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Probleme in Dortmund

Kann Favre noch BVB?

Von Daniel Theweleit
 - 08:53
Im Mittelpunkt beim BVB: Dortmunds Trainer Lucien Favre

Im vergangenen Jahr ist eine Biographie über den Fußballtrainer Lucien Favre mit dem naheliegenden Titel „Der Bessermacher“ erschienen. Der 62 Jahre alte Schweizer hat seit Jahren den Ruf, seine Mannschaften zuverlässig auf ein höheres Niveau zu führen, ebenso wie einzelne Spieler. „Peu à peu“, wie er gerne sagt. Auch in der Woche vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) hat Favre diesen hübschen Gallizismus verwendet. Allerdings hakt es derzeit mit dem Fortschritt.

Bundesliga

In der vergangenen Woche sind die Dortmunder mit einer 2:3-Niederlage bei Werder Bremen aus dem Pokal ausgeschieden, bevor sie vier Tage danach 3:4 in Leverkusen verloren. Trotz über weite Strecken überlegen geführter Spiele. Diese beiden Niederlagen mit sieben Gegentoren haben die Atmosphäre rund um den Klub grundlegend verändert. Nach drei Siegen in den ersten Spielen zum Rückrundenauftakt, ist spätestens jetzt klar: Auch im Jahr 2020 bleibt die Defensive eine gefährliche Schwachstelle.

Die Frage, warum der Bessermacher in all seinen Monaten in Dortmund an dieser Stelle einfach keine nachhaltigen Fortschritte hinbekommt, gehört zu den großen Rätseln der Liaison zwischen Borussia Dortmund um den Fußballtüftler aus dem Bergdorf Saint-Barthélemy. 32 Gegentreffer hat der BVB im laufenden Spieljahr bereits zugelassen, im Vorjahr waren es nach 21 Spieltagen nur 23. Im Sommer wurden mit dem Weltmeister Mats Hummels und dem Nationalspieler Nico Schulz zwei teure Spieler explizit als Stabilisatoren für die wankende Defensive verpflichtet, in der Winterpause kam nun Emre Can neu dazu – ohne klar erkennbaren Effekt. Wie eine Krankheit, die mit den falschen Medikamenten behandelt wird, lässt sich das Problem einfach nicht aus der Welt schaffen.

Klare Botschaften des Zweifels

„Der Trainer macht Videositzungen mit den Spielern, aber natürlich auch auf dem Trainingsplatz“, das sei der Weg Favres, sagt Sportdirektor Michael Zorc. Und Favre selbst erklärt: „Die einzige Lösung ist: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich sehe keine andere.“ Aber die jüngsten Ergebnisse forcieren eine Diskussion, die bereits während schwächerer Phasen im Frühjahr und im Herbst 2019 geführt wurde: Funktioniert dieser stark fachlich ausgerichtete Ansatz des Trainers bei einem von großen Emotionen bewegten Verein wie dem BVB? Es gibt schließlich noch diese andere Möglichkeit, die Flut der Gegentore zu bekämpfen.

Der BVB müsse „dreckiger“ spielen, hat Emre Can am Samstag in Leverkusen vorgeschlagen und damit an eine Debatte angeknüpft, die den Klub schon in der Hinrunde bewegte. Damals hatte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gefordert, dass die Dortmunder Profis „bereit sind, mit dem Messer zwischen den Zähnen Fußball zu spielen“. Torhüter Roman Bürki erklärte, seine Kollegen sollten mehr „wie Männer“ spielen, und Watzke kam zu dem Schluss: „Nur mit schönem Fußball wird das nichts!“

Im Subtext waren das auch immer kleine Botschaften des Zweifels am Trainer. Zwischenzeitlich geriet die Debatte etwas aus dem Fokus. Kapitän Marco Reus wollte nichts wissen von der „Mentalitätsscheiße“, und das Auftauchen des wundersamen Stürmers Erling Haaland hat im Januar alles andere überstrahlt. Nun ist der erste Hype um den Norweger abgeklungen, es geraten wieder Aspekte des Mannschaftssports in den Fokus. Zum Beispiel der Fakt, dass kein Bundesligateam weniger foult als die Dortmunder. Spielen die Profis des Titelkandidaten also immer noch nicht „wie Männer“? Für eine überdurchschnittlich faire Spielweise „gibt es keine Punkte“, sagt Zorc mit kritischem Unterton, wobei der Sportdirektor mittlerweile gelangweilt wirkt von dem lästigen Thema, das so zuverlässig wiederkommt, wie der nächste Regentag. „Das ist alles das Gleiche am Ende des Tages. Was wir brauchen, ist bei jedem einzelnen Spieler das Bewusstsein, das eigene Tor zu schützen.“

Weil die angestrebte Entwicklung trotz neuer Spieler, trotz Ansagen aus der Klubführung und trotz verschiedener Systemumstellen und trotz der akribischen Alltagsarbeit ausbleibt, landen Beobachter bei der Ursachenforschung automatisch bei Favre, der als Mensch immer noch sehr beliebt ist. Die Arbeitsweise liege etwas zu einseitig im Fachlichen, sagen die Kritiker. Es geht immer noch um die große Frage, ob dieser Trainer seine Schüler zwar tief hineinführt in die theoretischen Feinheiten des Verteidigungsspiels, darüber aber die emotionale Seite vernachlässigt, die eben auch relevant ist, wenn es gilt, einen knappen Vorsprung gegen eine leidenschaftlich kämpfenden Gegner zu halten.

Diese Dortmunder entwickeln echte Hingabe derzeit vor allem, wenn sie den Ball haben und angreifen. Traditionalisten wünschen sich daher, dass Favre die Spieler öfter durch laute Ansprachen oder wilde Gesten am Spielfeldrand aufrüttelt. Aber große Trainer schaffen es, ihre Teams auf verschiedenen Wegen emotional zu berühren. Das Spiel gegen die Frankfurter, von denen niemand verlangen würde, öfter mit Messer zwischen den Zähnen zu spielen, kommt zu einem interessanten Moment.

Quelle: F.A.Z.
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