebt. Zum eher Spektakulären gehört die Geschichte um das Schwimmbad, das Sie in ihrer gemeinsamen WG zugrunde gerichtet haben…

Es war verschimmelt.

Wer hatte Schuld?

Beide. Wir hatten zusammen eine Party veranstaltet und konnten danach die Temperatur im Schwimmbad nicht mehr runterregeln. Irgendwann kamen die Schimmelflecken.

Streit gab es keinen?

Nur mit dem Vermieter. Aber wir haben uns letztlich geeinigt. Das Schwimmbad wurde abgerissen und der Garten etwas größer. (lacht)

War eine Trainerlaufbahn schon zu Zeiten Ihrer WG ein Thema für Sie beide?

Ich glaube schon, dass ich da für uns beide sprechen kann: Wir haben uns früh Gedanken gemacht, was wir nach der Fußballerkarriere mal machen können. Es war schnell absehbar, dass wir zumindest unsere Trainerscheine machen würden.

Marco Rose ist nun schon der sechste Bundesligatrainer aus der noch recht jungen Mainzer Trainerschule, die angeführt wird von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Martin Schmidt, Rose und Sie sind jetzt in der ersten Liga, der frühere Braunschweiger Coach Torsten Lieberknecht ist auch in Mainz geprägt worden. Was ist das Geheimnis von Mainz 05?

Es gibt noch einige mehr, die man dazu zählen muss, die ebenfalls im Fußball arbeiten: Christian Hock als Sportchef in Wehen, Sven Demandt, Peter Neustädter oder Adi Spyrka, die auf hohem Niveau im Fußball unterwegs sind, und noch einige mehr. Das hat in allererster Linie mit dem leider schon verstorbenen Wolfgang Frank zu tun, der Kloppo, mich und ein paar andere vor 20 Jahren als Zweitligaspieler in Mainz geprägt hat. Das hat sich dann fortgesetzt bei uns im Nachwuchsleistungszentrum, wo dieses Erbe bewahrt und darauf aufgebaut wurde.

Haben Sie dieses Erbe auch an Marco Rose weitergegeben, der erst viel später zu Mainz 05 kam?

Marco hat Kloppo ganz intensiv erlebt in den Jahren rund um den Bundesliga-Aufstieg. Ich habe ihm sicherlich auch Sachen von Wolfgang Frank erzählt, aber ihm wurde das vermutlich mehr noch durch Klopp auf dem Trainingsplatz vermittelt, worum es in Mainz in der weiterentwickelten Tradition von Frank geht.

Die „11 Freunde“ haben Sie unlängst zum „geilsten Trainer“ der Bundesliga gekürt, weil Sie zum einen beim Christopher Street Day als Schirmherr fungiert und zum anderen Zuschauer bei einem Testspiel in die Schranken gewiesen haben, die einige Ihrer Spieler mit rassistischen Rufen beleidigt hatten. Ehrt Sie die Würdigung?

Es stand nie die Idee dahinter, dass am Ende eine Würdigung herauskommt. Was darin inhaltlich wiedergegeben wurde, freut mich natürlich.

Ab wann besteht die Gefahr, in eine Ecke als „politischer Trainer“ gedrängt zu werden? Hatten sich auch Medien wegen Clemens Tönnies bei Ihnen gemeldet?

Nein, und ich weiß auch nicht, ob eine solche Gefahr besteht. Ich möchte nicht als politischer Trainer wahrgenommen werden. Aber dennoch können Situationen eintreten, wie bei dem Rassismus-Vorfall im Stadion, in denen ich einfach eingreifen möchte. Wie oder ob das später wahrgenommen wird, daran denkt man in so einer Situation doch gar nicht. Ich habe das in dem Moment einfach gefühlt, dass ich so handeln musste. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Ich wollte eine klare Grenze setzen.

Und wie kam es zur Schirmherrschaft beim Christopher-Street-Day?

Wir haben die Anfrage bekommen, und dann habe ich mich damit beschäftigt. Die Vorstellung, dass man mir vorschreibt, wen ich zu lieben habe und wen nicht oder dass ich nicht ich selbst sein dürfte, finde ich grausam. Deshalb war mir klar, dass ich die Schirmherrschaft übernehmen will. Aber nochmal: Ich möchte niemals etwas für ein bestimmtes Echo in den Medien tun. Ich möchte das tun, was mir wichtig ist, zu dem ich eine klare Haltung habe. Zu Werten stehen wie Toleranz, die mir wichtig sind.

Sie könnten jetzt aber natürlich immer wieder zum Thema Homosexualität im Fußball gefragt werden. Haben Sie die Schirmherrschaft auch übernommen, weil Sie in der Karriere von Mitspielern mitbekommen hatten, dass Sie sich verstecken mussten?

Nein. Ich habe zumindest nichts davon mitbekommen. Aber durch öffentliche „Coming-outs“ ist ja bekannt, dass es das im Fußball gab und gibt. Ich hoffe, dass der Fußball sich so entwickelt, dass ein offener Umgang möglich ist. Aber die Schirmherrschaft habe ich nicht in erster Linie als Fußballtrainer übernommen, sondern als Mensch Sandro Schwarz, der sich für Toleranz einsetzt.

Die Begrüßungsküsse bei Marco Rose und Ihnen hätten damals auch als Outing verstanden werden können.

Das kann schon sein, dass damals manche spekuliert haben. Es war in Mainz bekannt, dass wir zusammengewohnt haben. Kuss rechts, Kuss links ist in Italien oder Frankreich ganz normal, bei uns in Deutschland eher nicht. Aber mich hätte das nicht gestört, wenn mich Leute darauf angesprochen hätten. Vielleicht trägt auch so was zur Normalisierung bei.

Ihr Einsatz gegen den dumpfen Rassismus auf der Tribüne beim Testspiel hat großes Echo hervorgerufen. Haben auch Ihre Spieler darauf reagiert?

Nein. Die Spieler haben das gar nicht richtig mitbekommen. Und ich erwarte da auch keinen Applaus. Es ging um etwas ganz Selbstverständliches für mich und war schnell abgehakt. Es war ja eine ganz kleine Gruppe, die ihr Fehlverhalten mittlerweile hoffentlich eingesehen hat.

Die Ereignisse tragen aber dazu bei, Ihr Profil zu schärfen. Genau das braucht Mainz 05 vermutlich, dass wenigstens der Trainer in einem Team mit großer Fluktuation ein Gesicht des Klubs wird. Sind Sie bereit, diese Rolle zu übernehmen?

Das ist nicht mein erstes Ziel. Ich sage mir jetzt nicht: Ich muss das Gesicht werden. Was aber klar ist: Auch im dritten Jahr spüre ich einen sehr großen Rückhalt, im Vorstand, im Aufsichtsrat, im Verein. Dieser Verantwortung will ich mit großer Freude gerecht werden. Es macht mir Spaß, das vorzuleben und den Kurs vorzugeben. Ob ich dann das Gesicht bin, ist mir nicht wichtig.

Die Ereignisse tragen aber dazu bei, Ihr Profil zu schärfen. Genau das braucht Mainz 05 vermutlich, dass wenigstens der Trainer in einem Team mit großer Fluktuation ein Gesicht des Klubs wird. Sind Sie bereit, diese Rolle zu übernehmen?

Das ist nicht mein erstes Ziel. Ich sage mir jetzt nicht: Ich muss das Gesicht werden. Was aber klar ist: Auch im dritten Jahr spüre ich einen sehr großen Rückhalt, im Vorstand, im Aufsichtsrat, im Verein. Dieser Verantwortung will ich mit großer Freude gerecht werden. Es macht mir Spaß, das vorzuleben und den Kurs vorzugeben. Ob ich dann das Gesicht bin, ist mir nicht wichtig.

Jan Lehmann, der Kaufmännische Vorstand, hat unlängst im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt, „der Trainer ist bei uns autark, der weiß schon, was er tut“. Trotzdem brauchen Sie ja auch das Gefühl, die entsprechende Unterstützung des Vereins zu spüren. Wie sehr ist das in den vergangenen zwei Jahren gewachsen?

Mein Fokus liegt natürlich zunächst mal darauf, mit meiner Mannschaft erfolgreich zu sein. Ob der Verein mir am Ende die Kraft gibt? Möglich. Ich glaube aber die größte Kraft, die größte Energie ist die, die man aus sich selbst herauszieht. Die größte Gelassenheit habe ich, wenn meine Leute und die Fans mich so annehmen, wie ich bin. Diesen Eindruck habe ich seit einer Fanveranstaltung im Frühjahr vorigen Jahres, als wir uns in einer schweren Krise den Anhängern gestellt haben. Danach wusste ich, dass ich so sein kann, wie ich bin, mit meinen Verhaltensweisen, meinen Werten, auch mit meinen Fehlern, und allem Drumherum. Wenn ich dieses Gefühl nicht hätte, wäre ich nicht gut. Das ist der große Unterschied zum ersten Jahr, dass ich mir damals nicht diese Freiheit zugestanden habe, so zu denken, so zu fühlen, sondern erst mal gedacht habe, ich müsse mich freischwimmen, ich müsse es allen Recht machen. Darüber habe ich mich in der einen oder anderen Situation selbst ein bisschen verloren.

Bundesliga-Tippspiel 2019/2020
Bundesliga-Tippspiel 2019/2020

Jetzt anmelden und gewinnen

In der Bundesliga hat man oft den Eindruck, dass Leute eine Fassade bauen, weil sie glauben, sie könnten sich nicht so geben, wie sie sind.

Ich könnte das nicht. Ich merke das jedes Mal, wenn mir eine Aufgabe gestellt wird, bei der ich eine Rolle spielen muss. Das ist für mich das Schwierigste überhaupt. Wenn ich mir jeden Tag im Auto Gedanken darüber machen müsste, was an dem Tag alles kommen kann, welche Fragen mir gestellt werden und welche Antworten ich darauf geben kann, nur um in einem bestimmten Licht zu erscheinen, würde ich so viel Energie verlieren, dass ich nicht gut arbeiten könnte.

Wäre es denkbar gewesen, zwei gleichberechtigte Chefs zu installieren? In der schwedischen Nationalmannschaft gab es dieses Modell ja schon, Bayer Leverkusen hat es auch mal praktiziert.

Ich glaube, die Leverkusener handhaben das im Nachwuchsleistungszentrum immer noch mit zwei Trainern auf einer Ebene. Ich halte das für schwierig. Wenn zwei Alphatiere unterschiedlicher Meinung sind und am Ende eine Entscheidung zu treffen ist, erfordert das ein großes Geben und Nehmen. Aber wir haben dieses Modell nie durchgesprochen. Wenn wir zusammen zu einem Verein gegangen wären, dann schon in der klassischen Verteilung Chef- und Kotrainer.

Wie sehr würde Ihnen denn ein Kotrainer Marco Rose helfen? Es gab ja mal Überlegungen zu einer solchen Konstellation.

Wir sind beide froh, dass es sich genauso entwickelt hat, wie es jetzt gekommen ist. Das Gesprächsthema, wer bei wem Kotrainer werden könnte, hatten wir ja nicht erst vor zwei Jahren, das ging schon viel früher los. Wir konnten uns beide vorstellen, dass, wenn einer von uns Cheftrainer wird, der andere als Kotrainer mitgeht. Damals haben wir noch gar nicht von Bundesliga gesprochen.

Was für einen Typen hat die Bundesliga mit Marco Rose bekommen?

Erstens einen, der eine klare Idee von seinem Fußball hat, geprägt durch die RB-Schule, aber auch die Kloppo-Schule in Mainz. Sie hat zweitens einen total kommunikativen, offenen Menschen bekommen, einen lustigen Menschen, mit dem man gerne Zeit verbringt. Ich weiß nur nicht, ob er so viel Zeit hat. (lacht) Auf jeden Fall ist er ein authentischer Typ, der Dinge so anspricht, wie er sie empfindet. Auf diesen spannenden Kerl können sich alle freuen.

Macht er Ihnen Konkurrenz im Rennen um den Titel des geilsten Trainers der Bundesliga?

Es ist nicht mein Anspruch, der Geilste zu sein. Und beste Freunde gönnen einander alles.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSandro SchwarzJürgen KloppMainzMainz 05Wolfgang FrankSV Wehen WiesbadenBorussia MönchengladbachChristopher Street Day